Autor: Lennart Novalian

  • Alter Körper im neuen Gewand

    Alter Körper im neuen Gewand

    Schon lange ist es her, dass ich eine Neuigkeit hier veröffentlich habe. Nun ist es endlich wieder so weit und dies aus einem freudigen Anlass:

    Ich habe mich endlich dazu durchringen können, die Website zu überarbeiten, zu modernisieren und mehr meinen Ansprüchen anzupassen. Das bedeutet nicht, dass sie bereits fertig ist, ich mich aber auf einem Weg befinde, den ich als den richtigen für mich und meine Texte empfinde.

    Was in den nächsten Tagen und Wochen unter anderem noch kommt:

    • Weltenseite zu Silhaine und Minarveia
    • Eine Aktualisierung und Weiterführung von Informationen
    • Hoffentlich einige neue Texte

    Der Grund für die Überarbeitung ist eine angestiegene Reife und ein mittlerweile wesentlich breiteres Spektrum meiner Arbeit. Früher war es schlicht Fantasy und hin und wieder einige kleinere Ausbrüche, mittlerweile befinde ich mich in einem stetigen Wechsel zwischen verschiedenen Themenbereichen. Um die Übersichtlichkeit zu wahren und das alles in eine ordentliche Struktur zu bringen, braucht es diese Überarbeitung.

    Die Feder steht nie still

    Lennart Novalian

  • Zwischen Buch und Angel

    Der erste Tag in der neuen Klasse der Oberstufe ist angebrochen. Ihre Schullaufbahn war bisher nicht die beste. Es gilt, ein weiteres Jahr durchzustehen, um am Ende mit ebenso wenig Ideen für die Zukunft wie zuvor schon die Klassenstufe erfolgreich abzuschließen. Das war ihr gefasster Plan. Doch Pläne sind dafür da, durchkreuzt zu werden, wie ihr ihre neue Klassenkameradin eindrucksvoll beweist.

    Eine romantische Geschichte. In Arbeit.

  • Cailandiar – Die weiße Maid: Das Erwachen

    Cailandiar – Die weiße Maid: Das Erwachen

    Die junge Anneria wächst unter widrigsten Bedingungen in einem Freudenhaus auf. Sie ist das Ziel täglicher Verachtung aufgrund ihrer Abstammung. Erst eine unverhoffte Bekanntschaft ändert dies, die sie samt ihrer engsten Vertrauten mit auf eine Reise in eine mystische Welt nimmt, um diese zu ergründen und schlussendlich sich selbst zu finden.

    Der erste Band des Zyklus „Die weiße Maid“. In Arbeit.

  • Wenn die Flamme spricht

    27.05.2025


    Vielleicht kommt der Inhalt der Geschichte bekannt vor. Hierbei handelt es sich um eine neu geschriebene, alte Geschichte, die ich schon vor vielen Jahren geschrieben habe. Die alte Geschichte hier lesen: Eine Lagerfeuergeschichte.


    Das Feuer in der Mitte knisterte und warf orangene Lichter wie umgekehrte Sternschnuppen in den Himmel. Das Züngeln der Flammen hatte etwas Beruhigendes. Diese wirkten, als wollten sie nach den unzähligen am Nachthimmel funkelnden Sternen greifen, die sie im Lichtspenden in den Schatten stellten. Ein Tanz, der willkürlich und sogleich wie gedacht wirkte. Anmutig und wild zugleich.

    In ihrer typischen Art kehrte sie schwungvoll aus dem Zelt zurück. Ohne ein Wort setzte sie sich neben ihn auf den umgefallenen Baumstamm, der ihnen als Bank diente. Eine Flasche hatte sie mitgebracht, die sie erfolglos zu öffnen versuchte. Gerade als er danach greifen wollte, konnte man das leise Zischen vernehmen. Die Verkündung, dass sie es geschafft hatte. Die ausgestreckte Hand ließ er langsam sinken, als sie die Flasche demonstrativ mit triumphierendem Grinsen erhoben hielt. Es wirkte, als wolle sie ihm einen mühsam ausgegrabenen Schatz präsentieren. Diese hob sie dann an die Lippen, um einen kräftigen Schluck zu nehmen. Ein leises Gluckern war dabei zu hören. Es übertönte deutlich die Geräusche des Feuers und die Stille der Nacht. Mit einem wohligen Seufzen setzte sie das gläserne Gefäß wieder ab und stellte es auf den Boden. Es gelang ihr erst nach einem Nachfassen, ihr einen sicheren Stand zu geben. Ihre Tollpatschigkeit gehörte zu ihr. Sein Blick wanderte zurück in das Feuer. Die Szenerie ließ ihn schmunzeln.

    Die Luft war nicht kalt. Es war gerade so kühl, dass sich das Entzünden eines Feuers lohnte. Schon seit drei Tagen befanden sie sich mit ihrer kleinen Gruppe auf einem Ausflug in die Wildnis. Lange hatten sie diesen geplant. Dank der unterschiedlichsten Ereignisse hatte er sich aber immer wieder verschoben.

    Unvermittelt legte sie ihren Kopf an seine Schulter. Aus dem Augenwinkel sah er hin zu ihr. Ihre angenehme Wärme konnte er spüren, die ihm noch lieber als die des Feuers war. Schweigen breitete sich aus. Ihre Augen hatte sie in den Himmel gerichtet, um die Sterne zu beobachten, wie er es auch tat. Bis zu diesem Moment. Nun betrachtete er einen anderen Stern. Nicht einen Atemzug dachte er daran, sich der Annäherung zu erwehren.

    Leise Worte ertönten von der anderen Seite im geradezu missbilligenden Ton, wo sich zwei andere der kleinen Gruppierung unbemerkt gesetzt hatten. Durch das Feuer hindurch waren sie nicht weiter wahrzunehmen. Zwei seiner alten Klassenkameraden, die er an der Stimme erkannte. Seit einigen Jahren waren sie nun schon aus der Schule, doch hatten sie nie den Kontakt verloren. Um den Ursprung klar zu sehen, hätte er sich bewegen müssen. Ein Gedanke, den er im Keim bereits erstickte, immerhin würde er so die im Moment gebrauchte Lehne entziehen.

    „Stimmt etwas nicht?“, fragte er laut genug, dass sie es hören konnten. Die Stimme klang dabei nicht genervt und unfreundlich, aber kühler als es die Nacht selbst war. Eine Antwort blieb aus. Das war typisch für die Beiden. Er hatte einen Verdacht, wer der zweite junge Mann war. Das aufkommende Getuschel würde ohne Unterlass weitergehen. Das war nun einmal ihre Art. Dagegen konnte und wollte er nichts machen. Am Anfang hatte es ihn genervt, aber mittlerweile konnte er darüber hinwegsehen.

    Keine weitere Aufmerksamkeit schenkte er ihnen, sondern dem Schopf, nein, viel eher der Mähne an roten Locken, die wie ein natürliches Kissen den Kopf polsterte. Das Haar verdeckte ihr Gesicht. Im Schein des Feuers wirkte es noch intensiver. Auch den sanften Duft nach Apfel konnte er von diesem vernehmen. Ein zufriedenes Lächeln legte sich auf die Lippen. Weitere Wortfetzen drangen an sein Ohr. Was sie sagten, konnte er nicht verstehen. Etwas Gutes konnte es allerdings nicht sein. Selbst wenn sie schon lange befreundet waren. In diesem Moment war es ihm egal. Die angenehmen Teile der Situation trösteten ihn mit Leichtigkeit darüber hinweg.

    Etwas regte sie sich, sodass sein Arm frei wurde. Mit einem tiefen Durchatmen nahm er all seinen Mut zusammen, den er zuvor noch nie aufbringen konnte. Er legte ihn langsam und vorsichtig um ihre Schultern, als könnte er ihr damit Schaden zufügen. Viel eher war es aber, weil er nicht zu aufdringlich sein wollte. Es störte sie nicht. Sicher war er sich dem, als sie ihren Kopf zurück an den vorigen Platz legte, als hätte sie genau das gewollt. Ein Lächeln schenkte sie ihm, welches er erwiderte. Der Schein des Feuers gab ihrem sanft geschnittenen, runden Gesicht eine besondere Note. Die Blicke von der anderen Seite konnte er auf sich spüren. Ihre Beziehung zu ihm hatten sie nie verstanden.

    Bewegungen waren dann zu vernehmen. Scheinbar erhoben sich die, die sich zuvor erst gesetzt hatten. Ihnen war die Atmosphäre scheinbar zu aufgeladen. Riesige Schatten warfen sie hinter sich auf die Landschaft. Über das Feuer hinweg konnte er die Gesichter erkennen, die sich als jene herausstellten, die er schon vermutet hatte. Ihre Blicke trafen sich. Einen wirklichen Gesichtsausdruck konnte er im Spiel des Lichts nicht erkennen. Aber wie das Getuschel zuvor, so war ihm dieser auch egal.

    „Wir werden uns noch ein wenig die Füße vertreten, dann könnt ihr euch weiterhin so ‚intensiv‘ unterhalten.“, sprach der eine und entlockte dem anderem etwas, was wie ein Schnauben klang. Noch bevor der Angesprochene reagieren konnte, setzten die Beiden sich in Bewegung. Eine weitere Anstrengung, um etwas zu erwidern, unternahm er nicht. Lediglich schüttelte er den Kopf. Mehr als eine Motte, die zum Licht kam und sich die Flügel daran versengte, waren sie nicht für ihn.

    „Lass sie gehen. Die sind wahrscheinlich nur eifersüchtig.“, erklang die ruhige, helle und weiche Stimme von seiner Schulter. Hörbar amüsiert war diese. Sie pflichtete ihm bei und nahm es locker, wie alles. Mittlerweile war er ebenso. Stets strotzte sie vor positiver Energie und sog ihre Umgebung mit in diese hinein. Er aber wusste, dass sie mit ihrer Vermutung nicht ganz Unrecht hatte.

    „Wahrscheinlich. Oder sie müssen sich noch einmal in das Unterholz schlagen.“, erwiderte er im ebenso amüsierten Ton. Es war einmal mehr eine ihrer verspielten Konversationen. Seit er sie in der Schule kennengelernt hatte, waren sie auf einer Wellenlänge. Schon nach dem zweiten Aufeinandertreffen hatten sie sich angefreundet. Seitdem waren sie unzertrennlich. Die regelmäßigen Treffen mit ihr sind immer die Höhepunkte seiner Woche.

    „Tja, so ist das nun einmal bei den alten Männern.“, war die freche Erwiderung daraufhin, die ihn zum Auflachen brachte. Wie aus Reflex drückte er sie einmal an sich. Die Haltung des Arms entspannte sich, als er merkte, was er da tat. In seinem Kopf verfluchte er sich für diese Reaktion, die mehr Instinkt war. Gegenwehr konnte er nicht spüren. Es störte sie nicht. Deutlich fühlte sie sich wohl in der Umarmung.

    „Dann wäre ich auch alt. Du solltest bedenken, wer hier das Küken ist“, meinte er ruhig mit einem Schmunzeln und einem neckenden Unterton in der Stimme. Als er sie kennenlernte, war sie zwei Klassenstufen unter ihm. An den Tag des Schulfestes erinnerte er sich noch sehr gut. Zuerst trafen sie sich am Kuchenstand, den er auf dem Schulfest betreute. Dort suchte sie sich über das Backen philosophierend einige Stücke des Kuchens aus. Einige Wochen später traf sie in der Bibliothek auf ihn. Voller Neugier fragte sie, was er da las und konnte mit der erwähnten klassischen Literatur nichts anfangen. Als er ihr erklärte, dass es sich dabei um ein tolles Rezept handelte, welches aber schwer zu verstehen ist, brach er damit unbewusst das Eis zwischen ihnen.

    „Im Kopf bist du genauso ein Küken. Allerdings nicht so bescheuert wie die anderen Typen. Das schaffen nicht viele, weißt du.“, erklärte sie, ohne sich dabei zu regen. Ihr wohltuendes Gewicht konnte er spüren.

    „Ich gebe mir Mühe.“

    „Bei einigen Dingen bist du allerdings ein alter Sack.“, fügte sie in ihrer frechen Art hinzu. Einmal mehr brachte sie ihn damit zum Auflachen. Mit einem Grinsen auf den Lippen sah sie zu ihm. Sie liebte es, ihn zu necken und er liebte ihre freche Art, Die Augen verharrten aufeinander. Schalk konnte er in ihnen tanzen sehen, aber auch etwas Undeutbares, was er so noch nicht gesehen hatte.

    „Prüfst du nun, ob ich schon die passenden grauen Haare habe?“, stieg er in seiner Ratlosigkeit als Ablenkung auf den Scherz ein. Seinen Arm ließ er dabei an ihrem Rücken herabgleiten, sodass sie mehr Bewegungsspielraum hatte. Auf seine Frage hin erhielt er ein Schütteln des Kopfes. Wie die Funken des Feuers tanzten die Locken dabei. Sie beugte sich ihm näher. Ihren Atem konnte er spüren. Den leichten Geruch von Honig roch er. Süß wie dieser war sie. Er wollte zurückweichen. Doch warum sollte er dies tun. Diese Frage stellte er sich selbst. Sie hatte mit Sicherheit keine böse Absicht. Sah man einmal von ihrer frechen Art ab, die sie gelegentlich in kleinere Schwierigkeiten brachte, war sie der liebste Mensch, den er kannte. Für jeden hatte sie ein gutes Wort oder einen herzlichen Rat übrig. Dabei war sie auch stets zuvorkommend.

    „Nein, ich überlege nur, ob die lang genug weg sind.“, hauchte sie. Mit jedem Lidschlag näherte sie sich. Schließlich überwand sie die letzten wenigen Zentimeter mit einem raschen Vorlehnen. Nach seinen Lippen haschte sie. Das weiche Gegenpaar konnte er auf den eigenen spüren. Perplex sah er sie an. Völlig überrumpelt war er. Das Gefühl des Kusses war ungewohnt. Seine Unerfahrenheit wollte er sich nicht anmerken lassen. Alle Mühe gab er sich, ihn zu erwidern. Dabei schloss er die Augen, um sich gänzlich auf sein Tun zu konzentrieren. Ob es ihm gelang, dabei war er sich unsicher. Dass sie sich nicht zurückzog gab ihm Mut, beruhigte ihn. Für einige Momente hielt der Kuss, den er mit all seinen Sinnen genoss, bevor sie ihn löste. Seine Lider hoben sich. Aus halb geöffneten Augen blickte sie ihn an. Im Schein des flackernden Feuers glänzten sie noch mehr als sonst. Sie leuchteten förmlich, ebenso wie ihr Lächeln. Einmal mehr ertappte er sich dabei, wie er in dem tiefen Braun versank, wie eine Pflanze im warmen Mutterboden. Ihr gesamtes Gesicht strahlte heller als jeder Stern am Himmel über ihnen. 

    Einige Lidschläge blieb es still. Noch bevor er etwas sagen konnte, griff sie nach seiner Hand. Mit einem Aufspringen erhob sie sich vom Stamm. Sie zog in sanfter Bestimmtheit. Im ersten Moment verstand er nicht, was sie wollte. Ihr Platz war perfekt und einen besseren würden sie so schnell nicht finden. 

    Als er sich nicht bewegte, sah sie erst über die Schulter, dann drehte sie sich um. Ihr Blick war eine stumme Frage, ob er sie denn begleiten möchte. Er würde es an jeden Ort der Welt. Nun wusste er, was er zuvor in ihren Augen gesehen hatte, diesen neuen Ausdruck. Es war eine Form der Zuneigung, die über das hinaus ging, was sie sonst zeigte. Eine Zuneigung, die er schon seit längerer Zeit empfand. Endlich sah er sie auch in ihr. Unweigerlich legte sich ein Lächeln auf seine Lippen. Dieses wirkte etwas dümmlich, aber das störte ihn nicht. Nur sie würde dieses sehen und sie war die Letzte, die über ihn urteilen würde.

    Noch einmal zog sie sanft. Diesmal erhob er sich auf den Deut hin. Die Unsicherheit rang mit der Vorfreude, dem bevorstehenden Erlebnis. Den ersten Schritt machte er. Damit hatte er die Unsicherheit gänzlich besiegt. Leise war zu hören, wie etwas umfiel. Ungeachtet dessen zog sie ihn hinter sich her, hin zum noch geöffneten Eingang des Zeltes, welches sie schlussendlich mit ihm betrat. Dann schlossen sich die Pforten aus Stoff. Das Wasser aus der umgefallenen Flasche versickerte derweil langsam im Boden. Würde hier vielleicht neues Leben entstehen?

  • Ein Tag wie jeder zuvor

    15.04.2025

    Am Rand des Dachs stehen Vögel Spalier,

    Beobachten mich, singen nach ihre Rufe.

    Von Spott und Hohn erfüllt sind sie schier.

    Meine Musik, bis zum Erklimmen der Stufe

    Hinauf zur Tür. Mit müde quietschendem Laut

    schwingt sie auf, gibt die Sicht auf das Innen,

    Was ein anderer mühselig für sie erbaut,

    frei. Verfangene Gesichter, wie in von Spinnen

    errichteten Netzen, grüßen monoton und leis,

    und gehen weiter nach ihrem täglichen Werk

    Für dass sie in Lebenszeit zahlen den Preis.

    Dabei wird bei anderen das Geld zum Berg.

    Ich setze mich nieder,

    Strecke meine Glieder,

    Lege Finger auf Tasten,

    Nehme ihnen die Lasten,

    Für ein sorgenfreies Leben

    Welches sie uns nicht geben.

    Wird der Reichtum geteilt

    Werden die Wunden geheilt

    Bei reich wie auch bei arm

    Bleibt der Herd immer warm

    Daran soll die Welt gesunden

    Die durch die Gier geschunden.

    Der Tag, trist, findet sein gewohntes Ende.

    Auf dem Weg nach Haus gekauft, kehre

    Mit der Flasche in meine uneigenen Wände

    Um den Tag mit des unreinen Geistes Schwere

    Aus meinem Kopf – heute nur – zu vertreiben.

    Die Sonne sinkt, die Nacht die Stadt umfängt.

    Im Bette liegend die Gedanken doch bleiben

    Die morgendliche Wiederkehr, sich aufdrängt,

    Wieder bringt das alltäglich gewohnte Leiden.

    Vom Schlaf verschont, aus dem Bett erhoben

    Will ich heute alle weiteren Gedanken meiden

    Um mit dem umherziehenden Mob zu toben.

    Die Sonne erwacht am Horizont,

    mit ihr erklingt des Weckers Horn

    Rufend, zurück an die Front,

    Und das Spiel beginnt von vorn.

  • Vom Hier und Jetzt

    Glänzende Schwingen aus Stahl im Blau

    Entlassen einen lauten Schrei aus Feuer

    Vernichtet Haus, Kind, Mann und Frau

    Ein von Monstern entfesseltes Ungeheuer

    Mit dem rauchenden Eisen an der Brust

    Kauern sie in ihren Gängen aus Dreck

    Stillen eines anderen Mannes Lust

    Auf Macht und werfen dafür Leben weg.

    Sitzen in Beton am ruhigen hölzernen Rund

    Gedeckt mit der anderen Ländern Welten

    Teilen auf, stopfen ungeniert in ihren Schlund

    Und feiern sich als des Friedens große Helden.

    In den Köpfen der Welt ein Samen gesät

    Der bereits keimt und schon wuchert, wild.

    Die Waage in Ranken geschlungen, gerät

    aus dem Gleichgewicht in ein absurdes Bild.

    Die Augen zu offen, weit nach Innen gekehrt,

    strikt gegen Verstand und Vernunft gewehrt,

    gelingt dem Wahn über Menschen ein teurer Sieg.

    Überlasst es nicht dem willkürlichen Lauf

    Zerstreut die Lügen und haltet sie auf –

    Erst die hungernden Monster, dann den Krieg.

  • Der Krumme

    18.12.2024

    Einsam sind die verworrenen Wege,

    hinweg über Hügel, Wiesen, Stege.

    Das Gefühl, hinter schwarzem Kleid versteckt,

    leuchtend in hellem Gold, noch nicht entdeckt.

    Die sanfte, liebevolle Seele selbst gefangen

    Gehindert daran, im Leben hinaus zu gelangen.

    Hindurch durch Wälder, am Bach vorbei,

    Des Denkens Magie schafft aus wenig Allerlei.

    Voller Drang etwas Gutes zu vollbringen,

    Will innerer Aufbruch doch nicht gelingen.

    Will Freude und Frieden für andere erreichen,

    Lässt dabei das Selbst ungeachtet weichen.

    Das fehlende Geld lastet schwer in den Taschen,

    Macht Platz für die den Tag leerenden Flaschen.

    Das Zuhause nicht mehr als ein Feuer und Topf,

    Ist Heimat großer Tisch und Bett unter dem Schopf.

    Der Zauberstab eine von Tinte triefende Feder,

    Schreibt auf allem, Papier, Stein oder Leder.

    Die Bretter, die die vielen Welten bedeuten,

    Unbeachtet, Besetzt gern von anderen Leuten

    Deren Fäden fein gesponnen, verwoben,

    Der Zug daran, sanft bestimmt, von weit oben.

    Der Welten Gesetz ist eine treibende Kraft,

    Die doch nicht das gänzliche Schweigen schafft.

    Wo auch immer Fragen, wo Lücken zu sehen,

    Der Drang die tiefere Bedeutung zu verstehen.

    Mit Träumen gesegnet, von Träumen geplagt,

    Einst dem Wahn den tiefen Sinn entsagt.

    Gedreht, gewendet, in die Flucht geschlagen,

    Wird es nur in schwachen Momenten wagen.

    Der Zauberspruch, stumm getipptes Gebet,

    Aus dem schon die nächste Welt entsteht.

    Gebeugter Gang, das Laufen schwer,

    Ist das hohe Haupt stets gesenkt.

    Der Blick, von der Umwelt leer,

    mit geschlossenen Lidern gedenkt

    Der Welten in seinem freien Geist

    Der sonst nur Chaos, Wahnsinn heißt.

  • Weg zum Glück

    01.05.2024

    Hinter ihm schlossen sich die Türen. Das übliche Geräusch, welches sie dabei machten, war aufgrund der Kopfhörer auf seinen Ohren nicht für ihn zu hören. Die Musik war in mittlerer Lautstärke, doch laut genug, um den Rest seiner Umgebung auszublenden, wie er es am frühen Morgen meistens tat. Ebenso war dies der neuesten Technologie zu verdanken. Mit einem zufriedenen Blick durch die Stadtbahn stellte er fest, dass sein Platz frei war, auf den er ohne Weiteres zuging. Jeden Morgen wählte er den gleichen, weil er sich so am wohlsten fühlte. Zwischen die beiden Bänke schob er sich. Den Rucksack nahm er von den Schultern, um ihn unter dem Sitz zu verstauen, auf den er sich dann setzte. Sogleich ließ er sich ein Stück weit hinabsinken, um so eine bequemere Position einzunehmen, so gut es ihm möglich war dank der vorderen Bank. Ein Seufzen unterdrückte er gerade so. Er mochte es nicht, zu offen seine Gefühle zu zeigen und dies gehörte dazu. Außerdem war er lieber unauffällig in der Öffentlichkeit. Gerade als er den Blick aus dem Fenster hinaus wendete, setzte sich die Stadtbahn wieder in Bewegung. Hören konnte man es nicht, doch umso besser spüren. Es war ein schönes Gefühl für ihn, nahe der Schwerelosigkeit, auch wenn er wusste, dass es bei Weitem nicht so war. Es hatte eigentlich nur sehr wenig damit zu tun.

    Ins Innere der großen Stadt ging die allmorgendliche Reise. Silhaine, seine Heimat, die sich weit ausbreitende Stadt am mit Wald bewachsenen Silberberg, woher sie auch ihren Namen hatte. Die äußeren Bezirke, mehr kleine Vorstädte, welche dünner besiedelt waren und größtenteils mit Ein- oder Zweifamilienhäusern besetzt, wichen langsam schon den ersten Wohnblöcken, die mit viel Glas und Grün verziert waren. Im Sommer sorgte dies für eine angenehme Kühle und im Winter für weniger Wärme, die benötigt wurde, um sich im Inneren der Gebäude wohlzufühlen. Außerdem ließ es die Stadt durchgängig natürlich erscheinen und nicht wie eine Betonwüste, wie es in Städten über dem Atlantik der Fall war. Etwas, worauf man im grünen Herzen Deutschlands noch einmal besonderen Wert legte.

    Am Stadtrand hielt die Bahn an. Zwar konnte er nicht die Durchsage verstehen, allerdings vernahm er die Stimme aus den Lautsprechern, die den Namen der Haltestelle nannte, wie ein weit entferntes Flüstern. Die Türen öffneten sich. Weitere Beachtung schenkte er dem nicht. Keine Minute brauchte es, bevor sich das Verkehrsmittel mit einem sanften Ruck in Bewegung setzte, um die Fahrt ins Stadtzentrum fortzusetzen. Die Wohnblöcke wuchsen auf dieser an. Von drei Etagen zu vier, dann zu sechs und acht, als würde man durch ein altes Familienalbum mit Bildern der Kinder blättern, die langsam erwachsen wurden. Dank der erhöhten Position der Stadtbahn wirkten die Gebäude wesentlich kleiner, als sie eigentlich waren. Viele Male war er schon zwischen ihnen hindurch gelaufen und hatte sich davon selbst überzeugen dürfen. Oder müssen. Allzu oft und vor allem gerne hielt er sich nicht in diesem Viertel auf.

    Auch einige der ikonischen Bauten zeigten sich, wo sie über die Dächer ihrer Umstehenden ragten. Jener, auf den er zusteuerte, war durch seine Größe im relativen Zentrum der Stadt bereits gut ersichtlich. Dabei handelte es sich um eine der neuesten Errungenschaften der grünen Großstadt. Der Turm, der seine Arbeitsstätte beherbergte, war schon von weit außerhalb zu erkennen, wie er über die Dächer der zumeist älteren Gebäude des Stadtkerns ragte. Auch die hohen Kirchtürme konnte er dabei locker überwinden. Die Stadt war noch nicht so alt, als dass sie eine große, mittelalterliche Altstadt aufwies, wie es zum Beispiel die Landeshauptstadt tat, aber ihre Geschichte reichte mehr als drei Jahrhunderte zurück und gab genügend Möglichkeit, um in der Mittagspause durch die engen Gassen zu schlendern. Es war eine schöne Abwechslung zur ansonsten eher tristen Arbeit, der er tagtäglich nachging. Die mangelnde Kreativität bei der Entwicklung von simplen Programmen konnte es geringfügig ausgleichen. Eigentlich hatte er sich vorgestellt, bei der Spielentwicklung zu arbeiten. Nein, es war nicht nur eine Vorstellung, es war ein Wunsch, ein Traum sogar. Einer dieser Entwickler befand sich mit im Turm, doch leider hatte er keine Verwendung für seine Fähigkeiten und so hatte er sich für die zweitbeste Möglichkeit entscheiden müssen. Nicht nur einmal war er mit sehnsüchtigem Blick an den großen Fenstern hängen geblieben, hinter denen kreative Werke entstanden, an denen er gerne teil gehabt hätte. So blieb ihm nur die Hoffnung, dass man auf sein in der Freizeit geschaffenes digitales Werke aufmerksam würde. Ein kleines Spiel, an dem er schon seit seiner Schulzeit arbeitete. Begonnen hatte alles im Informatikunterricht. Das war fast schon ein Jahrzehnt her. Nun war es seine liebste Beschäftigung, wenn es seine Zeit erlaubte.

    Ein weiterer Halt ließ die Bahn stoppen und wieder war die Stimme aus dem Lautsprecher zu vernehmen, die keine Chance gegen die Musik auf seinen Ohren hatte. Nur geringfügig konnte er sie durch die Klänge der akustischen Gitarre hindurch vernehmen. Als der sanfte Gesang einsetzte, war sie gänzlich verstummt. Mit einem Ruck setzte sich sein Vehikel nach etwas mehr als einer Minute erneut in Bewegung. Nun, wo sie mehr in die Stadt kamen, füllten sich auch die Sitze. Zum Glück hatte sich noch niemand neben ihn setzen wollen. An anderen Tagen war dies bereits öfter geschehen. Er war zwar nicht menschenscheu, doch hatte er am Morgen lieber seine Ruhe. Eine seiner Eigenheiten, von denen sein Umfeld wusste und es akzeptierte. Seine Kollegen sprachen erst nach zehn Uhr mit ihm, wenn es sich bis dahin vermeiden ließ. Dafür begegnete er ihnen dann umso freundlicher. Das, was man ihm auftrug, erfüllte er und so hatte er auch nie trotz dieser Eigenheit Probleme mit seinem Vorgesetzten. Ein kurzes Lächeln zeigte sich bei dem Gedanken auf seinen Lippen. Sein Chef, mittlerweile auch ein guter Freund und einer der Gründe, warum er überhaupt noch dort arbeitete, nannte ihn deswegen gerne den Morgentroll. Dieser Begriff hatte es mittlerweile bis in sein Spiel geschafft.

    Die Gebäude rauschten vorbei. Direkt in der Stadt standen sie näher an den Gleisen der Bahn, sodass man ins Innere einiger Fenster sehen konnte, die nicht von Gardinen oder anderem Sichtschutz verhangen waren. Dank der Geschwindigkeit war es viel zu wenig Zeit, um wirklich etwas erkennen zu können. Leben befand sich aber hinter all den Scheiben. Keine einzige der Wohnungen stand leer. Die Beliebtheit der Stadt war der grundlegende Auslöser dafür. Es gab genügend Arbeit, gute Unterhaltungsmöglichkeiten und nur wenige Probleme. Ein idealer Ort zum Leben. Deswegen würde er so schnell die Stadt auch nicht verlassen. Dafür musste anderes passieren. Etwas, was das Bild der Stadt für immer verändern würde.

    Gerade als das Lied auf seinen Ohren zum Ende kam, hielt die Bahn und so war die Stimme nun deutlicher zu vernehmen, ebenso das Lachen von Kindern, welches ihn seinen Blick über die Schulter richten ließ. Eine Familie stieg gerade ins Innere. Eine junge Frau, ihr Mann und an den Händen jeweils ein Junge und ein Mädchen im Alter von sechs Jahren. Beim Schätzen war er allerdings nie gut. Weiter hinten im Gang konnte er ein weiteres Pärchen erkennen, jünger noch und ohne Kinder. Wie sie aneinander hielten, zeigte deutlich, dass sie frisch verliebt waren oder das Glück hatten, den richtigen Partner fürs Leben gefunden zu haben. Die Köpfe steckten eng beieinander und obwohl sie sich weiter entfernt zu ihm befanden, konnte er doch die von Zuneigung überquellenden Blicke erkennen. Diesmal konnte er das Seufzen nicht unterdrücken, mit dem er sich wieder in den Sitz fallen ließ, nachdem er seine Beobachtung abgeschlossen hatte. Das Blut schoss ihm dabei in die Wangen. Instinktiv ging seine Hand in die Hosentasche, hin zum Happ, jenes kleinen handlichen Apparates, der zum Kommunizieren und für allerhand anderes nützlich war, um die Musik noch etwas lauter zu machen. Den Blick wendete er wieder aus dem Fenster hinaus, in der Hoffnung, dass ihn niemand gehört hatte. Bei der Geräuschkulisse, die innerhalb der Bahn normalerweise herrschte, war es schwierig, doch konnte er es nicht genau sagen. Kleiner machte er sich auf dem Sitz, dann schloss er die Augen, als könnte er sich damit noch besser verbergen. Er schien unbemerkt zu bleiben.

    Erst beim nächsten Halt hoben sich seine Lider. Ein kurzer Blick ging umher, verstohlen fast schon, wobei er an einer der Türen eine junge Frau erkennen konnte. Das weizenblonde Haar hing ihr in franzigen Strähnen ins Gesicht. Es reichte bis zu den Schultern, die es umspielte. Strahlend blaue Augen sahen durch die Bahn hindurch. Es wirkte, als würde sie etwas suchen. Wahrscheinlich war es aber nur ein Sitzplatz, wie es bei den meisten Fahrgästen der Fall war. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke. Eine Reaktion konnte er in ihrem Gesicht nicht erkennen, bevor er seine Aufmerksamkeit zurück auf das Fenster lenkte. Den Kopf drehte er dabei so schnell, dass seine Nackenwirbel ein leises Knacksen von sich gaben. Er kannte sie, dem war er sich sicher. Jedenfalls fast sicher. Nicht so sehr, als dass er sie ansprechen würde. Das würde er ohnehin von sich aus bei den wenigsten Frauen. Auch als sie sich direkt neben ihn setzte, ohne zu fragen, änderte dies nichts an seinem Vorbehalt. Mehr schob er sich in die Ecke zwischen Fenster und Sitz. Eine Berührung wollte er vermeiden. Zudem fühlte er sich wohler, wenn er eine gewisse Distanz zu Unbekannten wahren konnte, selbst wenn sie nicht so unbekannt waren. Nach dem gewohnten Ruck war das Gefühl der Bewegung zurück. Fest starrte er aus dem Fenster. Er drängte sich dazu. Der Wille war auf Dauer nicht stark genug und so blickte er für einige Momente zu seiner Sitznachbarin, die sich ihrem Happ widmete, auf dem sie herumtippte und las. Er vermied es aus Höflichkeit und Anstand, auf den Bildschirm zu sehen. Die Blonde ignorierte ihn. Für einen Moment ballte er die Hände zu Fäusten, entspannte sie aber schnell wieder, bevor es noch jemanden oder gar ihr auffallen würde. Nur schwer konnte er seinen Blick von ihr lassen. Ja, sie war es, eindeutig. Jenes Mädchen, mit dem er während seiner Schulzeit so viel zu tun hatte, mit der er so einige Dinge erlebt hatte und der er immer geholfen hatte, wann immer sie Hilfe brauchte. Dass sie ihn nun ignorierte, ließ etwas in ihm zerbrechen. Die rechte Hand wanderte in die Tasche. Die Musik schaltete er aus, behielt die Kopfhörer einer Tarnung gleich aber auf den Ohren. Gedämpft konnte er das Verkünden der nächsten Haltestelle hören. Diesmal hatte er noch nicht einmal das Anhalten bemerkt. Erneut spähte er zu ihr hinüber. Die Blicke trafen sich ein weiteres Mal. Auch diesmal war ihrem Gesicht keine Regung zu entnehmen. Kein Anzeichen dafür, dass sie ihn erkannte. Nicht einmal das kurze Zucken von Mundwinkeln. Schnell ließ er den Kopf zur Seite rucken, diesmal zum Glück ohne das Knacken, um aus dem Fenster zu sehen. Die Gebäude zogen schnell vorbei. Nervosität stieg in ihm auf, ein Gefühl der Unruhe geboren aus der Unsicherheit. Die Finger verkrampften sich. Er hob sie, um schlussendlich die Kopfhörer vom Kopf zu schieben, sodass sie locker um seinen Hals hingen. Langsam wendete er seinen Blick zu ihr, als könnte sie in der Zeit noch entscheiden, ob sie nun gehen wollte oder nicht. In seiner Güte ließ er ihr die Möglichkeit. Ein Teil von ihm wünschte sich, dass sie aufstehen würde, um zu gehen. Nach einigen Lidschlägen trafen sich die Augenpaare, als hätte sie es schon erwartet.

    „Hey.“, kam es über seine Lippen hinweg und im nächsten Moment hasste er sich dafür. Weniger eindrucksvoll hätte er das Gespräch nicht beginnen können. Nun hatte er es und es würde kein Zurück mehr geben. Der Gedanke zersprang wie ein Glas auf dem Boden, als er ihr kurzes Lächeln sehen konnte. Es wirkte ehrlich.

    „Hey.“, erwiderte sie daraufhin in fast identischer Tonlage. Die Stimme, die er schon seit Jahren nicht mehr gehört hatte, drang leise an sein Ohr, wie sie immer war. Sie hatte sich nicht geändert, kein bisschen. Nun war er sich vollkommen sicher, dass sie es war.

    „Entschuldige. Ich habe dich nicht gleich erkannt. Ich war mir unsicher.“, offenbarte er ihr. Das vertraute Gefühl, was er stets bei ihr hatte, kehrte sofort zurück. Es fühlte sich an, als wären keine fünf Jahre seit dem letzten eher flüchtigen Treffen vergangen. Damals waren sie zufällig auf der Straße einander begegnet. Mehr als ein paar Worte hatten sie nicht gewechselt. Beide waren in Eile gewesen. So hatte nsie sich genauso schnell verloren wie sie sich wiedergefunden hatten.

    „Schon gut. Das hätte ich auch nicht erwartet. Es ist immerhin schon länger her. Mir ging es gerade nicht anders.“, beschwichtigte sie und strich sich dabei eine der Strähnen aus dem Gesicht. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, waren ihre Haare noch deutlich länger gewesen und weniger franzig als jetzt, aber es passte zu ihr.

    „Viel zu lange. Tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe.“

    „Das muss dir nicht leid tun. Ich hätte es auch gekonnt.“, meinte sie sogleich mit gehobener rechter Hand weiter im beschwichtigenden Ton. Wahrscheinlich hatte sie bereits die Nummer gewechselt und er hätte sie ohnehin nicht erreichen können. Für lange Momente schaute er sie an. In seinem Kopf rasten die Gedanken. Verzweifelt versuchte er nach einem dieser zu greifen, um das Gespräch nicht schon hier ersterben zu lassen. In seiner Unbeholfenheit griff er auf das zurück, was immer funktionierte. Die Frage nach ihrem Wohlbefinden irritierte sie nicht einmal, als hätte sie genau damit gerechnet und so gab sie ihm rasch Antwort. Wie auch bei ihm, so hatte sich bei ihr einiges geändert. Nach dem Studium, in dessen Zeit sie sich aus den Augen verloren hatten, hatte sie Arbeit außerhalb der Stadt gefunden, allerdings nur befristet und so war sie nun wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Eine Familie hatte sie in der Zeit nicht gegründet, was ihn erleichterte. Rasch verwarf er den Gedanken. Wie auch er, so war ihre Arbeit eintönig und wenig erfüllend. Es reichte zum Leben, was für beide gleichermaßen die Hauptsache war. Das Gespräch glitt hin zum Schwelgen in Erinnerungen aus der Schulzeit, wobei er ihr einige Male auch ein Lachen entlocken konnte. Zumindest das hatte sich geändert. Früher hatte man sie nur selten lachen hören. Mit wenigen hatte sie nur gesprochen, sah man einmal von ihm ab. Ihre ernste, traurig wirkende Miene schreckte viele ab. Selbst die Lehrer ließen sie in Ruhe, wenn es nicht unbedingt sein musste. Dabei war sie ein intelligentes, tiefsinniges Mädchen. Auch daran schien sich nichts geändert zu haben.

    „Irgendwie war die Schulzeit viel zu schnell vorbei. Wie die anderen, die das Ende nie erwarten konnten, war ich gar nicht. Ich hätte noch ein paar Jahre mehr dranhängen können mit dir.“, gestand er ihr. Die Worte waren weitaus mehr ein Geständnis, als er es eigentlich geplant hatte. Aus dem Augenwinkel fiel ihm etwas auf. Sofort sprang er auf.

    „Verdammt, ich muss raus!“, kam es über seine Lippen hinweg. Sie zuckte noch nicht einmal dabei, obwohl er lauter war als beabsichtigt. Einige Leute blickten zu ihm. Gekonnt ignorierte er sie. Zur Seite drehte sie sich, sodass er an ihr vorüber aus der Bank rutschen konnte, was er auch gleich tat, nachdem er seinen Rucksack gegriffen hatte. Den nötigen Platz machte sie ihm dafür.

    „Warte.“, kam es von ihr bittend. Ihr Happ hatte sie gehoben. Er verstand, was sie wollte. Das eigene hielt er kurz an das ihre, dann schenkte er ihr ein weites Lächeln.

    „Ich ruf dich heute Abend an, versprochen.“, äußerte er noch, bevor er schnellen Schrittes hin zur sich öffnenden Tür ging, um ins Freie zu treten. Eine ganze Station zu weit war er gefahren. Dank des Gesprächs hatte er es nicht einmal bemerkt. In Richtung des Turmes schaute er, dann auf die Anzeige der Bahn. Zu Fuß würde es wesentlich länger dauern, als wenn er die andere Seite nehmen würde. Hinter der ausfahrenden Bahn vorbei stieg er über die Schienen. Ein gefährliches und verbotenes Unterfangen. Noch nie zuvor hatte er dies gemacht, doch in diesem Moment war es notwendig. Das Herabsteigen und Hinaufsteigen auf der anderen Seite in normaler Weise würde zu lange dauern. Die nächste Bahn würde er damit garantiert verpassen. Mit etwas Mühe hob er sich unter dem Kopfschütteln einiger anderer wartenden Fahrgäste wieder hinauf auf den Wartebereich. Er ignorierte auch diese. In den letzten beiden Jahren, die er bei seiner Firma arbeitete, war er noch nie zu spät gekommen und hoffte, dass sich dies nun auch nicht ändern würde. Außer Atem lehnte er sich gegen den kalten stählernen Mast der Anzeigetafel. Die Augen schloss er, nur um sie im nächsten Moment aufzureißen. Eine laute Sirene hatte ihn erschreckt. Ein Polizeiauto rauschte über die Straße neben der Bahn, dicht gefolgt von zwei weiteren und mehr. Eine ganze Kolonne war es, die sich unter dem Geheul der Sirenen durch die Straßen begab. Kleinere Einsatzwagen, aber auch Transporter. Es war ein spezielles Einsatzkommando. Verdutzt schaute er diesem nach, fuhren sie genau in die Richtung, in die er musste und aus der er zuvor noch gekommen war. Einen Schritt zur Seite machte er. Tuschelnde Stimmen waren von den Fahrgästen um ihn zu hören. Gerade als er auf die Anzeigetafel blickte, wechselte diese ihr Bild: „Gefahr!“.

    „Aufgrund einer aktuellen Gefahrenlage am Platz der Nationen wird umgehend der gesamte Bahnverkehr in und um die Stadtmitte eingestellt. Wir bitten um ihr Verständnis.“, erklang die Durchsage daraufhin aus den Lautsprechern. Einige der Leute eilten in einem Anflug von Panik die Treppen hinab, um schnellstmöglich die Station zu verlassen. Eine Gefahrensituation wie diese war man in Silhaine nicht gewohnt. Ihre Reaktion war verständlich. Er sah ihnen erst nach, dann auf sein vibrierendes Happ. Auch auf diesem war die Gefahrenmeldung zu lesen. Der Klang eines Hubschrauberpropellers unweit von ihm unterstrich es noch einmal. Wie gelähmt fühlte er sich in diesem Moment. Der Platz der Nationen war genau die Station, an der er sich nun eigentlich hätte befinden sollen. Blind machte er einige Schritte zurück und ließ sich auf die Bank fallen, als er diese in den Kniekehlen spürte. Auf das Happ starrte er hinab. So fiel ihm erst viele Momente später auf, dass sich ebenso eine Fehlermeldung auf diesem zeigte, in den Hintergrund geraten aufgrund der Warnung.

    „Kontakt konnte nicht verifiziert werden.“, war dort zu lesen. Er wischte es zur Seite. Darum würde er sich später noch kümmern. Etwas tippte er auf dem Happ umher, dann hielt er es sich ans Ohr. Eine bekannte Stimme erklang aus dem Gerät.

    „Wenigstens es geht ihnen gut. Sie haben frei für heute. Wir machen hier nichts mehr. Es wird gerade alles evakuiert.“, erklang auf seine Entschuldigung hin die Stimme der stets förmlichen Sekretärin. Zumindest darum musste er sich nicht mehr sorgen.

    „Vielen Dank. Wir sehen uns dann morgen.“, verabschiedete er sich, wobei er das leichte Zittern in der Stimme nicht unterdrücken konnte. Noch bevor sie die Möglichkeit hatte, etwas zu erwidern, beendete er den Anruf. Dann starrte er wieder auf den Bildschirm. Seine Finger strichen über diesen. Erst ohne Ziel, dann fiel ihm die Fehlermeldung wieder ein. Die Übertragung ihrer Nummer hatte nicht funktioniert, weil es diese angeblich nicht gab. Sein informationstechnisches Wissen würde ihm dabei auch nicht weiterhelfen. Das war nicht seine Sparte.

    „Entschuldigung. Aufgrund der Gefahrenlage würde ich sie bitten, umgehend die Station zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen.“, weckte ihn eine genervt wirkende und auf Zwang freundlich bleibende Stimme aus den Gedanken. Langsam hob er den Kopf, um in das Gesicht eines Polizisten zu schauen. Gerade als dieser ansetzte, seine Forderung zu wiederholen, erhob er sich. Ohne ein weiteres Wort ging er an ihm vorüber, um die Treppe hinabzusteigen. Einige Schritte über die Straße hinweg machte er. Nur im Augenwinkel fiel ihm dabei das Meer aus Sirenen auf und dass man bereits damit begonnen hatte, Absperrungen auf der großen Hauptstraße neben der Bahn zu errichten. Er ging weiter, ohne zu wissen, wohin. Er wusste noch nicht einmal, wo er sich in diesem Moment überhaupt befand. Das Happ hätte ihm dabei helfen können, doch auf diesen Gedanken kam er in seinem Zustand nicht. Den schrillen Ton der Sirenen ließ er hinter sich. Das war alles, was er wollte.

    In eine kleine Grünanlage brachten ihn seine Schritte, wie es viele in dieser Stadt gab, und dort ließ er sich erneut auf eine Bank sinken. Warm empfing ihn das Holz. Das Happ hatte er die gesamte Zeit fest umklammert. Nun sah er darauf. Noch einmal wischte er über den Bildschirm, dann rief er die Fehlermeldung auf und betrachtete diese einige Momente genauer. Die Gedanken wurden allmählich klarer. Ihren Namen kannte er zu gut und auch ihr Geburtsdatum hatte er nie vergessen. Jedes Jahr hatte er an diesem Tag an sie gedacht. In die Suchmaschine tippte er dies, um das NVE zu durchsuchen, das Netz des vereinten Europas, das alles und jeden auf digitalem Wege verband. Einige Suchanfragen wischte er zur Seite, dann erstarrte er. Das Foto, mit welchem sie unterlegt war, war genau das Gesicht seiner alten Schulfreundin, die laut dieser Anzeige bei einer Schießerei zwischen Regierungsmitarbeitern und Aufrührern als Nebenstehende vor drei Monaten ums Leben gekommen war. Seine Hand begann zu zittern. Mit dem Daumen wischte er die Anzeige schnell zur Seite. Gerade als er das Happ sperren wollte, vibrierte es wieder. Eine Nachricht zeigte sich. Eine Nummer, von der diese kam, war nicht auf dem Bildschirm zu sehen.

    „Vom Ast des Baumes aus, umgeben von Wind, der die Blätter rascheln lässt, sind die Wurzeln unter der Erde nicht zu sehen. Glaub nicht alles, was du liest.“, lautete der Text. Das Symbol eines Baumes begleitete diesen. Wie lange er auf diese Nachricht starrte, bekam er nicht mit, doch irgendwann sperrte er den Bildschirm. Dieser Tag würde ihm auf ewig im Gedächtnis bleiben.

    „Den jüngsten Informationen der Polizei zufolge sind bei dem Schusswechsel sieben Personen ums Leben gekommen, neun wurden zum Teil schwer verletzt. Den Berichten zufolge haben vier bewaffnete Männer das Feuer auf ein Haus am Platz der Nationen eröffnet, aus dem das Feuer erwidert wurde. Alle vier mutmaßlichen Angreifer sind tot geborgen worden. Das Sondereinsatzkommando stürmte das Haus. Weder konnten in diesem Bewohner, noch Verletzte oder Leichen aufgefunden werden. Es wird weiter über die Umstände des Anschlags ermittelt. Die Identität der Angreifer ist noch unbekannt.“

  • Die Tauben von Erfurt

    19.07.2023

    Sanft strich ihm der erste warme Sonnenstrahl durch das Gesicht. Schon zuvor hatte er das Gezwitscher und Singen der Vögel vernehmen können, zu dem sich ein weiteres Geräusch gesellte, welches ihm wohlbekannt war: Das Gurren einer Taube. Die Augen öffnete er, um hinaus aus dem Fenster zu schauen. Hoch oben über der Stadt hatte er einen Ausblick, den er an jedem Morgen genoss. Er bezweifelte, dass er dessen jemals müde werden würde. Die Dächer leuchteten ihm in den verschiedensten rotbraunen Farben entgegen, während sich am Horizont die Sonne in einem tiefen Rot über den Rand der Welt schob, um mehr der Stadt in ihr wärmendes Licht zu tauchen. Die dünne Decke schlug er von sich, dann setzte er sich auf. Die Hände rieben über die vom Schlaf noch gezeichneten Augen hinweg. Ein Gähnen ließ er erklingen. Geräuschvoll schloss er den Mund. Anschließend drehte er sich auf dem Bett mehr zur Kante, setzte die nackten Füße auf den Boden und erhob sich. Ein leises Knacken gab sein Rücken von sich, welches ein weiteres Mal hörbar wurde, als er die Arme über den Kopf hinweg streckte. Tief atmete er durch. Der Sommer machte mehr und mehr dem Herbst Platz. An den Temperaturen hatte sich dabei allerdings erst wenig geändert, zu seinem Glück. Also reichte ihm das T-Shirt, dass er sich griff, um es überzuziehen. Das kleine Schlafzimmer verließ er in Richtung des Bades. Die morgendliche Routine sollte folgen. Erst schlüpfte er unter die Dusche, dann putzte er sich die Zähne und kehrte schlussendlich in das Wohnzimmer zurück. Durch die Fenster fiel das rote Licht. Schatten warf es an die Wand, aus denen seine Fantasie im Nu Figuren machte. Schon oft hatte er auf seinem Sofa gesessen, um sie zu beobachten und sich vorzustellen, was sie sein könnten. Im Vorbeigehen streiften seine Finger über die Rückenlehne hinweg. Die Schritte führten ihn zur Balkontür, die er öffnete. Ein warmer Schwall frischer Luft kam ihm trocken entgegen. Die Augen schloss er für einige Lidschläge und öffnete sie erst wieder, als ihn das erneut erklingende Gurren dazu veranlasste. Mit einem Lächeln auf den Lippen trat er hinaus auf den Balkon, auf dem nur ein einsamer kleiner Tisch und ein Stuhl standen. Trotz dieser Einfachheit war es einer seiner liebsten Plätze. Die Quelle des Gurrens legte den Kopf schief, um ihn anzublicken. Als er sich ihr näherte, schwang sich die Taube in die Lüfte. Einige Momente sah er ihr noch nach, bevor er sich auf den Stuhl setzte, wie er es so gut wie jeden Morgen tat. Die Ellenbogen stützte er auf der dünnen Platte aus Plastik auf. Den Kiefer legte er in dieser Haltung in die Hände, um der Sonne bei ihrem Aufstieg zuzusehen. Einige Minuten vergingen, bevor er leise damit begann zu summen. Dieses wuchs immer weiter an. Das Singen hatte er sich nie getraut, aber die Musik war schon immer einer seiner wichtigsten Begleiter. Aus diesem Grund war er förmlich abhängig von ihr.

    „Nun halt endlich’s Maul!“, mischte sich eine Stimme in das Summen ein, die ihm ebenso bekannt war, wie das Gurren der Tauben, nur bei Weitem nicht so lieb. Die Lider ließ er sinken. Er dachte nicht daran, aufzuhören. Stattdessen ließ er das Summen anwachsen, sodass sich der Beschwerende noch mehr daran erfreuen konnte. Oder auch nicht. Er zuckte zusammen, als der Nachbar wuchtig auf das Geländer schlug. Genügend Masse dafür besaß er.

    „Gesindel wie du woll’n wir hier nicht. Geh arbeit’n, wie jeder normale Mensch.“, umwehten die nächsten Worte seine Ohren, wie ein Sturm, der ihn versuchte, in eine Richtung zu drängen. Schon seit Jahren hatte er sich diesem entgegen gelehnt. Damit wollte er auch an diesem Tag nicht aufhören. Den Kopf hob er, dann öffnete er die Augen und sah hin zum älteren Herrn, der nur mit einem Unterhemd bekleidet auf seinem Balkon stand. Das schüttere Haar hing ihm unsauber ins rundliche Gesicht. Man hätte ihn genauso gut für Gesindel halten können, wie er ihn nannte. Irgendwann hatte er aufgehört, dem Mann zuzuhören. Mehr als seine üblichen Hasstiraden konnte er ohnehin nicht von sich geben. Noch immer summend sah er ihn an. Es war unschwer zu erkennen, dass er sein Ziel erreichte. Der Kopf des Mannes wurde rot. Ein weiteres Mal schlug er auf das Geländer seines Balkons. Eine kleine Kluft trennte beide voneinander, sodass er keine Angst haben musste, dass er gleich hinüberspringen würde. Mit seinem dicken Bauch hätte er dies ohnehin nicht geschafft.

    „Irgendwann ruf ich die Bull’n und dann kannst‘ was erleb’n!“, schimpfte er, während er sich umwendete. Fast an jedem Morgen war es das gleiche Schauspiel. Zuerst beschwerte sich sein Nachbar über ihn, dann konnte man hören, wie der Fernseher eingeschaltet wurde, ebenso in diesem Moment. Die Lautstärke wurde erhöht, um das Summen nicht mehr hören zu müssen. Er ließ es dennoch nicht verklingen. Stattdessen erhob er sich von seinem Platz, um in das Schlafzimmer zu gehen. Für den Tag würde ihm das T-Shirt nicht reichen. Seinen Kleiderschrank öffnete er aus diesem Grund. Lange brauchte es nicht, da stand er mit einer alten, lädierten Hose in schwarzer Farbe vor dem Spiegel am Schrank. Das dunkelgrüne Shirt zog er gerade. Einmal sah er noch auf die dunkelblonden Haare, in denen die schwarze und graue Tönung noch leicht zu erkennen waren. Bis zu den Ohrläppchen reichte die Länge. Es war zwar nicht vollkommen akkurat, aber für diesen Tag würde es reichen. Gesindel wie er musste sich immerhin nicht schick machen.

    Das nächste Ziel war die Tür. Mit dem Schlüssel in der Hand verließ er seine Wohnung. Nachdem er abgeschlossen hatte, trat er den kurzen Weg zum Fahrstuhl an, wobei er auch an der Wohnungstür seines Nachbarn vorüberkam. Das Fernsehprogramm war lautstark durch diese zu hören. Man hörte fallende Schüsse, Beleidigungen und das Quietschen von Autoreifen. Das Summen hatte er ausgeblendet, damit aber auch, wann es endete. Schon einige Male hatten sich die umliegenden Bewohner des Hauses über den Mann beschwert oder gar die Polizei verständigt, schallte der Fernseher immerhin nicht nur am Morgen so laut. Mit einem Schütteln des Kopfes schob er sich in den Fahrstuhl hinein. Einen Tastendruck später setzte sich dieser in Bewegung. Einige Etagen ging es nach unten, bis sich die Türen wieder öffneten, sodass er erst in den Hausflur, dann auch endlich in die Freiheit treten konnte. An einer Frau kam er dabei vorüber, die mit ihrem Kind an der Hand gerade den Schulweg antreten wollte. Sie machte ihm Platz. Noch einige Momente konnte er ihren Blick im Rücken spüren. Was sie dachte, war ihm egal. Er kannte sie nicht. Er hatte auch kein Bedürfnis, sie kennenzulernen.

    Graue Wohnungsblocks umgaben ihn. Spärlicher war das Grün mittlerweile, hatte der harte Sommer es verbrannt, sodass es in einem hellen Gelb leuchtete, wie das Weizen auf den Feldern, die er vom Fenster seiner Wohnung aus sehen konnte. Von einigen Bäumen waren nur noch die Stümpfe über, da man gezwungen war, sie zu fällen. Ob man sie ersetzen würde, das wusste keiner. Einmischen wollte und konnte er sich dabei nicht. Dass es jemanden gab, der sich damit beschäftigte, ohne nur stetig zu meckern, bezweifelte er.

    Einen Fuß setzte er vor den anderen. Den mit großen Platten ausgelegten Weg ging er entlang. Einige der Steine waren gebrochen, andere hatten Löcher und weitere Zeichen der Zeit. Schon lange hatte man sie nicht mehr ausgetauscht. Auch, weil sie zum gewohnten Erscheinungsbild der Gegend gehörten. Würde man sie austauschen, wäre es nicht mehr diese Wirkung, dieser Anblick, der gerne auch einen bestimmten Schlag von Menschen herbeibeschwor. Wahrscheinlich würden sie dann nicht mehr in ihre Heimat zurückfinden.

    Weiter und weiter ging er, dabei mal summend und mal die Leute beobachtend, die ihm auf der Straße entgegenkamen oder auf der anderen Seite ihr Ziel versuchten zu erreichen. Lange brauchte es nicht, da konnte er die Straßenbahnen auch sehen, die er zuvor nur gehört hatte. Hinter den Fensterscheiben konnte man Menschen auf ihrem Weg zur Arbeit sitzen sehen, vertieft in ihre Handys, mit Stöpseln in den Ohren, sodass sie nichts von ihrer Umwelt bemerkten. So sehr er auch Musik liebte, verzichtete er doch darauf. Eine stetige Beschallung brauchte er nicht. Viel mehr lauschte er den Klängen in seinem Kopf, den Melodien, die er nur für ihn zusammenführte. Hätte er versucht zu singen, so wären die Melodien zerstört gewesen. Er war nun einmal kein Singvogel.

    Der Schienenführung durch die eng aneinander liegenden Reihenhäuser folgte er, vorbei am Irish Pub, einem Copyshop und weiteren Geschäften, bis er hin zum großen Platz kam, der das Herz seiner Stadt darstellte. Zwischen erhabenen Gebäuden von beachtlichem Alter stach der gläserne Bau an der Ecke heraus. Durch die Fenster hindurch konnte man unzählige Regale mit Büchern erkennen. Ein Laden, der für ihn nicht von Interesse war. Das letzte Mal, dass er ein Buch in der Hand hatte, war lange her und vor allem war dies auch nicht freiwillig.

    „Hey, pass doch auf!“, hörte er die Stimme, als jemand gegen seinen Rücken stieß. Da er sein Ziel erreicht hatte, war er stehen geblieben, ohne dabei hinter sich zu schauen. Dies tat er in diesem Moment auch nicht. An ihm vorbei trat eine junge Frau, die ihm noch einen bösen Blick schenkte, bevor sie hin zu einer der haltenden Bahnen stürmte. Die Tür erreichte sie. Er beobachtete, wie sie ins Innere drängte. Mehr als eine ganze Minute brauchte es, bevor sich die Türen schlossen. Die Bahn fuhr los. Ihre Eile war nicht nötig gewesen.

    Seinen Blick ließ er schweifen. Etwas Neues hatte er schon länger nicht mehr gesehen. Es hielt ihn nicht davon ab, sich in Bewegung zu setzen. An den Schaufenstern schlenderte er vorüber, ohne dass er eines der Geschäfte betrat. Wann immer ihm etwas hinter den Scheiben in das Auge stach, was ihm gefiel, klopfte er ein paar Mal mit dem Zeigefinger gegen das Fenster. Einmal erschreckte er dabei eine Verkäuferin. Es war der zweite böse Blick des Tages. Das Geschäft verließ sie aber nicht, um ihn zur Rede zu stellen. Dafür hatte sie auch viel zu viel Arbeit, wie man an der Fülle der Kunden erkennen konnte.

    Der höchste Stand der Sonne war schon seit geraumer Zeit erreicht, als er zurück zum Anger kehrte, jenem Ursprungsort seines Schaufensterbummels. Auf einer der Bänke ließ er sich nieder. Die Beine überschlug er, dann lehnte er sich zurück und sah hinauf in den Himmel. Kleine Wolken zogen flink wie eine Herde Schafe auf einer blauen Wiese über ihn hinweg. Lange blieb er nicht alleine. Eine Gruppe von Jugendlichen sammelte sich in seiner Nähe. Es war nicht das erste Mal, dass er sie sah. Jene Halbstarken, die ihren Rausch darin suchten, andere zu erniedrigen. Alkohol, Zigaretten oder andere Substanzen reichten ihnen nicht mehr. Mit einem Lachen kündigte sich ihr Vorhaben an. Zwei der Jungs traten an die Bank heran, wie er schon aus dem Augenwinkel vernehmen konnte.

    „Na du Loser, hängst hier wieder ab? Willst‘ nicht lieber woanders hin? Oder braucht dich etwa keiner?“, sprach einer der Jungen, der sich direkt vor ihm aufbaute. Der zweite trat neben ihn. Marken prangten groß wie auf Werbetafeln auf ihrer Kleidung. Sonnenbrillen trugen sie in den gegelten Haaren.

    „Natürlich braucht den keiner. Dreck unter’m Schuh braucht keiner. Also verpiss dich hier!“, forderte der zweite ihn auf. Die Aggressivität in seiner Stimme passte nicht zum glattgeleckten Äußeren. Sein Gesicht war sanft wie das einer Elfe, ganz im Gegensatz zu seinem Auftreten.

    „Hast‘ nicht gehört? Wir wollen hierhin.“, setzte der erste dann noch nach. Mit einem Seufzen erhob sich der Angesprochene von der Bank. Einmal mehr ließ er sie gewinnen. Er hatte keine Lust auf Ärger, mal wieder. Dafür gab es genügend andere, die sich davon provozieren ließen, bis es eskalierte. Mittlerweile war es normal. Zudem zeigte schmächtige Statur deutlich, dass er selbst einem der Jugendlichen allein unterlegen war. Das Lachen erklang wie Beifall nach einem gefallenen Vorhang, als er von der Bühne ging. Die Schienen der Straßenbahn überquerte er, hin zur anderen Seite, und sah sich nach einem neuen Aufenthaltsort um.

    Einige Minuten brauchte er, um sich zu entscheiden. Gerade wendete er sich um, da legte man eine Hand auf seine Schulter. Sanft war die Berührung, wohlwollend und anders als seine vorigen Begegnungen. Als er über die Schulter hinwegsah, konnte er das Gesicht der älteren Dame erblicken, die ihm schon einige Male ausgeholfen hatte. So tat sie es auch in diesem Moment. Ohne ein Wort von sich zu geben, hielt sie ihm eine Tüte aus Papier entgegen, auf der ein großes M stand, womit der Inhalt bewusst war. Mit einem dankenden Lächeln nahm er es entgegen. Worte brauchte es nicht. Stattdessen entfernte sich die Dame auch schon wieder, um in einer der Bahnen zu verschwinden, die gerade Halt auf dem großen Platz machte. So schnell sie gekommen war, so schnell ging sie auch wieder. Diesmal blieb sie nicht auf der Bank neben ihm sitzen und beobachtete ihn, wie er ihr Geschenk verspeiste. Das zufriedene Lächeln auf ihren Lippen dabei hatte er dennoch vor Augen.

    Einmal mehr sah er sich um, entschloss sich aber dafür, die andere Seite zu meiden. Dies bedeutete zwar, dass er sein Mahl im Stehen einnehmen musste und nicht auf einer der Bänke, aber das war ihm recht. Er hatte keine Lust darauf, einmal mehr von den Halbstarken vertrieben zu werden oder gar seine Mahlzeit wegen diesen zu verlieren. Also stellte er sich an die bekannte Ecke, über der eine große Uhr hing. An die Wand gelehnt entpackte er das Geschenk, um im nächsten Moment hungrig in dieses zu beißen. Zwar schlang er nicht, aber er ließ sich auch nicht besonders viel Zeit mit dem Essen. Stück für Stück schwand der kleine Vorrat, bis nur noch die leere Papiertüte in seiner Hand verblieb, die er zerknüllte. Frisch gestärkt kehrte auch sein Mut zurück. Die Bahnschienen überquerte er. Der laute Ruf eines Jugendlichen, der eindeutig an ihn gerichtet war, wurde von ihm ignoriert. Noch nicht einmal hören konnte er, was er sagte. Die zusammengeknüllte Papiertüte warf er im Vorbeigehen in einen der Papierkörbe, auch wenn er sie am liebsten seinen vorigen Peinigern an den Kopf geworfen hätte. Sein nächstes Ziel war der Trinkbrunnen, der inmitten auf dem großen Platz seine Dienste anbot. Mit den ersten Schlucken wusch er sich grob die Hände, dann formte er diese zu einer Schale, um etwas des kühlen Nass die Kehle herabfließen zu lassen. Große Schlucke waren es, die er nahm. Nachdem er fertig war, schüttelte er die Hände aus, die er provisorisch dann an der Hose trocknete. Dank der Temperaturen störte ihn die Feuchte nicht weiter. Im Gegenteil, sie war sogar angenehm.

    Einmal mehr war er nach der Stärkung ohne ein Ziel. Wie von selbst trugen ihn die Schritte weiter, hinab von dem großen Platz und die Häuserschlucht entlang. Einige Menschen kamen ihm dabei entgegen, denen er auswich. Das Summen kehrte wieder. Diesmal gab es niemanden, der sich darüber beschwerte. Beachtung schenkte ihm hier immerhin niemand. Weiter trugen ihn die Füße, hin zum Platz, auf dem das alte Rathaus in seiner vollsten Pracht stand. Wie er es öfter schon getan hatte, besuchte er seinen römischen Freund. Neben diesem stehend betrachtete er die kunstvollen Verzierungen des großen Gebäudes gegenüber. Die Architektur war neben der Musik sein zweites großes Interessengebiet. In dieser Stadt gab es davon genügend zu sehen, nein, zu bewundern. Mehr Wolken sammelten sich derweil am Himmel. Die Sonnenstrahlen erstarben in regelmäßigen Abständen, doch vergingen sie nicht gänzlich. Etwas verblieb er noch am Fuße der Statue, dann setzte er sich auf eine der Bänke. Seine hauptsächliche Aufmerksamkeit galt zwar dem Rathaus, doch wann immer einige der Passanten näherkamen, sah er zu ihnen, in der Hoffnung, dass sie ihn nicht von der Bank vertreiben würden. Letztendlich war er es selbst, der dies übernahm. Wenn er dieses Bauwerk bewunderte, so wollte er es auch bei einem zweiten, für das die Stadt bekannt war. Die Schienen überschritt er auch hier. Deren Führung sah er nach, hin zum großen Gotteshauses, welches man in einiger Entfernung durch die Häuserschlucht erahnen konnte. Dieses war ihm schon immer eher unheimlich gewesen, selbst wenn es eines der größten architektonischen Werke war. Für ihn hatte es zu viele Zacken und Spitzen. Sogar die Bögen waren mit Spitzen versehen. Aus diesem Grund hatte er sich nie lange dort aufgehalten. Stattdessen ging er genau in die andere Richtung.

    Musik drang an sein Ohr, als er sich dem kleinen Platz näherte. Er brauchte nicht viele Takte, um zu bemerken, dass es sich um keinen guten Straßenmusiker handelte. Viel zu oft verspielte er sich, fand nicht den richtigen Takt oder sang sogar eine falsche Textzeile. Schon im Vorbeigehen konnte er es bemerken. Trotzdem gab es einige Menschen, die sich um den ‚Künstler‘ versammelt hatten. Schnell ließ er die Szenerie hinter sich. Die gepflasterte Straße mit dem steilen Aufstieg ging er hinauf. Von diesem Blickpunkt konnte man nur schwer erahnen, um was es sich dabei handelte. Die große Masse an Menschen, die die schmale Straße entlang ging, welche einen förmlichen Buckel bildete, war Anzeichen genug dafür, dass es sich um eine der größeren Attraktionen der Stadt handelte. Nicht gänzlich überquerte er den Buckel. In eine kleine Gasse trat er vorher, die Treppe hinab und somit in das Freie. Einige Schritte noch, dann drehte er sich. Vor ihm erstreckte sich damit die Schönheit der bebauten Brücke. Hier und Da hatte sie einige kleinere Schönheitsfehler, die auch dem Alter zu verdanken waren, doch war sie zum größten Teil in einem sehr guten Zustand. Dafür sorgte man stets. Etwas, wofür er der Stadtführung dankbar war. Einer der sehr wenigen Punkte. Während die Menschen an ihm vorüber strömten, wie an einem Felsen inmitten eines Flusses, betrachtete er in aller Ruhe den Bau. Jeden einzelnen Balken des Fachwerkes kannte er. Wann immer sich auf den Balkonen etwas änderte, bemerkte er es, selbst wenn es sich nur um eine neue Blume handelte. Ein Lächeln trug er dabei auf den Lippen.

    Wie lange es genau brauchte, bevor er sich wieder bewegte, konnte er nicht sagen, doch war es ihm auch egal. Stattdessen folgte er den Wegen durch die Hochbeete, wo sich einst eine große, freie Fläche befand. Jene Fläche, auf der Märkte stattfanden, besonders die mittelalterlichen, die er als Kind liebte. Kein Jahr verging, an dem er nicht den Rittern dabei zusah, wie sie ihre Waffen präsentierten, um sich dann mit diesen zu messen. Schon immer hatte er davon geträumt, irgendwann einmal selbst eine solche Waffe in der Hand zu haben. Es hatte sich nie ergeben. Stattdessen war die Zeit des Mittelalters in dieser Stadt ein zweites Mal vergangen. Diesmal jedoch wesentlich schmerzvoller. Niemand war da, der sie zurückbringen wollte. Jedenfalls gab man es so aus. Mit einem Kopfschütteln vertrieb er den Gedanken.

    Das Gasthaus, welches sich auf seinem Weg befand, war einmal mehr gut gefüllt. Es gab kaum Plätze auf der Terrasse, die nicht besetzt waren. Man konnte Gespräche hören, Lachen und gelegentlich auch die Musik, die allerdings merklich in den Hintergrund geriet. Wenn es ruhiger war, hatte er sich oft auf die Hochbeete gesetzt, um den Klängen zu lauschen. Diesmal wollte er es nicht. Durch den Torbogen trat er, dann bog er ab, um die Brücke zu überqueren. Auf der anderen Seite des kleinen Flusses sah er nach links. Einige Momente brauchte er, bevor er sich dafür entschied, einfach auf die Wiese zu treten. Eine Decke brauchte er nicht, um sich auf sie zu setzen. Die Hände stützte er hinter sich im Gras ab, während er den Blick wieder zur Brücke wendete. Sanft kitzelten die Halme seine Handflächen. Die Strahlen der Sonne wärmten ihn, während die Schatten der Wolken ihm Kühle brachten. Lange saß er einfach so da, geradeaus sehend oder starrend viel mehr. Erst als er eine Stimme vernahm, regte er sich. Über die Schulter hinweg sah er. Von dort, woher auch er gekommen war, bewegte sich eine junge Frau über die Brücke hinweg an die Erhöhung heran. Je näher sie trat, desto mehr konnte er das Summen hören. Der Wind strich ihr durch die kupfernen Locken, die das runde Gesicht umspielten. Sie war nicht auffällig oder gar aufreizend gekleidet. Ein einfacher Rock, ein weiteres Shirt und einige bunte Bänder am Handgelenk.

    „Und sie träumt, von Chicago.“, konnte er vernehmen, als der Wind drehte, als wolle er ihn genau wissen lassen, was sie mittlerweile leise vor sich hinsang. Die Knöpfe in ihren Ohren verrieten den Grund dafür. Ihre Stimme war dabei klar wie der Klang einer Glocke. Nicht zum ersten Mal hörte er sie und er hoffte, dass er es auch nicht zum letzten Mal sein würde. Da sie gelegentlich auch in Begleitung unterwegs war, mit der sie sich unterhielt, hatte er mitbekommen können, dass es sich um eine Musikstudentin handelte, die eigene Lieder schrieb. Leider hatte er nie hören können, ob sie denn irgendwo auftrat. Wahrscheinlich würde er sie nur hören können, wenn er sich in die Universität einschreiben würde, doch lag ihm dies fern. Zudem bezweifelte er, dass man ihn überhaupt zulassen würde, nicht zuletzt durch seinen schlechter ausfallenden Schulabschluss. Immer wieder trug der Wind Fetzen des Liedes zu ihm. Die Finger klopften im Gras den Takt mit. Sie war nicht allein mit ihrer Vorliebe für dieses Lied. In seinem Kopf formten sich Bilder, die ihm eine Zukunft gemeinsam auf der Bühne zeigten. Ein Ruck ging durch seinen Körper, als wolle er sich erheben. Doch er blieb sitzen. Den Drang, aufzustehen, um zu ihr zu gehen, unterdrückte er. Er kämpfte ihn geradezu nieder. Sie würde ohnehin nichts von ihm wissen wollen. Noch nicht. Irgendwann würde er mit seiner Gitarre genau an diesem Ort auf sie warten. Nur für sie wollte er dann das Lied spielen, um sie zu beeindrucken und, wenn dies gelang, sie zum Singen überreden, damit er sie endlich einmal vollkommen hören konnte. Dieser Tag lag allerdings noch weit entfernt. Er fühlte sich noch nicht bereit dazu. Die Tasche nahm sie von der Anhöhe, dann sah sie zu ihm. Ein Lächeln konnte er auf ihren Lippen erkennen. Ob es ihm galt oder nicht, war schwer zu sagen. Als sie sich kurz darauf umwendete, ging er allerdings davon aus, dass es nicht für ihn bestimmt war. Sein Blick folgte ihr. Mit einem Seufzen schloss er die Augen. Die Finger krallten sich in das Gras hinein. Er musste sich beherrschen, keine Büschel herauszuziehen. Die Pflanzen konnten nichts für seinen mangelnden Mut.

    Hunderte von Schrittpaaren gingen an ihm vorüber, bevor er die Augen öffnete. Von seinem Platz erhob er sich. Nun war es etwas anderes, was ihn leitete oder geradezu trieb. Um den Drang nachzugeben, ging er zurück in Richtung des Torbogens. Diesmal bog er aber von der ersten Brücke ab, um der Landzunge zu folgen. Die Stimmen hinter ihm verstummten. Der Weg war weniger besucht als die anderen. Als er sich sicher war, nicht beobachtet zu werden, schlug er sich in einen der Büsche, aus dem er erst zwei Minuten später wiederkehrte, nur um in das Gesicht einer wütenden Frau zu blicken.

    „Schon wieder. Noch einmal, Freundchen, und ich zeig‘ dich an.“, warf sie ihm drohend entgegen. Einen Besen hielt sie in der Hand, mit dem sie wohl gerade irgendwo gekehrt hatte, oder aber bewusst diesen als Waffe gegen ihn benutzen wollte. Statt sich zu wehren, drehte er sich um. In die entgegengesetzte Richtung lief er, wurde immer schneller und rannte schlussendlich.

    Die Sonne verschwand hinter dem Horizont, als er die Tür zu seiner Wohnung öffnete. Die letzten Momente auf der Straße waren nicht anders als jene zuvor. Ohne Ziel war er umhergelaufen, hatte sich dort niedergelassen und dann wieder vertreiben lassen, ein paar bekannte Gesichter gesehen und mit ihnen gesprochen, bis er sich entschloss, dass es Zeit für den Heimweg war. Der Schlüssel landete auf seinem Platz neben der Kommode, bevor er sich tiefer in die Wohnung begab. Umziehen brauchte er sich nicht. Es war zwar warm gewesen, doch nicht so warm, als dass er gleich aus seiner Kleidung unter die Dusche schlüpfen wollte. Es würde noch bis zum nächsten Morgen warten können. Stattdessen begab er sich zur Balkontür hin. Mit jedem Schritt, den er auf diese zutrat, wurde das Summen bereits lauter, welches er von sich gab. Ein leises Quietschen begleitete das Öffnen der Tür. War er zuvor erst von draußen gekommen, so betrat er dieses nun wieder. Ein Blick hin zum anderen Balkon verriet ihm, dass der Nachbar zwar da war, aber scheinbar ihn noch nicht gehört hatte. Das flackernde Licht des Fernsehers, welches sich auf der Umrandung des Balkons widerspiegelte, war Zeichen genug dafür. Einen genaueren Blick wollte er auf den anderen Vorsprung werfen. Näher zur eigenen Umrandung begab er sich. Erst konnte er ein leises Platschen hören, als er den Fuß aufsetzte, dann spürte er, wie ihm der sichere Stand entglitt. Sich festzuhalten schaffte er nicht. Für normales Wasser war die Pfütze zu rutschig. All dies ging ihm durch den Kopf, bevor er mit dem hinteren Teil dessen auf der Stufe der Balkontür aufschlug. Schmerz durchfuhr seinen Körper. Die Hand hob er, ließ sie allerdings gleich wieder herabfallen, als ihm die Kraft versagte. Er konnte spüren, wie sein Nacken feucht wurde. Den Rücken lief es ihm hinab, während er mit großen Augen an die Decke des oberen Balkons blickte. Die Lippen standen weit offen. Ein Wort brachte er über diese nicht mehr hinweg, nur ein schmerzerfülltes, gequältes Stöhnen.

    „Geschieht dir recht, Abschaum!“, konnte er dumpf vernehmen. Sein Nachbar war noch nicht einmal auf den eigenen Balkon getreten, um die Worte direkt an ihn zu richten. Das Schließen der Tür konnte er hören. Sein Innerstes wollte nach Hilfe schreien, doch brachte er nicht mehr als ein erneutes Stöhnen von sich, leiser dabei aber als das vorige, sodass sich der Mann von nebenan auch nicht darüber beschweren konnte. Die Sicht trübte sich ein. Mehr der Flüssigkeit konnte er über seinen Rücken rinnen spüren. Auch die Fingerspitzen auf dem Boden wurden nass. In den Himmel sah er, der sich weiter verdunkelte. Das Schlagen von Flügeln konnte er hören. Ein Drehen des Kopfes schaffte er nicht mehr. Als wüsste es die Taube, schritt sie über das Geländer hinweg, genau in sein Sichtfeld hinein. Den Kopf legte sie schief, um ihn zu betrachten. Ein leises Gurren gab sie von sich, wie ein Schlaflied. Kleiner wurde das Bild, welches er von ihr sah. Ihre Laute drangen immer mehr wie durch eine dicke Mauer an sein Ohr heran. Es wandelte sich langsam. Aus dem Gurren wurde leiser Gesang einer Stimme, die ihm sehr bekannt war: „Ich komm‘ nie mehr.“

  • Aveline

    Einst, vor vielen Hunderten von Jahren, als das alte Reich Ascalon noch stand und blühte, wurde in einer Familie auf dem Lande ein Mädchen geboren. Sie war kein besonderes Kind, sondern nur eines von vielen der Familie, wie es bei einer Bauernfamilie üblich war. Wie alle Mitglieder der Familie, so musste auch das junge Mädchen, welches man Aveline genannt hatte, helfen, um genügend Vorräte und Geld für den Winter zu sammeln. Sie war dabei stets tüchtig und arbeitsam. Jede Aufgabe, die man ihr stellte, erledigte sie gewissenhaft und wuchs im Schoße ihrer Familie wohlbehütet heran. Das Schreiben, Lesen und Rechnen verwehrte man ihr, aber es änderte nichts daran, dass sie mit ihrem einfachen und oft nicht leichtem Leben zufrieden war. Je älter sie wurde, umso mehr Aufgaben stellte man ihr auf dem Hof, vor denen sie sich nicht scheute. Der Tod ihrer Mutter, Aveline war zu diesem Zeitpunkt zwölf Sommer alt, warf sie zwar kurz zurück, vermochte es aber nicht sie vollkommen aus der Bahn zu bringen. Winter auf Sommer folgte und Sommer vergingen, um wieder dem Winter Platz zu machen.

    Vor einem der Winter, Aveline war gerade vierzehn Jahre alt , kam ein Tross über den Hof, der nach Einkehr verlangte. Der Tross bestand aus einer edlen Dame, zwei Rittern und einem halben Dutzend Soldaten, alle gekleidet in die Rüstungen, die sie als Kämpfer des Königs auswiesen. Wie es Brauch und Sitte war, tischte die Bauernfamilie die reichhaltigsten und besten Speisen auf, die sie nur auftreiben konnte, ohne dabei darauf zu achten, wie viel ihnen für den Winter bleiben sollte. Auch hierbei half Aveline mit, nicht ohne immer wieder ihre neugierigen Blicke auf die schöne Edeldame hin zu wenden, die nur wenige Sommer mehr als sie selbst gesehen hatte. Als die Speisen zubereitet und aufgetischt waren, entschloss sich Aveline, ein Gespräch mit der Edeldame zu suchen. Kaum war sie an sie herangetreten, erfuhr sie bereits eine Abweisung. Die Edlee wollte nichts mit einem dreckigen und dummen Bauernmädchen zu tun haben, ließ sie sie vehement wissen und trotz dass sich Aveline bemühte, die abweisende Haltung mit Worten und Taten zu durchbrechen, gelang es ihr nicht. Als sie endlich einsah, dass sie keine Chance hatte, ein normales Gespräch mit der Edeldame zu führen, wendete sie sich einem der Ritter zu. Ein junger Mann, etwa im gleichen Alter wie es die Herrin war. Bei diesem erfuhr sie keine abweisende Haltung. Im Gegenteil begrüßte er sie mit herzlichen Worten. So geschah es, dass sie den Abend beieinander verbrachten, mit Gesprächen über das Reich, die Philosophie, die Geschichte und nicht zuletzt das Leben, welches beide führten. Dabei lauschte Aveline gebannt den Erzählungen des jungen Ritters, wie er seine Ausbildung antrat, sie durchlebte und schlussendlich zu dem gemacht wurde, was er war: ein edler Krieger des Reiches Ascalon. Die Worte weckten immer mehr einen Wunsch tief in Aveline. Von diesem zu berichten gelang ihr aber nicht, da sich die Gesellschaft auflöste und man zu Bett ging. Nur schweren Herzens ließ Aveline von den Gesprächen ab, um sich ihr Bett auf dem Heuboden zu suchen, in welches man sie aufgrund des Trosses und der belegten Betten verwies.

    Am nächsten Morgen suchte das Bauernmödchen den Ritter, vergeblich. Die Edeldame hatte den Tross dazu bewegt, noch mitten in der Nacht abzureisen, um vom Hof der Familie zu kommen. So blieb Aveline allein zurück, mit dem Samen des Wunsches in ihrem Herzen. Der Winter verging und das Mädchen widmete sich ihrer Arbeit. Im Frühjahr war der Wunsch dann aufgekeimt und nicht selten erwischte sie sich dabei, wie sie sich vorstellte, als Ritter des Königs durch die Lande zu streifen, um Abenteuer zu erleben. Nicht länger konnte sie den Wunsch bei sich behalten und vertraute sich ihrem Vater an. Dieser war empört über ihre Dreistigkeit und Unverschämtheit. Er schalt sie hart und drohte ihr damit, sie vom Hof zu verweisen, wenn sie nicht von ihrem Wunsch abließ und das tat, wozu sie geboren war: einfache Bauernarbeit. Mit viel Gram schwor sie ihrem Vater gegenüber dem Wunsch ab, um auf dem Hof bleiben zu können, doch tat sie es nur aus diesem Grunde, denn sie hatte nicht vor, den Wunsch abzulegen, der sich so fest in ihrem Herzen verankert hatte. Er war zu einem Teil ihres Lebens geworden und wenn sie ihn aufgab, so gab sie ihr Leben auf.

    Zum Sommer hin, Aveline hatte gerade ihren fünfzehnten Geburtstag gefeiert, kehrte ihr Bruder zurück, der als Soldat im Dienste des Königs stand. Der erste Weg führte ihn zu seinen Eltern hin, der zweite sogleich zu seiner kleinen Schwester, welche er schon immer sehr gemocht und geliebt hatte. Er betrachtete sie mit einem Lächeln, als er sie seit Jahren wiedersah und bedachte sie liebkosender Worte ihrer Schönheit wegen, obwohl sie nicht wirklich schön sondern nur ein einfaches Bauernmädchen mit dunkelblonden Locken und hellblauen Augen war. Sie scheute nicht davor, ihm sogleich vom Wunsch zu berichten und er lauschte ihr, ohne Vorurteile oder den Zorn, den sie von ihrem Vater zu spüren bekommen hatte. Er lauschte ihr stillschweigend und aufmerksam. Als sie sich das Herz heraus geredet hatte, nahm er sie bei der Hand und führte sie ein wenig ab vom Hofe, zu einem kleinen Tal zwischen zwei Hügeln. Dort übergab er dem Mädchen sein Schwert. Er ließ sie das Gefühl und das Gewicht dessen spüren. Es war nicht der einzige Nachmittag, den sie dort verbrachten. Mit der Zeit stellte Avelines Bruder fest, wie talentiert und begabt seine kleine Schwester mit dem Schwert war. Mit jedem Tag gewann sie mehr Übung und entwickelte sich rasch weiter. Keine Aufgabe, die er ihr stellte, ließ sie unerledigt, trotz dass sie bereits den gesamten Morgen und Vormittag gearbeitet hatte. Stolz wuchs in seinem Herzen heran und Aveline kam ihrem Wunsch einen Schritt näher. Als es kälter wurde, zu kalt um das Training im Freien fortzusetzen, verlegten sie dieses in die Scheune, wobei sie vorsichtig sein mussten um nicht entdeckt zu werden. Es gelang ihnen.

    Der Frühling hielt Einzug in Ascalon und Avelines geliebter Bruder wurde an die Front gerufen, damit auch das Schwert, mit welchem sie sich so sehr angefreundet hatte. Sie vermisste das tägliche Training, ließ sich davon aber nicht von ihrer normalen Arbeit abhalten, immerhin sollte ihr Vater nicht merken, dass sie noch immer im Geheimen jenen Wunsch hegte, den er ihr verboten hatte, und den sie sich zu einem Teil bereits erfüllt hatte. Zu ihrem Geburtstag kehrte ihr Bruder wieder. Es war nur ein kurzer Besuch, dafür machte er Aveline den Geburtstag zum schönsten, den sie je hatte. Er vermachte ihr ein eigenes Schwert. Eine dünne Klinge, leicht und gut ausgeglichen, aber scharf wie das Messer eines Jägers. Jenes Schwert sollte zu ihrem größten Schatz werden. Mit der Abreise ihres Bruder nur wenige Tage später begann sie ihr Training wieder, diesmal mit dem eigenen Schwert, welches sie gut versteckt hielt, um es vor den Augen ihres Vaters zu verbergen. Den Sommer über in dem kleinen Tal, wo ihr einst ihr Bruder den Schwertkampf gezeigt hatte und den Winter über in der Scheune, stets im Verborgenen, ohne dabei erspäht zu werden oder auch nur Verdacht zu erwecken.

    Der nächste Sommer brach an und mit ihm kam die Kunde eines Turnieres, welches nahe des Forts Ranik abgehalten werden sollte, zu Ehren des Königs und seiner erfolgreichen Schlachtzüge. Der Lohn für den Sieger war Ruhm und Reichtum. Auch die Ritterwürde wurde denen versprochen, die sie noch nicht errungen hatten. Aveline witterte in diesem Turnier ihre Chance, endlich ihren Traum in Erfüllung gehen zu lassen und schlich sich vom Hofe, mitsamt ihres Schwertes. Die Reise bis hin zum Fort dauerte lang und war beschwerlich. Nicht selten war sie kurz davor, aufzugeben oder aber nur entkräftet umzufallen. Trotz aller Widrigkeiten schaffte sie es aber bis hin zum Fort und zum Turnierplatz, noch bevor das Turnier begann. Aveline schritt zur Tat, um sich für das Turnier einzuschreiben, doch erfuhr sie durch die Schreiber nur Hohn und Spott. Wie es sich ein einfaches Mädchen nur wagen könnte zu denken, dass sie an einem Turnier teilnehmen könnte, spotteten sie und dann auch noch ein einfaches Bauernmädchen. Mit Lachen und bösen Flüchen scheuchten sie Aveline hinfort. Niedergeschlagen von ihrem zerstörten Traum, dessen Erfüllung so greifbar nah war, wollte sie den Heimweg wieder antreten, als sie auf jenen Ritter traf, der einst den Wunsch in ihr gepflanzt hatte. Mit Erstaunen fragte dieser, was Aveline beim Turnier suche und sie erzählte ihm alles, was sie in den letzten Jahren erlebt und getan hatte. Er lauschte ihr, ebenso still schweigend und ohne Gram, wie es einst ihr Bruder tat. Als sie mit ihrer Erzählung endete, ließ sich der Ritter von den angepriesenen Talenten überzeugen und stellte fest, dass das junge Bauernmädchen ihn nicht angelogen hatte. Die letzte Überzeugung leistete Aveline aber mit einer anderen Kunst als dem Schwerte, einer, die man eher dem weiblichen Geschlechte zuschreiben würde.

    Am nächsten Morgen dann, es war der letzte Tag der Einschreibung, trat der Ritter zum Schreiber, um sich selbst und seinen neuen Knappen in die Turnierliste eintragen zu lassen. Mit dem ersten Schritt, den Aveline auf den Plane tat, durchfuhr sie das Ehrgefühl und die Freude, dass sie es endlich schaffen würde, ihren Traum zu erfüllen, auch wenn noch ein langer und harter Weg vor ihr lag. Die ersten Runden überstand die junge Frau, welche als solche nicht erkennbar war, denn die langen Locken hatte sie sich zu einer männlicheren Frisur gekürzt und die wenige Brust, die sie ohnehin schon hatte, mit Hilfe eines Verbandes abgebunden. Runde um Runde bestritt sie, ohne dabei eine Niederlage einzustecken und schon bald berichtete man von einem jungen Mann, welcher das Schwert wie kein zweiter beherrschte. Selbst ihren Gönner warf sie eigenhändig und ohne den Hauch von Mitleid aus dem Turnier. Dieses Mitleid würde er später erfahren, so dachte sie sich. Tag um Tag, Kampf um Kampf und ihr Arm wollte nicht schwächer, ihre Schwertkunst nicht geringer werden. So geschah es, dass sie es bis in den letzten Kampf schaffte und dem Mann gegenüberstand, welcher als bester Schwertkämpfer des Landes betitelt wurde. Der Kampf sollte vor den Augen des Königs stattfinden. Zu Avelines Unheil drängte ihr Kontrahent darauf, den letzten, entscheidenden Kampf ohne die Tunika und nur mit blanker Brust anzutreten. Dem Drängen gab der König statt, sodass die Maskerade, welche Aveline spielte, zu ihrer Scham und Schande aufgedeckt wurde. Empörung machte sich beim Publikum und auch beim König breit. Die Verwunderung, wie es eine Frau schaffen konnte, so viele fähige und kampferfahrene Männer aus dem Turnier zu werfen, blieb aus. Der König befahl den beiden Kämpfern einen Kampf auf Leben und Tod, wobei er nicht damit rechnete, dass eine Frau einen solchen Kampf überstehen würde. Nur da es der Befehl des Königs war, erklärte sich Avelines Gegner dazu bereit, einen solchen erniedrigenden Kampf auf sich zu nehmen. Geblendet von seiner männlichen und edelmännischen Arroganz tat er den Kampf als ein Leichtes ab. Zu diesem ließ Aveline es aber nicht kommen. Sie wehrte sich mit allem, was sie aufzubieten hatten. Klinge schlug auf Klinge, Parade folgte auf Schlag und Gegenschläge wurden geführt. Wie zwei Raubtiere umkreisten sie einander, in ihrer Fähigkeit vollkommen gleich, um auf die Blöße, den Fehler des anderen zu warten, durch den sie ihr Schwert treiben konnten. Stunde um Stunde verging. Ein Vorteil, den sich Aveline so verschaffte, denn war sie es, die dank ihrer Arbeit auf dem Hofe die größere Ausdauer hatte. Eine Blöße tat sich aufgrund der Müdigkeit auf, durch welche Aveline schlug und ihren Gegenüber so zum Torkeln und zum Fallen brachte. Mit der Spitze des Schwertes an seiner Kehle verharrte sie. Das Leben des Mannes verschonte sie im Namen ihrer Göttin, Dwayna und wendete sich so dem König zu, nur um sogleich von einem Hagel von Pfeilen von einem Dutzend Bögen die auf Befehl des Königs flogen, niedergestreckt zu werden. Ihren letzten Atemzug tat die Junge Frau, die einst als Bauernmädchen begonnen und nun die Siegerin des Turniers geworden war. Man berichtete noch lang von ihrer Dreistigkeit und ihrer Unverschämtheit, brannte den Hof ihrer Familie aufgrund dieses Frevels nieder und tötete alle, die mit ihr verwandt waren oder irgendwie sonst verbunden. Nur einen dieser Menschen verschonte man, im Unwissen über seine Beziehung zu ihr.

    Als der König starb, ging die Krone an seinen ältesten Sohn weiter. Jener Ritter, der einst den Wunsch in Avelines Herzen brachte und ihr die Möglichkeit verschaffte, sich diesen Wunsch zu erfüllen. Er veranlasste, dass ab der Zeit seiner Krönung auch Frauen in den Dienst an der Waffe für den König treten können und das auch sie die Ritterwürde empfangen können. Aveline hingegen erwies er die Ehre und schlug sie noch nach ihrem Tode zum Ritter, zum ersten weiblichen Ritter des Reiches Ascalon. Dort, wo einst das Turnier stattfand, ließ er ihr ein Grabmal und eine Gedenkstätte bauen. Eine Statue war es, die Aveline mit zum Sieg erhobenen Schwert und Pfeil in der Brust darstellte. Auf einem goldenen Schild darunter konnte man in feinen Lettern lesen: „Es kommt nicht auf die Brust an, sondern auf das Herz, welches unter dieser schlägt.“