Schlagwort: Lagerfeuer

  • Der Greifenritter

    12.08.2018

    Es war einmal ein junger Mann von edlem Blute, der weder sonderlich stark noch sonderlich geschickt war. Sein Mut war es, der ihn auszeichnete und aus diesem Grunde hatte sein Herr ihn zum Ritter gemacht. Nun zog er durch das Land auf der Suche nach einer Aufgabe, mit der er sich seinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Aufgrund seiner schmächtigen Statur wurde er auf dieser Suche oftmals verlacht. Selbst die Bauern zollten ihm nicht den Respekt, den sie sonst den edlen Kriegern entgegen brachten, die ihre Höfe durchquerten.

    Seine Suche fand ihr Ende, als er von einer Burg erfuhr, die auf einem großen Hügel inmitten des Waldes lag und von dort auf das Tal blicken konnte. Eine Prinzessin sollte dort von einem bösen Zauberer gefangen gehalten werden, der zu seinem Schutze einen Drachen in die Mauern geholt hatte. Niemand, der sich zur Burg hinauf wagte, um das edle Fräulein zu retten, kam je zurück. Der Mann, der dem Jüngling davon berichtete verlachte ihn sogleich, als er sich entschloss, die Prinzessin aus ihrer gar misslichen Lage zu befreien. Der Spott des Mannes konnte seinem Tatendrang nichts entgegen setzen.

    So machte er sich auf den Weg, den gewundenen Pfad entlang, der durch den Wald hindurch, hinauf zur Burg führen sollte. Niemand war zu sehen, der es ihm gleich tat. Er war allein. Nur die Tiere des Waldes waren zugegen. Umso näher er der Burg kam, umso langsamer und vorsichtiger wurden seine Schritte. Um die letzte Biegung spähte er und sah auf der östlichen Bastion das schuppige Ungetier liegen. So viel Mut er auch hatte, so wenig Geschick und Stärke war es doch. Einen Drachen dieser Größenordnung würde er niemals alleine schlagen können. Von dieser Erkenntnis ermattet wendete er sich herum.

    Den Weg ging er wieder hinab, mit hängendem Kopf und Schultern. Eine Stimme drang an sein Ohr. Sie ließ ihn aufschrecken und so hob er den Blick. Vor ihm, mitten auf der Straße, stand eine alte Frau in nachtschwarzem, einfachem Mantel. Die Kaputze hatte sie so tief ins Gesicht gezogen, dass man nur ihre Nase unter dem Stoff hervorstechen sehen konnte.

    „Was betrübt dich, mein Junge?“, wollte sie mit ihrer alten, knarzigen Stimme wissen.

    „Dort oben in der Burg wird eine Prinzessin gefangen gehalten. Ein böser Zauberer ist dafür verantwortlich und ein Drache unterstützt ihn dabei. Es ist unmöglich für mich, in diese Burg zu kommen. Ich bin zu klein und zu schwach dafür.“, schüttete der Edelmann ihr sein Herz aus. Die alte Frau lachte.

    „Soeben sah ich hier einen Mann hinauf schreiten, dessen Schritte von Mut zeugten und sie damit schwerer machten, als es Kraft und Geschick jemals könnten. Ich kam heraus, um ihn zu suchen, doch was ich nun finde, ist nur ein Jüngling, der seinen Mut verloren hat.“, entgegnete die Verhüllte und wendete sich herum. Da der junge Edelmann niemand anderen auf dem Weg gesehen hatte, musste ihn die alte Frau meinen und so gebot er ihr Einhalt: „Wartet, Mütterchen. Ich war dieser Mann.“ Die Alte wendete sich herum. Als würde sie ihn zum ersten Mal sehen, maß sie ihn vom Scheitel bis zur Sohle.

    „Wenn wirklich du das warst, dann wirst du diesen Zweig zu einer Höhle hoch oben auf dem Berg dort bringen können.“, und mit den Worten reckte sie einen einfachen Zweig hervor, mit welchem sie einen weiteren Hügel hinauf zeigte. Der junge Mann, von neuem Mut beseelt, griff sogleich nach dem Zweig.

    „Ich werde dies tun.“, ließ er sie dazu wissen. Ein zufriedenes Nicken folgte auf die Worte. Die Frau wendete sich herum, um den Weg hinauf zu gehen und im Wald zu verschwinden. Der Edelmann machte sich sogleich auf in die gewiesene Richtung. Einen dichten Wald musste er dafür durchschreiten. Wann immer ihn die Stärke oder das Geschick verließ, sagte er sich selbst die Worte, die er von der Frau gehört hatte, dass der Mut die Schritte schwerer machte als es jede andere Kraft kann. So erreichte er den Ort, den ihm die alte Frau zum Ziel seiner Queste gemacht hatte.

    Die Höhle betrat er und hörte das Atmen eines Tieres. Dort, wo er einen Bär erwartete, sah er statt Fell Federn. Das Tier vor ihm erhob sich und breitete seine Flügel aus. Einen lauten, vogelhaften Ruf gab es von sich. Es war ein Greif. Dieser trat auf ihn zu. Er musterte ihn, was den jungen Mann nicht zurückweichen ließ. All seinen Mut nahm er zusammen, um dem königlichen Tier zu zeigen, dass er keine Angst vor ihm hatte. Der Greif zeigte sich wohlwollend. Als er ihm den Zweig entgegen reckte, trat das Tier hinaus in das Freie. Der Edelmann folgte ihm und als die vogelartige Gestalt sich senkte, stieg er auf ihren Rücken.

    Hoch hinauf in die Lüfte erhoben sie sich, dass er sich fest in den Federn halten musste, um nicht vom Rücken des Greifen zu fallen. Die Lande unter sich sah er in einer Schnelligkeit davonrauschen, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. Wälder und Hügel überflogen sie. Flüsse konnte er sehen, auf denen kleine Boote trieben, um zu fischen oder Reisende überzusetzen. Einem großen Berg näherten sie sich, in dem der junge Mann den Brocken erkannte, die Heimat der Hexen. Vor einer Höhle dort landete der Greif weich wie eine Feder. Vom Rücken hinab glitt sein Gast, um sogleich die Höhle zu betreten, die vor ihm lag. An einem großen Kessel sah er die Frau stehen, die ihm zuvor auf der Straße hinauf zur Burg begegnet war. Einen großen Löffel hatte sie in der Hand, mit dem sie im Kessel rührte. Zweifelsohne gehörte sie zu den heimischen Zauberinnen. Gewohnten Mutes ging der Jüngling auf sie zu und reckte seine Gestalt voller Stolz.

    „Du bist also angekommen.“, stellte die Alte fest, ohne ihn anzublicken. Der Kessel vor ihr dampfte. Nebelschwaden umwaberten ihn. Den langen Löffel holte sie aus ihm hervor.

    „In diesem Kessel ruht der Schlüssel zu deinem Erfolg. Ein Artefakt, welches dir bei der Befreiung der Prinzessin behilflich sein wird. Es ist alt und mächtig. Deine mangelnde Stärke und dein Geschick wird es ausgleichen. Du musst es dir nur nehmen.“, verhieß die Hexe. Ungebändigten Mutes trat der junge Edelmann an den Kessel heran. Die Hand streckte er aus. In den Nebel tauchte sie ein und kurz darauf in das Wasser, welches unter ihm lag. Zu seiner Überraschung war es kalt. Am Grund des Kessels fand er etwas, was er geschwind hervorholte. In seiner Hand hielt er einen Stein.

    „Er ist mein Geschenk an dich. Der Zauberer kann damit besiegt werden. Der Drache allerdings, den er gebunden hat, kann nur durch die Vernichtung des Herzens befreit werden, dass der Zauberer ihm geraubt hat.“ Mit diesem Wissen entließ die Hexe ihn in die Freiheit. Den Stein in der Hand schwang er sich auf den Rücken des Greifen und sann im Fluge nach, wie er nun vorgehen wollte.

    Dörfer und Städte besuchte er. Dort, wo man ihn zuvor noch verlachte und ihm spöttische Bemerkungen entgegenbrachte, bewunderte man ihn nun aufgrund des mächtigen Tieres, welches er mit sich brachte. So war es ihm ein leichtes, eine kleine Heerschar unter sich zu vereinen, die er alsbald auf den Weg hinauf zur besetzten Burg brachte. Da sie der Greif vereinte, erwählte er sich die Greifenkralle als Banner.

    Kaum waren sie bei der Burg angekommen, so spie der Drache den Verbündeten schon Feuer entgegen. Diese verteidigten sich und versuchten mit all ihrer Kraft, die östliche Bastion der Burg zu erstürmen, um den Drachen zu erschlagen. Der Jüngling allerdings, der dies als Ablenkung geplant hatte, flog auf dem Rücken des Greifen ohne Beachtung vom Drachen hinauf zum Turm, in dem der Zauberer die Prinzessin gefangen halten sollte.

    „Du wagst es, mich anzugreifen, Narr?“, schleuderte der in ein schwarzes Gewand gekleidete ihm entgegen, kaum dass er den Turm betreten hatte. Vom Mut erfüllt trat der Edelmann näher. Er bot ihm die Stirn, was dem Zauberer missfiel, aber nicht einschüchterte. Ein grollendes Lachen gab er von sich.

    „Also schön. Ich gebe dir eine Chance mich zu besiegen, bevor ich dich in einen Haufen Asche verwandeln werde, Unwürdiger.“, gewährte der Dunkle. Mit einem Magier würde er es nicht aufnehmen können, dachte der Greifenreiter bei sich. Die Hand steckte er in den Beutel und holte den Stein hervor.

    „Du glaubst, ich kann nicht zaubern.“, vermutete der junge Mann. Den Stein warf er einmal in die Luft, um so die Aufmerksamkeit seines Kontrahenten auf diesen zu lenken. „Sieh selbst, wie ich aus diesem Stein einen Falken entstehen lassen werde!“ Den Stein schleuderte er voran und warf ihn dem Zauberer an den Kopf, der davon getroffen ohne Bewusstsein niederging. Die Gunst dieses Umstandes nutzte er, um das Drachenherz zu greifen, welches auf einem Tisch lag und die Zelle zu öffnen, in der sich die Prinzessin befand. Noch bevor der Magier erwachte, schloss er ihn in die Zelle ein. Anschließend stiegen Jüngling und Prinzessin auf den Rücken des Greifen, der sich hoch hinauf in die Luft begab. Aus dieser Höhe schleuderte der Edelmann das Drachenherz hinab, genau auf die Spitze des Turmes, die es aufspießte. Die Feuersbrünste von der östlichen Bastion erstarben augenblicklich und man konnte den Jubel der Männer hören. Die Burg erstürmten sie.

    Überwältigt vom Erfolg des jungen Edelmannes, übergab der König ihm als Dank für die Rettung seiner Tochter die Burg, die er befreit hatte. Ebenso gab er ihm die Hand seiner Tochter, auf dass eine Hochzeit auf dem Altan der neuen Besitzung stattfinden sollte, die der Jüngling als Falkenstein benannte, aufgrund des Steines, mit dem er den dunklen Magier besiegt hatte. Auch die Hexe war während der Hochzeit in ihrer Verkleidung anwesend, um dem Bräutigam zu beglückwünschen und ihn wissen zu lassen, dass er mit nicht mehr als einem Stein und seinem Mut dies vollbracht hatte. Von diesem Tage an sollten all jene, die die Ritterwürde auf der Burg Falkenstein errangen, die Greifenkralle als Wappen auf ihren Röcken tragen und als Greifenritter bekannt sein. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

  • Zur See

    19.05.2022

    Er stand am Steg. Der Wind wehte ihm durch das lange Haar. So tanzte es wie zu einem Frühlingsfest. Ein goldener Reigen, der bedingungslos der Macht des Windes ausgesetzt war. Sein Blick ging auf das vor ihm liegende Meer hinaus. Welle um Welle schob sich dieses entlang, in dem Wissen, dass sie am Ufer ihr Ende finden würde. Ein unendlicher Takt, der nie gebrochen werden würde. Etwas anderes als das Ufer konnte sie jedoch nicht aufhalten. Nichts von menschlicher Hand konnte dem Schauspiel der Natur auf ewig trotzen. Es war ihr Schicksal und diesem war sie ergeben.

    Der Motor eines ankommenden Autos lenkte seine Aufmerksamkeit vom Meer hin zu der kleinen Straße, die in gewundenen Pfaden die hohen Klippen an geeigneter Stelle hinab zum Steg führte. Im langsamen Tempo fuhr es die steile Straße hinab. Ein einfacher Wagen war es, der ohne eine große Besonderheit auskam. Ein Auto, wie es jeder Zweite fährt. In der Nähe des Steges kam es zur Ruhe. Nach einigen Momenten öffnete sich die Tür. Vom Beifahrersitz schob sich eine Frau aus dem blechernen Gefährt. Die schwarze Jacke, in die sie sich gehüllt hatte, war der kühlen Luft am Meer angemessen. Als sie den heftigen Windzug an ihrem blonden Haar reißen spürte, schob sie sich schnell die Kapuze über den Kopf hinweg und befestigte sie mit einem Ziehen an den Bändchen, sodass sie nicht wieder hinab gewirbelt wurde. Auch der Fahrer verließ das Auto. Seine Schritte führten ihn ohne Umschweife an das Heck, wo er die Klappe öffnete, um an den Kofferraum zu gelangen. Die Frau folgte ihm dorthin. Ihre Schritte waren langsam und bedächtig. Eile schienen beide keine zu haben. Sie nahm die Tasche in Empfang, die er ihr reichte. Gerade einmal groß genug um die Kleidung für drei Tage zu beherbergen war diese. Es schien allerdings nicht, als wäre Kleidung in ihr, auch wenn das Volumen groß war. Viel eher schien sie schwer zu sein, wie man es bei einem normalen Gepäckstück nicht erwarten würde. Das Gewicht zog den Arm etwas hinab. Nachdem der Kofferraum geschlossen war, begaben sich die beiden gen des Steges. Am Wartenden gingen sie vorüber und in diesem Moment schloss er sich ihnen an. Der schmale, hölzerne Weg führte hin auf das kleine Fährschiff, welches an diesem Ort angelegt hatte. Zehn Personen konnte dieses neben der Mannschaft mit Leichtigkeit befördern. Es war ein einfaches, kleines Schiff, ohne Luxus oder etwas, was man nicht brauchte. Der Zweck war bei diesem Gebilde wichtiger als die Bequemlichkeit. Ein einziges Deck, ein windgeschützter Aufbau in der Mitte und eine Reling, die sich um das Schiff zog, sodass die Mitfahrenden keiner Gefahr ausgesetzt waren, ungewollt von Bord zu gehen. Das Auffälligste mochte die Fahne am Heck sein, die in grün-weiß-orange sich dem Wind erwehrte. Am Ende der Planke, die den Steg mit dem Schiff nahtlos verband, wartete ein in die Jahre gekommener Mann. Der dunkelbraune Bart war von grauen Haaren durchzogen. Jene auf dem Kopf waren unter einer Kapitänsmütze verborgen. Viele schien er davon aber nicht mehr zu haben. Dunkelblaue, wachsame Augen blickten über die Neuankömmlinge. In stark akzentuiertem Deutsch begrüßte er die beiden und reichte ihnen jeweils die Hand, bevor er sie gänzlich auf das Schiff ließ.

    An Bord angekommen bemerkte man das leichte Wanken des Schiffes, welches von den Wellen in einem sanften Takt hin und her geschaukelt wurde, wie die Wiege eines Kindes. Der pfeifende Wind war dabei das Schlaflied. Gelegentliche kleine Spritzer von Wasser fanden ihren Weg hinauf auf das Deck des Schiffs. Aus diesem Grund war es ratsam, vorsichtig zu sein, wohin man trat und nur festen Schrittes zu gehen. Sie hielten sich daran. Auf den überdachten Aufbau steuerten sie zu, um sich vor der Gewalt der Natur zu schützen. Dabei passierten sie eine junge Frau, die unweit des Eingangs am Geländer lehnte. Der letzte in der kleinen Reihe hielt an, um sie zu betrachten, ganz unverhohlen und ohne Scheu. Von schlanker Statur war sie und gekleidet in Jeans und einen dicken Pullover. Die freie Haut, die man sehen konnte, war weiß wie die Gischt des Meeres. Das Gesicht war von Sommersprossen geziert und leicht lockigem, rotem Haar umgeben. Es war aber nicht gefärbtes Haar. Sein erster Blick verriet ihm bereits, dass dies ihre natürliche Haarfarbe war. Eine Augenweide war sie. Schwer fiel es ihm, seinen Blick von ihr zu reißen, doch schlussendlich gelang es ihm und er trat in den Aufbau des Schiffes. Die Pflicht rief. Seine vorige Begleitung hatte sich zu einem der Tische begeben, auf dem sie die Tasche abgestellt hatten, die die Trägerin öffnete. Zwar kam Stoff aus dieser zum Vorschein, jedoch war es keine Kleidung. Es war Füllmaterial, um das, was eigentlich darin verborgen lag, zu beschützen. Ein Schatz. Die Finger strichen zärtlich und leicht zitternd darüber. Das Gesicht war dank der Kapuze verborgen.

    Ein Pfiff ertönte, dann einige lautere Worte in englischer Sprache. Ein kurzes, unruhiges Treiben kam in die Besatzung des Schiffes. Kaum zwei Lidschläge später legten sie auch schon ab. Von den Gezeiten ließen sie sich hinauf auf das Meer tragen. Durch die gläserne Front des Aufbaus konnte man die sich entfernende Küste erkennen, ebenso aber auch das unendliche Meer, welches immer größer zu werden schien. Es verschlang sie förmlich. Die dichte Wolkendecke wies Hier und Da einige Löcher auf, durch die Sonnenstrahlen brachen, um sich mit dem Meer zu vereinen. Die Tür des Aufbaus öffnete sich. Schnell schlüpfte die Rothaarige in das Innere. Den Eingang versiegelte sie rasch, damit nichts des Windes und des Wassers ins Innere gelangen konnte. Ein freundliches Lächeln schenkte sie den Mitfahrenden, dem ein Gruß in englischer Sprache folgte. Nur auf eine leise, mehr genuschelte Erwiderung stieß die Geste. Daran schien sie sich allerdings nicht zu stören. An einem Tisch unweit des belegten nahm sie Platz und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Das grünblaue Augenpaar lenkte sie auf das Meer hinaus. An sie heran trat er, um sie noch einmal eingehend zu betrachten, bevor er sich ihr gegenüber am Tisch niederließ. Sie bemerkte ihn nicht. Ihr Blick war hinaus gerichtet, wo er konzentriert verweilte. Die Schönheit des Meeres hatte sie in ihren Bann gezogen. Das Funkeln in den Augen verriet die tiefe Verbundenheit mit diesem.

    Viel Zeit des Sitzens vergönnte man ihm nicht. Es kam Bewegung in die kleine Konstellation am anderen Tisch. Aus dem Inneren der Tasche holte die Frau ein tönernes, bauchiges Gefäß hervor. An die Brust drückte sie es für einige Momente, bevor sie ein stummes Nicken ihrer Begleitung schenkte. Auch der Dritte im Bunde erhob sich von seinem Platz am Tisch, um ihnen zu folgen. Den Aufbau verließen sie und schlossen die Tür, bevor sie zum Bug gingen. An der Spitze verweilten sie. Wortlos und stumm sahen sie auf das Meer hinaus. Lange Momente vergingen, bevor die Frau das Gefäß öffnete. Den Deckel verstaute sie in einer Tasche, bevor sie in das Innere griff. Es war gerade groß genug, dass ihre Hand auch Platz darin fand. Nach einem Augenblick holte sie sie wieder hervor. Eine ausladende Geste folgte. Ein Pulver warf sie in den Wind. Wieder und wieder wiederholte sie dies, bevor sie das Gefäß umkehrte, um auch die letzten Reste aus diesem zu verteilen. Er beobachtete das Spiel. Die feinen Körner, die sich mit dem Wind verbanden und von diesem hinaus auf das Meer getragen wurden, wo sie sich allmählich auf das Wassers hinab senkten, um so in der Unendlichkeit zu verschwinden. Und so verschwand auch er.

  • Die vier Kerzen

    25.10.2021

    Der Winter war über das Land gekommen. Wie die Landschaft, so hatte er auch die Hütte am Waldesrand unter seiner weißen Decke begraben. Eisige Winde striffen um die Ecken des Hauses, dass die Zapfen an den Kanten wackelten. Im Inneren lebte ein altes Paar, das ärmlich war. Ihr Besitz war nie groß, doch hatten sie es stets geschafft, sich und ihre vier Kinder am Leben zu erhalten. Fest waren sie entschlossen, dass es auch in diesem Jahr so sein würde. Am runden Tisch saßen sie, auf dem vier Kerzen brannten. Die einzige Quelle von Licht und Wärme in diesen kalten Tagen. Mit Decken umwickelt verharrten sie da, wie sie es schon den Großteil ihres Lebens getan hatten. Die Heimkehr ihrer Kinder erwarteten sie.

    Die Tür schwang auf und ein eisiger Hauch begleitete dies. Eine der Kerzen auf dem Tisch ließ er erlöschen. Das jüngste der Kinder kam auf den Tisch zu, das Gesicht gerötet von der Kälte. Auf einem Stuhl ließ er sich nieder und begann sogleich zu erzählen. Er sprach von einem Freund, den er auf dem Markt getroffen hatte. Jener Freund, mit dem er schon viele gute Stunden verbracht hatte, dem er stets geholfen hatte, wenn er denn Hilfe brauchte und für den er immer da war. Einen Becher hielt er in seinen Händen, der mit heißem Würzwein gefüllt war. Als er um einen Schluck bat, da er Durst hatte und auch die Kälte so leichter zu verreiben war, lehnte er ab und sprach davon, dass er ihn sich hart verdient hatte. Den letzten Schluck nahm er damit.

    Kaum dass der Jüngste endete, schwang die Tür ein weiteres Mal auf. Der kalte Wind ließ sich nicht draußen halten, sodass eine weitere der Kerzen auf dem Tisch erlosch. Mit gerötetem Gesicht trat er an den Tisch heran. Doch nicht nur die Wangen und die Nase waren rot, auch waren es die Augen, als hätte er geweint. Niedergeschlagen ließ er sich neben seinem Bruder am Tisch nieder. Sogleich begann er davon zu erzählen, dass er den gesamten Morgen damit verbracht hatte, ein Kaninchen zu jagen. Als ihm dies endlich gelungen war, begab er sich zu seiner liebsten Stelle am Bach, wo er eine Feuerstelle vorbereitete. An diesem Ort hatte er sich mit ihr verabredet, seiner großen Liebe, mit der er so gerne Zeit verbrachte. Vergeblich wartete er auf sie, denn sie kam nicht. Sie hatte ihn verlassen.

    Tränen rannen die Wangen des jungen Mannes hinab, als sich die Tür ein weiteres Mal öffnete. Die dritte Kerzenflamme fiel dem Windstoß zum Opfer. Im Haus sah sie sich erst um, als würde sie etwas suchen, bevor sie sich zu ihrer Familie an den Tisch setzte. Sogleich begann sie davon zu erzählen, dass sie den Morgen und Mittag damit verbracht hatte, im Wald zu spazieren. Dabei war sie auf kein Tier getroffen, wie sie es gehofft hatte, um Freundschaft mit ihm zu schließen. Sie war sich sicher, dass eines von ihnen sie die ganze Zeit beobachtete. Sicher fühlte sie sich dadurch, geradezu geborgen und so hatte sie die Zeit vergessen, während sie weiter nach diesem suchte. Als die Sonne begann hinabzusinken, machte sie sich auf den Heimweg, ohne dass ihr ihr Wunsch erfüllt wurde.

    Lange Zeit verbrachten sie schweigend am Tisch. Ihre Blicke gingen hin zur Tür, um sich dann auf den Tisch zu legen. Die Geschichten hatten sie traurig gemacht, aber warteten sie auch auf das letzte Mitglied der Familie. Gerade als sie die Hoffnung aufgeben wollten, öffnete sich die Tür. Der aufkommende Wind vermochte es die letzte Flamme auf dem Tisch zum Tanzen zu bringen, doch schaffte er es nicht, sie erlöschen zu lassen. Der älteste Bruder trat an den Tisch heran. Auf seinen Lippen lag ein Lächeln. Die Kerzen betrachtete er, dann griff er sich die noch entflammte. Ihr Feuer teilte er mit einer weiteren, sodass diese zu brennen begann, während er sprach. Er erzählte davon, dass er den Morgen mit der Reparatur des Wagens zugebracht hatte, da ihm dieser auf dem Marktplatz kaputt gegangen war. Ein junger Mann war ihm dabei zur Hand gegangen, den er mit einem Becher heißem Würzwein vom nächsten Stand belohnte.

    Die Kerze in der Hand hielt er diese an die zweite, die erloschen war, um sie so neu zu entfachen, während er seine Geschichte fortsetzte. Er berichtete davon, dass er auf dem Weg zurück von der Stadt eine junge Frau gesehen hatte, die im Wald umher irrte. Auf sein Zurufen hin kam sie zu ihm, um ihm zu erzählen, dass sie mit ihrem Freund verabredet war, doch die Stelle nicht mehr fand, an der sie ihn treffen sollte. Nach einigen gewechselten Worten ließ er sie auf den Wagen steigen. Auf dem Weg machte er kehrt, um sie nach Hause zu bringen, wo sie sicher vor Kälte und anderen üblen Gestalten des Winters war. Erst dann machte er sich auf den Heimweg.

    Mit der Kerze trat er neben seine Schwester, der er einmal liebevoll durch das Haar wuschelte, bevor er die letzte Kerze wieder zum Scheinen brachte. Während sie die aufkeimende Flamme beobachteten, setzte er seine Geschichte des Tages fort. Er sprach davon, dass er auf seinem doppelten Weg immer wieder einen bekannten Schopf in den Wäldern gesehen hatte. Extra langsam hatte er gemacht, damit er mit ihr mithalten konnte und ein Auge auf sie haben, damit ihr nichts passiert. Erst als er sich sicher war, dass sie den Heimweg antrat, tat er das gleiche, ohne dass er die geheimen Pfade nutzen konnte, die wesentlich kürzer waren. Der Wagen hatte ihn daran gehindert.

    Am Tisch ließ er sich nieder, nachdem er seine Erzählung beendet hatte. Die Kerze stellte er auf diesem ab. Den Abend verbrachte die Familie mit Erzählungen bei süßen Speisen, die der Älteste aus dem Wagen holte. Die vierte Kerze war es, die als erstes abgebrannt war, doch hatte sie den anderen drei ein neues Leben beschert.

  • Die Lichtung

    11.11.2022 (nach einer Geschichte vom 22.04.2007)

    So stehen wir nun voreinander, nach all diesen langen Jahren, die uns miteinander verbinden. Noch heute weiß ich, als wäre es erst eine Stunde her, wie wir uns kennenlernten. Es war das gleiche Bild wie in diesem Moment. Voreinander standen wir im Mondlicht auf der Lichtung des Waldes zur Zeit des Erntefestes, kaum aus den Kinderschuhen ehrausgewachsen. Für uns beide hatte dieser Wald eine große Bedeutung, ebenso wie dieses Fest. Ich erblickte dich und wusste sogleich, was geschehen würde. Ab dem ersten Augenblick war meine Liebe mit dir. Doch du, du hattest nichts bemerkt. Ich versuchte mich dir anzunähern, ohne dich zu bedrängen. Ein schmaler Grat, den ich gehen musste. Während mein Herz mehr davon wollte, gar verlangte, wusste mein Kopf, dass ich überstürzt nicht das erreichen würde, was ich mir so sehnlich wünschte. Als ich ein Lächeln auf deinen Zügen erkennen konnte, vernahm ich bereits die ersten Zeichen des Sieges in mir, hell wie ein Glockenschlag. Mit dieser Nacht würde sich mein Leben verändern, das wusste ich.

    Du blickst mir in die Augen und zitterst, wie auch ich es tue. Wir wissen beide, was nun kommen wird, was nun kommen muss. Zu lange hatten wir vor diesem Moment Angst, als dass wir nun nicht wüssten, wann er vor uns steht. Viel zu oft hatte ich mir bereits ausgemalt, wie er aussehen würde.

    Unser zweites Treffen verlief ebenso. Wir trafen uns wieder hier, auf der Lichtung der Freundschaft, wie wir sie seit unserem ersten Aufeinandertreffen nannten. Zusammen saßen wir im Gras und blickten in die Sterne, die auf uns herab schienen. Gespräche begleiteten uns dabei. Deine Worte waren so voller Leid, denn von einem ruhigen, erfüllten Leben hattest du nicht viel. Ich versuchte dir mit meinem Rat zu helfen, versuchte alles, um dir wenigstens etwas Glück in der Trostlosigkeit zu bescheren. Dabei belog ich mich selbst. Dass wir nur Freunde waren und ich nicht mehr wollte redete ich mir ein, weil ich wusste, dass diese Lüge für mich bei dir Wahrheit war.

    Einige Schritte gehen wir aufeinander zu. Die Arme heben wir beide, wie bei Marionetten, an deren Stricken man zieht, als würden wir eine Umarmung vom jeweils anderen erwarten, doch geschah nichts. Ich traue es mich nicht, ebenso wenig wie du. Machten wir gerade noch einen Schritt aufeinander zu, so bringen wir nun mit einem zurück wieder Distanz zwischen uns. Einem minimalistischen Tanz gleicht es. In die Augen blicke ich dir, in denen ich Tränen erkennen kann.

    Tränen, die ich auch bei unserem dritten Treffen in deinen Augen sah, als du auf mich zukamst. Ich weiß noch, dass die Straßen damals viel zu voll waren, als dass man innige Gespräche führen konnte, nach denen der Ausdruck in deinem Gesicht förmlich schrie. Zu viele Augen sahen uns. Doch das war mir egal. Ich zog dich mit mir auf eine der Bänke, auf der du dich sogleich gegen mich lehntest. Die Worte sprudelten aus dir hervor, als hätte man einen Staudamm gesprengt. Von all deinem Leid sprachst du, offenbartest mir deine Qualen, bis auch ich Tränen aufkommen spüren konnte.

    Als ich dich ansehe, sehe ich einen silbrigen Schimmer deine Wange hinab rinnen. Die erste Träne des Abends zieht ihre salzige Bahn über deine Wange. Sie wird nicht die letzte sein. Deinem Blick kann ich nicht mehr standhalten und so senke ich den meinen, denn noch nie konnte ich dich weinen sehen. Du hast es nicht verdient, all dies, was mit dir geschieht und dich immer wieder zum Weinen bringt. Dieses Bild erinnert mich an eines unserer zahlreichen Treffen, bei denen du so erfüllt von Kummer warst. Tränen flossen dir über die Wangen, während du sprachst. Deine Worte waren dabei wie Nadeln, die ihren direkten Weg in mein Herz fanden, wo sie für immer verblieben.

    Vorsichtig und langsam, als würden Tausende von Steinen an ihr hängen, hebe ich meine rechte Hand und blicke dich an. Deinem Gesicht nähere ich mich mit ihr, immer bereit, sie zurückzuziehen, als wäre es ein Feuer, welches ich versuche zu berühren und Angst davor habe, mich zu verbrennen. Du ziehst dich nicht zurück. Meine Finger gleiten über die weiche Haut deiner Wange hinweg, immer darauf bedacht, die Bahnen der Tränen nicht zu verwischen. Die erste Berührung dieser Art war bereits wundervoll. Nie werde ich diese vergessen. Die Geste spendete dir in diesem Moment Trost. Das schmale Lächeln, welches du hervorbrachtest, war daraufhin der meine.

    Diesmal rufen meine Berührungen aber kein Lächeln hervor, denn in viel zu schweren Stunden sind sie. Der Mond, der zwischen Wolken hervor auf uns herab scheint, beobachtet uns, während er uns in seinem Licht ertrinken lässt. Jede unserer Bewegungen sieht er, jedes Heben und Senken unserer Brust, doch bleibt er trotzdem still, denn er sieht nicht, wie es in uns ist. Er sieht nicht das, was wir sehen. Wir sehen uns, die erdrückende Welt um uns und all die ihr abgerungene, schöne Zeit, die wir miteinander verbrachten. All meinen Mut nehme ich zusammen. Die Arme hebe ich, um dich mit einem großen Schritt voran in diese zu schließen. Sanft drücke ich dich an mich heran. Die Befürchtung, dass du von mir weichen könntest, zerstörst du, als du dich an mich schmiegst. Wie die erste Umarmung, die mich eng an dich band. Du warst so leidvoll in diesem Moment, dass ich es nicht mehr anders konnte. Wie von selbst schloss ich meine Arme um dich. Geborgen hielt ich dich in ihnen, schützend vor all den Qualen, die dich umgaben. Ein Zeichen der Verbundenheit, der Freundschaft für dich und ein Zeichen meiner innigsten Liebe zu dir für mich.

    Unsere Augenpaare treffen sich wieder. Vielsagend siehst du mich an, als wären deine Blicke eine Feder, die die Seiten eines Buches füllen. Jedes einzelne deiner Gefühle kann ich in den Spiegeln der Seele erkennen. Etwas, das ich über die vielen Jahre hinweg lernte. Nur zaghaft nähern sich unsere Gesichter. Die Lippen berühren sich leicht. Nicht mehr als ein Hauch ist es und doch ist es ein Kuss. Der letzte wohl für uns. Unser erster war weder aus Freundschaft, noch aus Liebe. Mein Mitleid bewog mich dazu. Ohne darüber nachzudenken versuchte ich dich damit abzulenken. Ich erreichte das genaue Gegenteil damit. Wie in diesem Moment. Der Strom der Tränen nimmt zu. Den Mund öffne ich, um etwas zu sagen, doch legst du mir sogleich den Finger auf meine Lippen, um mich zum Schweigen zu bringen, als wäre es ein Schlüssel, der das Schloss zu meinem Herz verriegelt. Diese kleine Geste, die viele nur als eine Bitte des Schweigens interpretieren, ist so viel mehr für mich. Als ich es nicht mehr aushielt, dich in deinem Zustand zu sehen, heruntergekommen und vom Leben gezeichnet, sagte ich dir, was ich für dich empfand. Damit wollte ich dich dich von all dem Schlechten befreien. Dann spürte ich deinen Finger auf meinem Mund, dem schnell deine Lippen Platz machten, über die darauf die schönsten Worte hinweg kamen, die man hören konnte, gleich dem Gesang von Engeln. Sie berichteten von der Erwiderung meiner Gefühle zu dir.

    Auch in diesem Moment erwidern wir die Gefühle, doch sind es keine des Glücks. Es sind keine der Freude, der Geborgenheit oder der Zärtlichkeit. Ich weiß nicht, was für Gefühle es sind und ich weiß nicht, wohin sie gehen würden. Oft wusste ich dies auch nicht in der Zeit, in der wir uns liebten. Du nahmst mich an der Hand. Wie ich dir das Glück zeigte, so zeigtest du mir das Leben. Dein Leben. Unser Leben, wie ich es mir so oft wünschte, selbst wenn es hinter dem Vorhang der Verschwiegenheit verborgen war. Es war eine Zeit der strahlenden Sonne, die keine Wolken kannte. Nun lehrst du mich erneut etwas. Ein Gefühl ist es, dass ich in dieser Intensität vorher nur gesehen hatte, aber niemals selbst erlebt: Leid . Unendlich langsam, als wäre die Schwerkraft nur eine Formel in den Büchern, um manche Schüler in Verzweiflung zu stürzen, rinnen die Tränen meine Wange hinab. Auf den Boden ergießen sie sich. Der Boden, auf dem wir so oft saßen, die Worte so weich wie Federn und unsere Liebe so heiß wie glühende Kohlen.

    Das silbrige Licht verschwindet hinter einer Wolke, um uns der Dunkelheit zu überlassen. Der Beobachter ist gegangen und doch fühlt es sich an, als würde er um uns weinen, als der erste Tropfen meinen Schopf erreicht. Ein Regen setzt ein, der so sanft und mild ist, wie es sonst nur du sein konntest. Das Haar lässt er an deiner Stirn kleben, als wäre dein Gesicht noch nicht nass genug. Sanft streiche ich dir die Strähne hinter das Ohr zurück.

    Eigentlich trafen wir uns hier, um, wie ich dachte, schöne Stunden miteinander zu verbringen, wie wir es so oft taten, doch sagtest du mir nur, dass es sich für uns nicht lohnt, dass du kalt geworden bist und nichts mehr empfindest, besonders nicht für mich. Die Gesten, die den Worten folgen, sprechen etwas anderes. Während sich unsere Tränen mit dem Regen vermischen, schmiegen wir uns aneinander. Kein weiteres Wort fällt, welches das Schweigen des Momentes durchbrechen kann. Einen letzten Blick schenke ich dir und löse mich dann, um zu sehen, wie du dich abwendest. Langsam gehst du durch den Regen, den ich schon immer so schön fand, denn dann sah man nie die Tränen auf meinem Gesicht, wenn wir beieinander waren und du mir von dir erzähltest. Als du dich umdrehst, blicke ich dich nur an, verwundert, besorgt und gespannt, was nun kommen wird. Deine Lippen wollen Worte formen, doch bringen sie kein einziges darüber hinweg. Kein Laut außer das sanfte Plätschern dringt an mein Ohr. Raschen Schrittes trittst du auf mich zu, wirfst dich förmlich gegen mich und schmiegst dich so eng wie nie zuvor an mich heran. Das Flüstern, welches du dabei von dir gibst, gleicht einem Schrei in meinen Ohren: „Ich liebe dich.“

  • Die Abgrundtheorie

    11.11.2022 (Ursprung 18.01.2018)

    Stell dir vor, du bist in einer Höhle. Ein Pfad führt durch diese hindurch, erhellt von Fackeln an den Wänden, die ein sanftes, flackerndes Licht spenden. Dies ist dein Leben. In weiter Ferne kannst du das Ziel erkennen, welches du dir auserwählt hast. Verheißungsvoll leuchtet es dir entgegen. Langsam gehst du weiter. Noch ist der Pfad breit genug, dass du bequem darauf gehen kannst, doch bald schon wird er dünner. So schmal, dass du seitwärts gehen musst, während links und rechts kleine Steine in den Abgrund rieseln. Plötzlich wird dein Weg unterbrochen. Ein großes Stück fehlt, sodass du nicht weiter voran gehen kannst. Diese Kluft stellt eine schlechte Lebenslage dar.

    Die Kluft ist zwar groß, doch nicht groß genug, als dass du sie nicht überspringen könntest. Dafür musst du allerdings all deinen Mut zusammen nehmen und darauf hoffen, dass du unbeschadet auf der anderen Seite ankommst und nicht hinab in das Dunkel fällst, welches das Gebilde umgibt, hungrig lauernd. Eine kurze, enorme Anstrengung wird es dafür brauchen, doch dann kannst du auf deinen einstigen Weg zurückkehren.

    Auf der anderen Seite kannst du Bewegung erkennen. Eine Person tritt aus dem Schatten in das Licht. Sie ist dir wohlbekannt. Ein Freund ist es, der sich dir dort zeigt. Seine Hand streckt er dir entgegen, um dir über die Kluft hinweg zu helfen. Du musst sie nur ergreifen. Viele Mühen wird sie dir ersparen, um das Hindernis zu überwinden, doch wird sie dir nicht all die Anstrengung abnehmen. Auch hierfür braucht es Mut und Überwindung, denn immerhin könntest du ihn bei einem zu kurzem Sprung mit in den Abgrund ziehen.

    Zu deiner rechten Hand eröffnet sich ein weiterer Weg, der von deinem eigentlichen abführt, doch mit dem du das Hindernis umgehen kannst. Einem Seiltanz gleich musst du über einen schmalen Grat wandern, um diesen Weg zu erreichen. Dieser schmale Grat stellt Veränderungen dar, die du durchlaufen musst, neue Ziele, die du dir setzt, um dein eigentliches doch noch zu erreichen.

    Zu deiner linken Hand befindet sich ein zweiter Pfad. Er ist breit genug, dass du bequem darauf gehen kannst, doch siehst du, dass er sich weit erstreckt. In vielen Kurven verläuft er, bis er das Hindernis vor dir überwindet. Ein langer, anstrengender Weg, den es zu gehen gilt, um das Ziel zu erreichen, ohne sich dafür verändern zu müssen.

    Eine letzte Möglichkeit ist es, in das Schwarz hinab zu steigen. Deine mentale und körperliche Belastbarkeit wird damit auf die Probe gestellt. Du verfällst vielleicht in Depressionen, verlierst all deine Hoffnungen, ziehst dich zurück und bist nicht mehr offen für andere. Vielleicht blickst du sogar dem Tod ins Auge. Doch wo es hinab geht, dort geht es irgendwo auch wieder hinauf. Dieser Abgrund ist eine ganz eigene Welt. Du wirst auf Personen treffen, die ebenso durch ihn gehen. Sie teilen dein Schicksal. Ihr Ohr werden sie dir leihen, wenn auch du ihnen zuhörst. Ebenso wirst du helfende Hände gereicht bekommen, die sich ganz freiwillig in die Dunkelheit begeben haben, um Menschen wie dich aus ihr zu befreien. Du musst dich nur trauen, sie zu ergreifen. Es ist keine Schwäche, nach Unterstützung zu bitten, nur ein Beweis von Einsicht. Wenn du dann auf der anderen Seite des Abgrundes auf deinen Weg zurück kletterst, wirst du stärker als jemals noch zuvor sein.

    Dies alles sind Möglichkeiten, den Abgrund zu überqueren, um dein Ziel zu erreichen. Dafür bedarf es Mut, Hoffnung, Glauben und Selbstvertrauen. Natürlich kannst du auch einfach vor ihm stehen bleiben. Damit hörst du auf, dich weiter zu entwickeln. Dein Ziel wirst du damit nicht erreichen, aber du wirst weiterhin leben. Du könntest allerdings auch den Weg, den du gegangen bist, wieder zurückgehen, um dich in deiner Vergangenheit zu verlieren. Der Zukunft kehrst du dadurch den Rücken. Oder du springst in den Abgrund. Du gehst freiwillig in den Tod, wie es viele schon vor dir getan haben. Zu viele, wie der Friedhof beweist, der sich neben dir auf einer kleinen Insel inmitten des Schwarz befindet. Auf den Grabsteinen steht eine unzählige Zahl von Namen und Daten. Manche von ihnen hatten kaum das, was man ein Leben nennen kann, wenn man die Spanne betrachtet.

    Also, wähle deinen Weg. Blicke voran, fasse Mut und gehe weiter, denn so tief der Abgrund auch ist, man kann ihn überwinden, um am anderen Ende Erfüllung zu finden.

  • Der Gang

    11.11.2022 (nach einer Geschichte vom 19.05.2012)

    Ihr Handgelenk packte ich, doch entriss sie sich und rannte weiter.

    „Bleib stehen!“, rief ich ihr nach und machte mich daran, sie zu verfolgen. Ich sah noch, wie sie ins Stolpern geriet. Meine Schnelligkeit reichte nicht aus, um sie davor zu bewahren. Auf dem harten, gefliesten Boden schlug sie auf. Das seidige, blonde Haar begleitete sie dabei wie ein Wasserfall, um sich dann wie eine Decke über sie zu legen. Schnell ging ich zu ihr. Mit zitternden Händen packte ich sie an den Schultern. Ich wollte sie auf den Rücken drehen, um sie wieder aufzurichten. Unter einigen Mühen hatte ich Erfolg dabei. Kaum dass sie saß, warf sie sich um meinen Hals. Neben meinem Ohr konnte ich sie schluchzen hören. Sie weinte.

    „Ist ja schon gut. Beruhige dich bitte.“; flüsterte ich ihr tröstend zu. Meine Schulter war bereits von ihren Tränen nass. Zuerst war ich zurückhaltend, gar schüchtern. Drängen wollte ich sie nicht. Nicht in dieser Situation. Schlussendlich entschloss ich mich dazu, die Arme um sie zu legen. Erst vorsichtig, aber als ich merkte, dass sie sich nicht wehrte, schloss ich sie fester in der Umarmung ein, um sie schützend und tröstend an mich zu drücken. Sie fühlte sich kalt an. Ihren schnellen Atem konnte ich spüren.

    „Was ist denn los? Was ist passiert?“, frage ich sie leiser Stimme. Meine Worte ließ ich so sanft klingen, wie es mir möglich war. Auf keinen Fall wollte ich sie weiter verschrecken. Sie musste sich zuerst beruhigen. Die Zeit dafür wollte ich ihr lassen. Langsam löste sie sich von mir. Die blauen Augen sahen mich an. Den Blick senkte sie nach einem Lidschlag. Ihre zittrige Hand wischte über ihre Augen, um die Spuren der Tränen zu verbergen. Vergeblich. Das Schwarz, welches um ihre Augen lag, war verwischt, als hätte jemand versucht ihren Fluss der Tränen für die Ewigkeit auf einer Leinwand einzufangen.

    Plötzlich erhob sie sich. Nein, sie erhob sich nicht nur, sie sprang auf. Die Arme schlang sie fest um den eigenen Körper. Den langen Gang, der sich hinter mir befand, sah sie entlang. Ich konnte sehen, wie ihre Augen etwas suchten, wie sie etwas fanden. Den Kopf drehte ich, um ihr folgen zu können. Dort war nichts. Das grelle Licht erleuchtete das Weiß so sehr, dass sich kein Schatten ergab, in dem sich etwas verbergen konnte. Fest behielt ich sie im Blick, als ich mich langsam erhob. Für keine Sekunde wollte ich sie aus den Augen lassen. Die ohnehin schon helle Haut war noch bleicher geworden. Dort in der Leere war etwas, was ihr Angst machte. Als ich mich vor sie schob, um sie davon abzulenken, starrte sie weiter, als würde sie durch mich hindurch noch immer das erkennen können, was ihr diese Qual bereitete, als wäre ich nicht da. Meine Hände hob ich langsam. Auf ihre Schultern wollte ich sie legen, um sie umzudrehen. Ihr Blick war mittlerweile ebenso leer wie das, in was sie starrte. Gerade als ich den Stoff ihres Oberteils unter den Fingern spüren konnte, sackte sie zusammen. Leblos lag sie da. Ich konnte nichts mehr tun. Niemand konnte das. Warum sie sterben musste, weiß niemand, doch ich glaube es zu wissen. Es war ihre Vergangenheit, die sie eingeholt und getötet hatte.

  • Abholung

    08.06.2021

    Es war ein gewohnter Tag. Die Türe öffnete sich, um einen neuen Kunden ins Innere zu lassen, nur um sich dann hinter einem Kunden zu schließen, der die Filiale mit seinem erfülltem Anliegen schloss. Die Arbeit am Schalter der kleinen Poststelle war wesentlich angenehmer für ihn als jene im Lager, wo er den ganzen Tag damit beschäftigt war, Pakete zu schieben, bis sie so gut verstaut waren, dass sie wenig Platz kosteten und ein jeder sie gleich fand. Oft genug hatte er schon einen Arbeitstag dort verbracht, um zu wissen, wie sehr ihm diese Arbeit nicht gefiel.

    Ein weiteres Mal öffnete sich die Tür. Eine alte Dame trat herein, die sich vom Alter gebeugt auf ihren Gehstock stützte. Den ausgeprägten Falten in ihrem Gesicht nach zu urteilen hatte sie ein gehobenes Alter, welches nicht viele erreichen würden. Er schloss sich dabei selbst ein. Dafür war sein Lebensstil viel zu ungesund in mancher Hinsicht. Vielleicht hatte er aber auch Glück und die Gesundheit meinte es gut mit ihm. Noch einige Kunden vor der alten Dame, die sich an der Schlange vor seinem Schalter anstellte, arbeitete er ab, dann blickte er ihr entgegen. Den Kopf musste er dabei etwas senken, war sie doch wesentlich kleiner als er.

    „Einen guten Morgen wünsche ich. Wie kann ich ihnen denn helfen?“, erkundigte er sich, wobei er seine Stimme bereits etwas anhob, da er davon ausging, dass die Frau ihn schlecht verstehen würde. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass einer der älteren Mitmenschen die gewohnte Lautstärke als zu gering empfand. Ein Umstand, der ihn störte, war es nicht. Sollte er es doch einmal in dieser Alter schaffen, dann wäre er froh, wenn man mit ihm ebenso rücksichtsvoll umgehen würde.

    „Guten Morgen.“, erwiderte die alte Dame in einer vom Alter gezeichneten Stimme. „Ich habe eine Karte in meinem Briefkasten gefunden und wollte das Paket abholen.“

    „Haben sie denn die Karte dabei?“

    „Natürlich. Einen Moment.“, bat sie ihn und hob ihre Handtasche auf den Tresen. Das Reißverschluss zog sie langsam mit zittrigen Fingern auf, dann fuhrt die rechte Hand in das Innere. Ein Blick hinter die alte Dame verriet ihm, dass sie sich durchaus Zeit lassen konnte. Es war nur noch ein weiterer Kunde in der Schlage, der sich bei zu langer Wartezeit auch an den zweiten stellen konnte, an welchem seine Kollegin arbeitete. Ihre Blicke kreuzten sich, als er sein Augenmerk auf sie richtete und sie nickte ihm einmal verstehend zu. Nach drei Jahren in der gleichen Filiale mit den gleichen Kollegen verstand man sich blind, was auch daran lag, dass er mit ihr gerne einmal nach dem Feierabend etwas unternahm. Sie war eine angenehme Zeitgenossin.

    „Moment, ich habe sie gleich.“, sprach die alte Dame, auf die er dadurch wieder seine Aufmerksamkeit lenkte. Die Hand hatte sie noch immer tief in der Tasche vergraben. Ihr Gesicht erhellte sich. Erst hob sie den Kopf, dann die Hand und reichte ihm eine zerknitterte Karte, die durch den Transport ein wenig Schaden genommen hatte. Er nahm sie ihr ab, um einen Blick darauf zu werfen. Die Knicke verliefen so, dass einige der Zahlen schwer lesbar waren, aber es würde reichen, um sich zu orientieren.

    „Dann bräuchte ich noch ihren Ausweis.“, gab er die nächste Bitte preis, nachdem er die Karte hatte sinken lassen. Die Frau vor ihm blickte ihm verständnislos entgegen.

    „Für was brauchen sie denn meinen Ausweis?“, wollte sie wissen. Sie war nicht die Erste, die eine solche Frage stellte und sie würde bei Weitem auch nicht die letzte sein.

    „Damit ich eindeutig identifizieren kann, dass dieses Paket auch zu ihnen gehört und sie die Karte nicht von jemand anderem haben.“, erwiderte er routiniert. Auch diesen Satz hatte er schon mehr als einmal von sich gegeben. Die Reaktionen darauf waren unterschiedlich. Am häufigsten kam es allerdings vor, dass man aufgrund des Vergessens des Ausweises wütend wurde. Er hatte aber seine Vorschriften, an die er sich halten musste.

    „Aber hören sie mal, ich hätte doch die Karte nicht, wenn mir das Paket nicht gehören würde.“, echauffierte sich die Ältere. Im gleichen Moment griff sie in ihre Tasche hinein. Ein Portemonnaie holte sie hervor, um es zu öffnen. Die Karten, die in zu sehen waren, ging sie durch. Einen weiteren Knopf öffnete sie, um an eines der tieferen Fächer zu gelangen. Geduldig wartete er ab. Noch einige Lidschläge benötigte sie, dann reckte sie ihm den Ausweis entgegen. Ein kurzer Blick darauf genügte ihm schon. Der Name auf dem Ausweis und jener auf der Karte stimmte miteinander überein.

    „Vielen Dank.“

    „Was? Mehr wollen sie nicht? Und dafür habe ich nun das alles hervorgekramt?“, ging das Echauffieren weiter. Die folgenden Worte sprach sie leiser, sodass sie nicht an sein Ohr gelangen konnten und auch als er sich in den hinteren Raum aufmachte, um das Paket zu suchen, konnte er ihr Gemurmel noch vernehmen. Zu Beginn seiner Arbeit hier hätte er sich darüber geärgert, mittlerweile war er allerdings abgehärtet. Es war zwar nicht immer leicht, die Ruhe zu bewahren, doch nach außen hin gelang es ihm doch stets. Um sich Luft zu machen nutzte er die Zeit nach dem Feierabend.

    Zwischen den Regalen vollgepackt mit Paketen in den unterschiedlichsten Größen wanderte er hindurch. Sie waren so sortiert, dass der Tag der Anlieferung und dann die Nummer ein schnelles Finden zuließen. Eigentlich. Nicht aber bei diesem Paket. Noch einmal versicherte er sich, dass er durch die Beschädigung der Karte nicht ein falsches Datum gelesen hatte, doch war es eindeutig erkennbar. Das Schriftstück wanderte in die linke Hand, sodass er die rechte frei hatte, um einige der Pakete zu verschieben. Es war nicht selten, dass etwas kleinere dahinter rutschten oder der Sortierer unordentlich gearbeitet hatte. Er hob sogar einige an, um einen besseren Blick auf die Nummern werfen zu können. Vergeblich.

    Gute fünf Minuten des Suchens später kam er wieder aus dem Paketlager hervor, um an den Schalter zu treten, an welchem die ältere Dame noch immer wartete. Erwartungsvoll blickte sie ihn an. Als sie allerdings bemerkte, dass er mit leeren Händen zurückkehrte, verfinsterte sich ihr Blick schlagartig. Die Enttäuschung stand ihr sichtbar ins Gesicht geschrieben.

    „Es tut mir leid, aber ich konnte das Paket nicht finden.“, entschuldigte er sich wahrheitsgemäß.

    „Das kann nicht sein. Schauen sie noch einmal nach.“, entgegnete sie, wobei die Wut und Enttäuschung auch in ihrer Stimme ablesbar war. Die Karte legte er vor sich auf dem Schalter ab. Mit dem Zeigefinger deutete er erst auf das Datum, dann auf die Nummer.

    „Schauen sie, hier steht das Datum und die Nummer. Danach ist unser Lager sortiert, damit wir …“

    „Nein, das muss da sein! Es ist sehr klein. Schauen sie noch einmal nach!“, unterbrach sie ihn mit ihrer Forderung. Eigentlich war es der Moment, an dem er ihr die Karte zugeschoben hätte und sie gebeten, den Laden zu verlassen aufgrund ihrer Unfreundlichkeit, doch erbarmte er sich in diesem Moment. Bei einer freundlichen Nachfrage wäre es kein Problem für ihn gewesen, doch einer betagten Dame konnte er dieses Verhalten nicht verübeln. Somit ging er wieder mitsamt der Karte in das Lager.

    Seine Suche erweiterte er, indem er vorkommende Zahlendreher mit einbezog, ebenso einen Tag früher und einen später, doch war er auch diesmal erfolglos. Trotz dass er die Pakete aus dem Regal nahm, vor sich aufstellte und so auch dahinter blickte, konnte er das besagte Paket nicht finden. Wenn es wirklich so klein war, dann konnte es hinter das Regal gefallen sein und so sah er auch dort nach, ebenso mit gleichem Ergebnis. Die logischste Erklärung für ihn war es, dass es noch immer im Lieferwagen der Post lag, wo es der Bote vergessen hatte. Vielleicht war es in eine Spalte gefallen.

    Wieder an den Schalter getreten wendete er sich an die Dame, die mittlerweile auch merklich die Ungeduld packte. Ein Kopfschütteln gab er von sich, dann setzte er an zum Sprechen.

    „Nein, das muss da sein! Ich habe selbst zwanzig Jahre lang bei der Post gearbeitet und die Pakete sind immer da. Sie sind nur falsch einsortiert oder jemand hat sie vergessen.“, erklärte die Dame im aufgebrachten Ton, wobei sie mit der rechten Hand gestikulierte.

    „Es tut mir sehr leid, aber ich kann es nicht …“

    „Sie schauen nur nicht ordentlich. Das muss da sein. Bestimmt wollen sie es mir vorenthalten. Wollen sie das? Dann rufe ich die Polizei. Dann können sie es mir nicht mehr vorenthalten.“, redete sich die Frau förmlich in Rage. Er ließ es über sich ergehen. Wenn sie ihn unterbrach, dann musste er nicht das gleiche Verhalten an den Tag legen.

    „Es gäbe keinen Grund, ihnen dieses Paket vorzuenthalten. Ich kann es in unserem Lager nicht finden. Demnach ist es hier nicht angekommen.“, versuchte er es noch einmal mit einer vernünftigen Erklärung.

    „Nein, nein, nein! Das muss da sein. Natürlich muss es das! Das ist die einzige Post in der Umgebung. Wo sollte es denn sonst sein?!“, merkte sie noch immer wütend an und hieb mit der rechten Hand einmal auf den Tresen. Wäre es fester gewesen, hätte er sich Sorgen gemacht, dass sie sich wehgetan hätte, doch konnte sie dazu vermutlich gar nicht mehr die Kraft aufbringen.

    „Wenn sie mir sagen, was in dem Paket ist und woher es kommt, kann ich vielleicht etwas in die Wege leiten.“, bot er ihr an. Er wusste nicht warum, aber die Frau tat ihm leid. Schon öfter hatte er so etwas erlebt und dann abgeblockt. Meistens handelte es sich um einfache Sendungen von Onlinekäufen, die den Kunden so wichtig waren. Die Wut in der älteren Dame klang ab. Sie atmete tief durch, um sich selbst zu beruhigen. Wahrscheinlich war ihr ihr Verhalten auch selbst peinlich, doch niemand konnte etwas für seine Emotionen.

    „Es ist ein kleines Paket. Es kommt hoch oben von der Nordseeküste. Darin sind der Ehering und die Manschettenknöpfe meines verstorbenen Mannes.“, erklärte sie ihm ruhig mit gebrochener, zittriger Stimme. Den Kopf senkte sie auf die Worte hin. Nun ihre Vehemenz für ihn Sinn.

    „Mein herzliches Beileid. Folgen sie mir bitte. Vielleicht finden sie es ja.“, bat er sie und erntete dafür einen verwunderten Blick seiner Kollegin, die die Szenerie ebenso beobachtet hatte. Auch wenn er den Blick bemerkte, ging er kommentarlos an ihr vorüber und in das Lager. In der Tür wartete er. Die ältere Dame folgte ihm langsam.

    Das Regal zeigte er ihr, in dem das Paket eigentlich stehen sollte. Die alte Dame ließ ihren Blick über das Regal hinweg wandern, langsam vom obersten bis zum untersten Paket. Mit dem Zeigefinger deutete sie dann hinab. Ihrem Deut folgte er, dann ging er in die Knie und schob einige Pakete zur Seite. Fürwahr fiel ihm dabei ein kleines Paket in die Hände.

    „Das ist es!“, stellte die Dame erfreut fest, wobei die Stimme noch immer ein wenig zittrig war. Den Besitz reckte er ihr entgegen. Die zittrigen Finger umschlossen es und sogleich drückte sie das kleine Paket an die Brust. Es war so klein, dass ein Verschwinden nicht verwunderlich war. Dennoch war er sich sicher, dass er genau an diesem Punkt nachgesehen hatte. Nun war es aber zu spät sich darüber zu ärgern. So erhob er sich wieder.

    „Verzeihen sie. Ich muss es wirklich übersehen haben.“, entschuldigte er sich noch einmal ehrlich. Wohlwollend blickte die alte Dame ihm entgegen. Die Ehrlichkeit in seiner Stimme hatte sie scheinbar gelesen.

    „Sie müssen sich nicht entschuldigen. Ich war ja auch nicht gerade freundlich.“, sprach sie im versöhnlichen Ton. Das kleine Paket ließ sie in der Handtasche verschwinden. Die Hand zog sie wieder hervor und streckte sie ihm hin, ein Geldschein in dieser. Erst wollte er sich weigern, dann aber nahm er ihn an sich. Er wollte nicht noch einmal eine Diskussion entflammen lassen.

    „Vielen Dank. Ich wünsche ihnen noch einen angenehmen Tag.“, verabschiedete er sich. Die Frau hatte schon verstanden und so begab sie sich aus dem Lager hinaus.

    „Den wünsche ich ihnen ebenso. Ich bin ihnen sehr dankbar.“, sprach sie auf dem Weg hinaus. An der Tür der Filiale drehte sie sich noch einmal zu ihm hinter dem Schalter um. Ein Lächeln später öffnete sie die Tür, um in das Grau des Tages zu verschwinden. Viel Zeit ihr nachzublicken blieb ihm nicht, stand immerhin schon der nächste Kunde vor ihm. Dennoch war er sich sicher, dass ihm diese Begegnung noch lange im Gedächtnis bleiben würde.

  • Neuanfang

    Neuanfang

    Für einige mag mein Name nicht neu sein. Vielleicht hat man ihn schon einmal bei Patreon gelesen oder aber in einem Bücherregal gesehen. Dieser erste Versuch scheiterte. Gründe dafür waren persönlicher Natur, Unwissenheit und Naivität. Ein eigenes Buch in Händen zu halten war ein Traum, den ich mir teuer zu dieser Zeit erkaufte. Die folgenden Zeiten machten es nicht leichter. Dennoch bereue ich es nicht. Ich habe aus den Fehlern gelernt und versuche nun auf den guten Dingen aufzubauen. Alte Konzepte, die ich einst entwickelte, werden in überarbeiteter Form wieder aufleben. Wie die Samen einer verdorrten Pflanze, die in Erde gepflanzt eine neue Blume hervorbringen, die vielleicht blüht und irgendwann auch Früchte trägt. Ein weiterer Frühling ist angebrochen. Ein Neuanfang.

  • Die Fotos

    04.05.2020

    Ein lauter, schriller Ton der ihm durch Mark und Bein fuhr riss ihn aus dem Schlaf. Auf den Rücken drehte er sich und öffnete die Augen. Nach einigen Malen des Blinzelns hatte er sich an die nur durch wenig Licht erhellte Dunkelheit gewöhnt. Mit der rechten Hand glitt er in Richtung des Nachttisches, um blind nach seinem Handy zu tasten. Als er das Plastik unter den Fingerspitzen spürte, griff er danach und hielt es sich vor Augen. Es war 6 Uhr, die normale Zeit zum Aufstehen, damit er sich für die Arbeit bereit machen konnte. Hell zeigten ihm das die Zahlen auf dem Display. Mit dem Daumen wischte er über den Bildschirm, um diesen zu entsperren. Irritiert stellte er fest, dass die Kameraanwendung geöffnet war. Das Handy nahm er in die linke Hand, dann tippte er mit dem Zeigefinger auf das Symbol, welches ihn in die Galerie führte. Ein Foto tauchte auf dem Bildschirm auf, an dessen Entstehung er sich nicht erinnern konnte. Es zeigte ein weites Tal mit einem Fluss, der sich durch die bewaldeten Hügel hindurch schlängelte. Zwischen den Bäumen konnte man bunte Blumen hindurch schimmern sehen. Sah man mehr in Richtung des Horizontes, so konnte man auf einem der Berge eine eindrucksvolle Burg erkennen, deren viele Türme in den Himmel hinein ragten. Die Mauern ließen keinen Zweifel darüber zu, dass es schwer war, dieses Bollwerk für sich zu beanspruchen. Den Zeigefinger ließ er nach rechts wischen, sodass sich ein neues Bild zeigte. Diesmal war es an einer Steilküste aufgenommen, gegen die das Meer brandete. Gischt stand auf dem Wasser, welches es gerade einmal bis wenig über den Fuß der Klippen hinauf schaffte, so hoch waren diese. Auf dem Grat stand ein Haus, welches sich unschwer als Herrenhaus identifizieren ließ. Türme zierten es, Statuen auf dem hohen, spitzen Dach und kleine Fenster, die das Licht in die Räume unter dem Dach hinein ließen. Die Bauart erinnerte ihn an jene, die man aus Irland kannte. Noch einmal wischte er und schon zeigte sich ihm das nächste Foto. Am Fuße einer Kathedrale wurde es aufgenommen, sodass es die Fassade dieser hinauf blicken ließ. Verzierungen aller Art zeigten sich. Die feinste Steinmetzkunst konnte man an dem Gebäude erkennen, welches sich dank des Winkels weit in den Himmel hinein auftürmte. Es war demutfördernd. Noch ein Wischen nach rechts und ein neuerliches Foto. Ein gutes Dutzend waren es, die sich ihm zeigten und deren Ursprung er sich nicht erklären konnte. Aufgenommen hatte er diese nicht. Er war sich noch nicht einmal sicher, ob es solche Plätze überhaupt auf der Erde gab. Wahrscheinlich hatte er sie aus Versehen von einer Website heruntergeladen, auf der er nach Inspirationen für seine Arbeit gesucht hatte. Den Bildschirm des Handys sperrte er, um es wieder auf den Nachttisch zu legen. Einmal rieb die rechte Hand durch das Gesicht, dann erhob er sich aus dem Bett. Erst der eine Fuß, dann der andere wurden nackt auf den flauschigen Teppich gesetzt, welcher den Boden seines Schlafzimmers bedeckte. Mit Schwung erhob er sich. Noch einmal wuschelte er sich durch das lockige Haupthaar, dann ging er in das Bad.

    Nachdem er sich frisch gemacht hatte, kam er mit einem Handtuch um die Hüfte gewickelt wieder aus dem Bad hervor. Nun war er um einiges wacher, wie es so gut wie jeden Morgen nach einer ordentlichen Dusche war. Nur selten waren die Nächte so lang, dass er die Augen am Morgen kaum öffnen konnte. Er achtete stets darauf, dass er pünktlich zu Bett kam. Manchmal war es nur schwierig, dies zu bewerkstelligen, besonders dann, wenn ein Projekt ihn förmlich fesselte, sei es nun durch Faszination oder Pflichtbewusstsein. Sein nächster Weg führte ihn in die Küche. Routinemäßig griff er sich eine Tasse vom Regal, welches direkt neben der Kaffeemaschine stand und stellte sie dort unter. Einen Knopfdruck später hörte man das Brummeln der Maschine. Während er darauf wartete, dass das schwarze Lebenselixier in seine Tasse floss, blickte er aus dem Fenster. Es war Herbst und dadurch zu dieser frühen Stunde noch nicht viele Sonnenstrahlen gegeben. Es reichte gerade so, um die Stadt in ein dämmriges Licht zu tauchen. Ein wundervolles Farbenspiel in rötlichen Tönen. Dank seiner Wohnung weiter oben konnte er über die niedrigeren Dächer hinweg blicken, bis hin zu den Feldern, die sich außerhalb der kleinen Stadt erstreckten. Den Blick ließ er schweifen. So oft er diesen schon gesehen hatte, aber den Genuss daran verlor er nie.

    Erst als der letzte Tropfen in die Tasse gefallen war, ließ das Augenmerk vom Fenster ab, um sich sein Getränk zu greifen, welches er an die Lippen führte. Die Hitze konnte er spüren und doch störte sie ihn nicht. Einen Schluck des heißen Gebräus nahm er, welches ihm die Kehle hinab rann. Die Augen kniff er einen Moment zu, ließ sich allerdings von dem Brennen nicht weiter beeinflussen. Es gehörte mittlerweile zu seinem morgendlichem Ritual dazu. Am Tisch ließ er sich nieder, der gerade für zwei Personen reichte und stellte die Tasse ab. Auf dem einfachen Küchenstuhl lehnte er sich zurück. Bequem war zwar etwas anderes, aber es reichte um besser zu sein als im Stehen seinen Kaffee zu trinken. Die Augen schloss er. Immer wieder führte er blind die Tasse an die Lippen heran. Viel der Zeit hatte er nicht mehr, bis er sich auf den Weg durch die Stadt hin zur Arbeit machen würde. Die öffentlichen Verkehrsmittel würde ihn dorthin bringen, brechend voll, wie sie es immer um diese Uhrzeit waren. Für ein eigenes Auto fehlte im das Geld und, wenn er ehrlich zu sich selbst war, fehlte ihm auch dafür der Sinn. Er konnte alle Orte, zu denen er musste, in der Stadt auch ohne ein eigenes Fahrzeug erreichen. Jene außerhalb besuchte selten.

    Nachdem der Kaffee geleert war, erhob er sich. Seine Schritte führten ihn in das Schlafzimmer zurück. Ein kurzer Blick auf das Handy verriet ihm, dass es Zeit dazu war, sich anzuziehen und ebenso, dass er keine Nachrichten hatte. Nicht ungewohnt war dieser Umstand. Seinen Kleiderschrank öffnete er, nahm sich die gewohnten Sachen heraus und begann sich zu kleiden. Zuerst die Unterwäsche, dann das Hemd und die Hose, ehe er nach dem Jackett griff, welches fein säuberlich an der Außenseite des Kleiderschrankes auf einem Kleiderbügel hing. Fertig angekleidet griff er nach dem Handy, welches in einer Innentasche verstaut wurde, um im Korridor dann in die Schuhe zu flüchten. Der Schlüssel war das Letzte, was er aus seiner Wohnung brauchte, die er bis zum Abend hin nicht wiedersehen würde. Die Tür ließ er hinter sich. Ordentlich verschlossen kehrte er sich um, um seinen Weg anzustreben.

    Wie er es befürchtet hatte, war die Straßenbahn wieder so voll, dass er in der Masse keinen Sitzplatz fand. Glücklicherweise war er jung genug, als dass ihm das nichts ausmachte, auch wenn es sich manchen Tages anders anfühlte. An einer der Halterungen an der Decke festgehalten sah er aus dem Fenster, während das Verkehrsmittel im gemächlichen Tempo seine Stationen abfuhr. Schneller als zu Fuß war er so. Die Sonnenstrahlen erhellten immer mehr der grauen Stadt, die er sein Zuhause nannte. Grauer noch waren nur die Menschen, die durch die Straßen gingen, um ihrem Alltag nachzugehen. Sie waren nicht anders, als er es war.

    Als seine Station aufgerufen wurde, ließ er von seiner Haltemöglichkeit ab, um sich an die Tür zu begeben. Ein Unterfangen, welches sich als schwieriger als gedacht herausstellte. Eine alte Frau, gebückt vom Alter und mit einem Gehstock bewaffnet, versperrte ihm den Weg. Erst auf die dritte Wortmeldung von ihm hin blickte sie ihm entgegen, bevor sie ihm Platz machte. Es war so knapp, dass ein kleiner Zipfel seines Jacketts sich in der Tür verfing, als diese sich hinter ihm schloss. Ein Fluchen unterdrückte er. Es war nicht das erste Mal, dass er solche Dinge erlebte. Zudem würde er seine Energie an diesem Tag noch brauchen. Auf das große, verglaste Bürogebäude steuerte er zu, in dem sich die Agentur befand, für die er arbeitete.

    Nachdem er das Gebäude betreten hatte, wies er sich gewohnt am Eingang bei der älteren Dame an der Rezeption aus, die ihm schon vor der Sicht auf die Karte durch winkte, um dann in einen der Fahrstühle zu steigen. Zwar war dieser nicht so voll, wie es die Straßenbahn gewesen war, allerdings auch alles andere als leer. Das fünfte Stockwerk war sein Ziel. Einige stiegen vor ihm aus, bevor sich die Türen auch für ihn öffneten. Durch einen kurzen Gang trat er in das große Büro hinein, in welchem sich auch sein Platz befand, auf den er sich sogleich zu begab. Bis dorthin kam er allerdings nicht. Einer seiner Arbeitskollegen wies ihn darauf hin, dass der Chef mit ihm in seinem Büro sprechen wollte. Mit einem ergebenem Nicken setzte er gleichsam seine Schritte in diese Richtung fort. Ein kurzes Klopfen an die Tür, dann betrat er das Büro. Der etwas korpulentere Mann mit dem schütteren Haar und der dicken Brille auf der Nase blickte zu ihm. Den Stuhl vor dem Tisch bot er ihm mit einer Handbewegung an. Die letzte freundliche Geste, die er für die nächsten Minuten von sich gab. Seine nächsten Fragen bezogen sich darauf, warum es in den Projekten nicht weiter ging, die man ihm überlassen hatte, obwohl sie doch so vielversprechend waren. Einige Male setzte er zu einer Rechtfertigung an, doch unterbrach sein Chef ihn immer wieder, sodass er es irgendwann aufgab und nur noch der Zurechtweisung folgte. Eine Drohung des Entzugs des Projektes beendete den Wortfluss des Mannes hinter dem Schreibtisch, der daraufhin auch schon drängte, dass das Büro zu verlassen ist. Ohne ein Widerwort hielt er sich daran.

    Die Tür des Büros schloss sich und er nutzte den kurzen Moment, um durchzuatmen. Viel brachte es ihm nicht ein, denn schon sah er einen seiner Kollegen auf ihn zukommen. Er wusste, was folgen würde und er sollte Recht behalten. Als wäre die Zurechtweisung des Chefs nicht schon genug gewesen, stellte auch sein eigentlicher Kollege fest, dass das Projekt in seiner Hand doch viel besser laufen würde und dass er in den nächsten Tagen ihn streng unter Beobachtung halten würde. Wenn es sich nicht besserte, dann würde er beim Chef vorsprechen, um das Projekt für sich zu bekommen. Aussprechen ließ er ihn aber nicht. Es war nicht das erste Mal, dass dieser Kollege sich so zu Wort meldet und genau aus diesem Grund begab er sich einfach zu seinem Arbeitsplatz hin, an dem er sich niederließ. Ein Druck auf den Schalter des Monitors ließ diesen aufleuchten. Es zeigte sich sogleich die Arbeit, die vor ihm lag. Die Finger legten sich auf Tastatur und Maus, dann begann er seine gewohnte Routine. Es war keine langweilige, stupide Arbeit, wie sie viele andere Menschen verrichten mussten, um sich ihr tägliches Brot zu verdienen. Oft genug konnte er seiner Kreativität freien Lauf lassen. Etwas, was er schon seit seiner frühen Kindheit stets anstrebte. Die Gespräche mit den Kunden, ob sie nun schriftlich waren oder am Telefon, sowie der weitere Papierkram waren allerdings störend in diesem Prozess. Er hatte es schon früh als notwendiges Übel abgetan.

    Aus der Routine riss ihn das Klingeln seines Arbeitstelefons. Den Hörer nahm er ab und beantworte den Anruf. Es war einer der Kunden, der mit dem Projekt in Zusammenhang stand und ebenso wenig darüber erfreut war, dass es nicht voran ging. Wenigstens ließ er ihn aber zu Wort kommen, sodass er ihm erklären konnte, dass er bisher noch nichts gefunden hatte, was ihm wirklich gefiel und was den Wert dieses Projektes widerspiegelte. Es war der Hauch eines guten Gefühles, als er den Hörer wieder auflegte. Ein Gefühl, das nicht lange währte, denn als er aufblickte, stand vor ihm eine Frau, die ihm gut bekannt war. Sie unterhielt eine Softwarefirma im gleichen Gebäude. Ihr Anliegen hatte sie schnell vorgebracht. Einige Poster zur Werbung wollte sie. Um Weiteres zu besprechen führte er sie in einen abgeschlossenen Raum hinein, in dem sie ungestört vom Lärm der anderen Gespräche des Großraumbüros waren. Nachdem sie sich ebenso wie er gesetzt hatte, zeigte sie ihm einige Bilder, welche er für die Poster verwenden sollte. Keines der Bilder gefiel ihm auch nur im Ansatz. Sie waren wenig einzigartig und noch weniger aussagekräftig, was er sie auch wissen ließ. Seine Meinung schien ihr nicht zu gefallen. Sie sträubte sich dagegen, forderte ihn auf die mitgebrachten Bilder zu verwenden oder sie würde einen anderen in der Agentur damit beauftragen. Bevor die Situation eskalierte, zückte er sein Handy. Flink hatte er es entsperrt, dann öffnete er die Galerie. Die Fotos, die ihm am Morgen noch verwundert hatten, zeigte er ihr. Die aufgebaute Wut verschwand mit einem Mal. Der Gesichtsausdruck hellte sich auf wie die Sonne nach einem langem Regentag. Mit dem letzten der Fotos, welches er ihr zeigen konnte, überließ sie gänzlich ihm die Gestaltung der Werbeposter, so lange er die gezeigten Bilder dafür verwendete, natürlich exklusiv nur für dieses Projekt. Mit einem Nicken segnete er es ab, auch wenn er sich mental vermerkte, dass er b der Quelle der Fotos forschen musste, um eindeutig sicher zu sein, dass er sie auch rein rechtlich verwenden darf. Wenn er sie verwenden konnte, um das Projekt abzuschließen, dann würde es seinem angeschlagenem Ruf in der Agentur helfen, zudem war es nichts, was lange brauchen würde.

    Bis zum Feierabend verbrachte er damit, die Poster zu arrangieren, nachdem er keine Quelle der Bilder gefunden hatte. Länger als er es müsste saß er vor dem Bildschirm, um auch noch die kleinsten Details so zu bearbeiten, dass sie in seinen Augen perfekt waren. Erst als dieser Zustand gegeben war, lehnte er sich auf dem Stuhl zurück. Er war der letzte im Büro verbliebene Arbeiter. Selbst der Chef war bereits gegangen. Nach einigen Momenten der Ruhe schaltete er den Bildschirm aus. Auch wenn er das große Projekt vernachlässigt hatte, so hatte er ein neues an einem Tag angenommen und beendet. Morgen würde er es übermitteln. Das sollte seine Vorgesetzten erfreuen. In diesem Glauben erhob er sich mit einem schon lang nicht mehr gespürtem, gutem Gefühl, um das Büro hinter sich zu lassen.

    Der Rückweg führte ihn nicht direkt wieder in seine Wohnung, sondern in eine der umgebenen Kaufhallen. Zwar gab es einige, die näher waren, doch gab es Gründe dafür, dass er diese bevorzugte. Nachdem sein Korb angefüllt war mit allem, was er brauchte, fand er sich an der Kasse ein, wo sich auch der Grund für die Bevorzugung befand. Eine junge Frau seines Alters kassierte den Kunden vor ihr ab. Das lange, rote Haar hatte sie zu einem Zopf gebunden, der das schmale Gesicht erst recht zur Geltung brachte. Die tief braunen Augen fanden auf seine. Mit diesem Blickkontakt warf er ihr ein Lächeln zu. Einige Momente vergingen noch, dann war er an der Reihe. Wie in den letzten Wochen auch tauschte er mit der Kassiererin einige Worte aus, die über eine schlichte Begrüßung hinaus gingen. Um seine Arbeit wusste sie und, wie er es sich schon seit Tagen zurechtgelegt hatte, machte er ihr ein Kompliment, indem er sie als Inspiration für sein großes Projekt bezeichnet, für welches er sie gerne gewinnen würde. Eine direkte Antwort bekam er darauf nicht. Ihr Lächeln war allerdings angetan. Den Einkauf verstaute er nach der Übergabe des Geldes in einer Tasche, dann verabschiedete er sich von seinem Schwarm. Er wollte sich schon umwenden, da rief sie ihn allerdings noch einmal. Den Einkaufsbon hatte er vergessen. Diesen nahm er an sich und verstaute ihn dann mit in seiner Tasche. Die kurze Berührung der Finger beider war dabei ein wahrlich elektrisierendes Gefühl. Bester Laune aufgrund der Begegnung, auch wenn sie seinem Anliegen nicht zugesagt hatte – noch nicht – begab er sich hinaus aus der Kaufhalle. Eigentlich hatte er vor gehabt, mit der Bahn zu fahren, doch in seinem Kopf schwirrten so viele Gedanken umher, dass er ganz automatisch den Fußweg einschlug, der ihn bis zu seinem Wohnhaus hin führte. Die frische Abendluft tat ihm gut dabei.

    Die Wohnungstür öffnete er und schloss sie mit dem Fuß hinter sich. Nachdem er sich des Jacketts entledigt hatte, räumte er zuerst den Einkauf in den Kühlschrank ein und dorthin, wo er hingehörte. Für die nächsten Tage würde er nicht einkaufen müssen. Dies hieß zwar auch, dass er sie nicht wiedersehen würde, aber das nahm er gerne in Kauf. Als er die Tasche wieder verstaute, fiel ihm der Kassenbon in die Hände. Auf der Rückseite stand etwas mit Kugelschreiber in Handschrift geschrieben. Mit Erstaunen erkannte er in der Abfolge von Zahlen eine Telefonnummer. Nach seinem Handy griff er, um sie sogleich zu wählen. Es klingelte. Es klingelte erneut. Und noch einmal. Es nahm niemand ab. Erst in diesem Moment fiel ihm auf, dass sie noch bei der Arbeit war und aus diesem Grund nicht das Handy benutzte. Die Euphorie hatte ihn zu sehr gepackt. Er brauchte Ablenkung.

    Nach einer Tasse Kaffee und einem kleinen Abendbrot setzte er sich an den Schreibtisch im Schlafzimmer. Den Laptop öffnete er, um auch sogleich sein Handy mittels eines Kabels an diesen zu schließen. Die Bilder lud er auf den Computer herunter, auf welchem er einen Ordner anlegte, um die mysteriösen Fotos zu kategorisieren. Insgeheim hoffte er, dass noch mehr solcher auf seinem Handy auftauchen würden. So sehr er sich auch bemühte, die Bilder zu bearbeiten, so wenig musste er es doch, sodass er sie am Ende in ihrer reinen Form am Computer ließ, den er im nächsten Moment ausschaltete.

    Gerade als er sich zu Bett begeben wollte, klingelte das Handy. Nach diesem griff er und blickte auf das Display. Ihr Name stand dort. Natürlich hatte er ihre Telefonnummer gleich unter ihrem Namen eingespeichert. Dank des Schildes an ihrer Brust wusste er diesen, auch wenn sie seinen nicht wusste. Im folgendem Telefonat sollte sich dies aber ändern. Sie tauschten sich aus über das Leben, die Arbeit und die Stadt, in der sie lebten, um am Ende die Übereinkunft zu treffen, dass sie bei einem Bier in einem Pub dieses Gespräch noch weiter vertiefen sollten. Mit dem Wissen um diese Verabredung legte er das Handy auf den Nachttisch. Die Decke zog er über sich, bevor er die Augen schloss. Der Schlaf fand ihn schnell, hatte das Gespräch doch länger gedauert, als er es geplant hatte.

    Auf einer weiten Wiese fand er sich wieder. In etwas Entfernung konnte man ein kleines, idyllisches Dorf erkennen. Über den Dächern aus Stroh stieg Rauch aus. Die Fassaden waren einfach und doch wundervoll. Einige Bäume standen in voller Blüte auf der Wiese und das Rauschen eines Baches drang an sein Ohr. Gerade als er sich bewegen wollte, berührte etwas seine Hand. Den Blick wendete er zur Seite, um sie dort zu sehen, gekleidet in einem luftigen Sommerkleid von tiefgrüner Farbe ohne Schuhe an den Füßen. Ein weites Lächeln schenkte sie ihm. Die dunklen Augen leuchteten dabei voller Freude und Wärme. An der Hand wirbelte er sie herum, sodass sie vor der Kulisse stand, die er zuerst gesehen hatte. Mit einem Griff in die Tasche holte er das Handy hervor. Einige Momente vergingen. Klick.

  • Viacha Lethia

    Durch den schmalen Schlitz in der brüchigen Wand, welches durch ein paar Stangen gesichert wurde, fiel das Licht des Mondes genau auf den steinigen Boden, der von Moos überrwuchert war. Feucht glänzte das Gestein der Wände und des Bodens dabei, sodass der gesamte kleine Raum mit der hohen Decke in ein sanftes silbriges Licht getaucht wurde. Auch die Geräusche der Nacht drangen von diesem kleinen Fenster hinein. Man hörte die entfernten Rufe von Eulen und das Zirpen der Grillen.

    Inmitten dieses Raumes saß ein kleiner Schatten, der sich zusammenkauerte. Die Knie wurden eng an die schmalen Schultern gezogen und mit den Armen umschlungen, das Kinn letztlich auf diesen abgestützt. Wirre rote Strähnen hingen in dem Gesicht, welches noch eindeutige Jugend durch seine rundlichen Züge aufwies. Die hellblauen Augen, die einst mit dem Himmel um die Wette strahlten, waren trüb und von Traurigkeit geprägt.

    Der schmale, abgemagerte Leib bewegte sich, wobei das verrutschte, was früher einmal ein Kleid gewesen war, nun aber nur noch als Lumpen benannt werden konnte. Ein dünner, weißer Stoff in grober Webung, den man der Gestalt einfach übergeworfen hatte, bevor sie in diesem Loch gelandet war.

    Die Augen richteten sich hin zum einfallenden Licht und beobachteten mehr in Abwesenheit als in Aufmerksamkeit die hereinfallenden Strahlen. Das Kinn hob sich dafür langsam ein Stück weit von den Knie, so als wäre es schwer und nur mühsam zu bewegen. Der Blick fiel hinaus in die Nacht, die vom Mond gekrönt und den Sternen besiedelt draußen thronte.

    Lange Momente verharrte die bleiche Gestalt in dieser Pose, eh die Laute vor der Tür die Aufmerksamkeit auf diese lenkten. Instinktiv schob sie sich hin zur Wand, die der Tür gegenüber lag, wo sie sich an die Wand pressste und die Tür anstarrte, so als könnte in jedem Moment etwas hinein kommen, was ihr das Leben rauben wollte. Das Leben, von dem ohnehin kaum noch etwas übrig war. Doch es geschah nichts. Die Schritte und die Stimmen flogen an der Tür vorüber und verhallten wieder, ohne dass auch nur an der Tür gerüttelt wurde. Die Anspannung fiel und so sank die Gestalt wieder in sich zusammen, eh sie sich an der Wand hinab rutschen ließ, sodass sie zusammengekauert auf dem Boden lag. Die Knie waren dabei wieder eng an die Schultern angezogen und diesmal das Gesicht fest auf diese gedrückt.

    Durch das Fenster gelangten die entfernten Rufe eines Raben, der die Nacht zu seinem Zuhause gemacht hatte. Die Rufe kamen näher und näher, verstummten und entfernten sich wieder. Von etwas berührt zuckte die Gestalt zusammen und blieb doch reglos liegen. Was auch immer sie da berührt hatte, es war ihr einerlei oder die Gewohnheit sagte ihr, dass dies öfter vorkam. Erst nach einer ganzen Weile löste sich die rechte, feingliedrige Hand mit den langen Fingern und tastete die eigene Körperseite ab. Die Finger fanden etwas, was jedoch im Ungeschick hinab geschoben wurde und so auf den Boden fiel. Der Blick richtete sich gleich auf das, was da lag und im Mondschein gut erkennbar war: Ein einzelnes Blatt mit der groben Form eines Schwertes und von einem graugrün, wie man es nur selten bei Blättern sah.

    Die Finger tasteten wieder nach dem Teil der Krone eines Baumes und die Fingerspitzen striffen liebevoll darüber, so als wäre es ein Liebster oder ein Kind, welches diese Zärtlichkeit und Zuneigung brauchte. Die schmalen Lippen der Gestalt öffneten sich und formten ein einziges Wort, eh sie in einem Lächeln wieder geschlossen wurden. Das Blatt wurde langsam näher gezogen, bis hin zum Gesicht, sodass die Lippen nicht weit davon entfernt waren und auch schon auf dieses gedrückt wurden. Die Augen waren dabei geschlossen und kaum löste sich der Kuss, so atmete die Gestalt einmal tief ein und dann wieder aus, um sich schlussendlich langsam in eine sitzende Position aufzurappeln. Die kraftlosen Glieder schmerzten dabei.

    In sitzender Haltung griff sie nach dem, was da herein geflattert war und drückte dies mit beiden Händen an die Brust, die von zwei kleinen Hügelchen geprägt war. Das Kinn sank auf das Brustbein hinab und wieder bewegten sich die Lippen in lautloser Manier, diesmal nicht nur für ein einzelnes Wort, sondern für ein ganzes Gebet. Die Lippen ruhten dann und so ruhte auch die gesamte Gestalt.

    Riesige Felder von goldenem Getreide lagen rings um sie herum. Die Ähren waren so kraftvoll und schön, als wären sie der Schmuck dieser Welt, in dessen Mitte sie stand und ihre Hand glitt durch das reife Weizen hindurch, berührte die Halme und fuhr zum nächsten hin, um auch dieses liebevoll zu liebkosen. Der Blick richtete sich hin zum Himmel, an dem keine Wolke die helle Sonne versteckte und so der gelbliche Ball in einem Korb aus hellem Blau lag.

    Eine Berührung ließ sie herum fahren und sie blickte in ein Gesicht oder das, was ein Gesicht sein wollte. Schemenhaft war es nur und sah man genau hin, so konnte man durch dieses hindurch sehen. Ebenso verhielt es sich mit dem Körper, der zwar eindeutig menschlich aber doch wieder nicht war. Die geisterhafte Hand hatte sie berührt und legte sich nun an ihre Wange, worüber sie strich.

    „Wir haben viel durchgemacht.“ Erklang eine Stimme, ruhig und von einer Reinheit, wie es der klarste Bach nicht vermochte zu sein.

    „Trotz deiner jungen Jahre durfte ich dich schon durch viele Gefahren und Situationen begleiten, die andere wie dich das Leben gekostet hätten. Aber du lebst und du wirst auch dies überleben.“

    Sie nickt der nur allzu bekannten, schemenhaften Gestalt zu und ein sachtes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Die Berührung der Hand schien ihr weder Schrecken noch Abscheu zu bereiten. Gar schmiegte sie die Wange sogar dieser entgegen.

    „Ich weiß es und doch ist jede Situation aufs Neue ein harter Kampf einer Schlacht, die sich Leben nennt.“ Sprach sie und vermochte trotz der jungen Jahre mit Weisheit zu glänzen, was dem Schemen einen Ausdruck des Stolzes auf das halb durchsichtige Gesicht zauberte. Die Hand sank von der Wange hinab, legte sich auf die Schulter und drückte diese einmal sacht, eh sie wieder abließ.

    „Wir werden noch viele Tage durch diese Welt streifen, die auch einst unsere Welt war, Lethia. Ich freue mich schon darauf, dich zu begleiten und eines Tages, dem bin ich mir gewiss, wirst du mich auch außerhalb deiner Träume aufsuchen können.“ Versprach man und kaum war das letzte Wort verklungen, begann die Gestalt auch schon wieder schwächer zu werden, verblasste langsam und verschwand dann ganz. Lethia stand dort, ruhig und besonnen ob der Worte, und richtete ihren Blick hin zum Licht der Welt.

    Die Augen öffnete sie und schloss sie sofort auch wieder, als das grelle Licht ihr in diese fiel. Ein nächster Versuch endete nicht weniger erfolggos und auch ein weiterer war nicht von Erfolg gekrönt. So blinztelte sie viele Male, eh sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten, welches durch das Fenster hinein fiel. Die Hände lösten sich von der Brust und das Blatt fiel hinab, welches sie die gesamte Nacht über an sich gedrückt hatte. Hätte sie nur eine Tasche oder eine andere Möglichkeit dieses zu verstauen, so hätte sie es nun an sich genommen. So blieb dem, was ihr so viel wert war aber nicht mehr als der steinige, moosige und nasse Boden, an dem es sein Ende finden würde.

    All ihre Kraft nahm sie zusammen, um den schmalen Leib langsam zu erheben. Die Beine zitterten unter dem geringen Gewicht, welches der restliche Körper hatte. Viel zu lange hatte sie schon in diesem Loch verbracht und viel zu lange war es her, dass sie den letzten Versuch der Flucht unternommen hatte. Die schmerzende Stelle knapp unterhalb der linken Brust erinnere sie genau in diesem Moment daran und ließ sie zusammenfahren. Die Augen kniff sie zusammen, besann sich aber schnell wieder einer geraden Haltung.

    „Wenn du dem Ende ins Gesicht blicken willst, musst du aufrecht stehen.“ Murmelte sie vor sich hin. Worte, die einst ihr Vater sagte, bevor er aus dem Leben wich und sie somit in die Obhut dessen übergab, was der Anfang vom Ende sein sollte. Ein paar Schritte machte sie durch den Kerker, die sie auch schon wieder zur nächsten Wand brachten und so begann sie im Kreis die Wände abzulaufen. Erst langsam, dann aber immer festen Schrittes. Die Kraft schien allmählich der Müdigkeit der Knochen zu weichen.

    Gerade als sie an der schweren Holztür vorüber schritt, öffnete sich der Spalt, der mit einem eisernen Schieber verdeckt wurde und ein grünes Augenpaar blickte der Gefangenen entgegen, die sich sogleich an die Wand unter das Fenster drückte. Die schwere Tür schwang auf und eine bullige Gestalt trat ein, die in eine Kettenrüstung gekleidet war, über welcher ein Wappenrock lag, der als Wappen eine schwarze Lilie auf gelbem Grund trug. Ein Nasenspangenhelm saß auf dem Kopf, der dadurch aussah, als würde er in diesen hinein gezwängt werden und das Metall des Helmes in jedem Moment nachgeben. Den mitgebrachten Teller stellte die scheinbare Wache auf den Boden ab, eh sie rückwärts wieder aus dem kleinen Kerkerraum hinaus trat und mit einem dumpfen Knall die Tür ins Schloss fiel. Nur der eiserne Schieber blieb geöffnet.

    Von der Wand löste sich die junge Frau, um vor dem Teller auf die Knie zu gehen. Mehr als einen Kanten Brot, hauchdünn mit Fett bestrichen, gab es nicht und doch verschlang sie es, als wäre es ein Festmahl und das Beste, was sie jemals zu sich genommen hatte. Der hölzerne Teller blieb in der Mitte des Raumes ohne seinen einstigen Inhalt stehen.

    Nachdem der letzte Bissen geschluckt war, setzte sie sich unter das Fenster an die Wand. Die Beine wurden ausgestreckt und die Hände stützten sich auf dem Boden ab, während ihr Blick auf dem noch geöffneten Spalt in der Tür ruhten. Dank diesem drangen nun die vielen Stimmen der Wachen und anderen Gefangenen besser hinein. Verständlich aber waren sie dennoch nicht, so sehr sie sich auch anstrengte, sie zu verstehen. Immer wieder sah man Schatten sich an der Tür vorüber schieben.

    Wieviel Zeit innerhalb ihres Gefängnisses vergangen war, wusste sie nicht. Sie hatte nie begonnen die Tage zu zählen, die am Fenster vorüber gestrichen waren, in der Erwartung, dass man sie schon nach wenigen wieder gehen ließ. Dass dem nicht so war, dies wusste sie nun und wenn sie nicht schon am ersten Tag angefangen hatte, so brachte es nun auch nichts mehr.

    Eine weitere Gestalt schob sich an der Tür vorüber, wendete sich um und kam zurück, sodass man die Augen durch den Schlitz hindurch sehen konnte. Die Iriden waren von einem Grün, welches mehr in ein Blau überging. Eine eher ungewöhnliche Augenfarbe, gerade wenn man bedachte, zu wem sie gehören mochten.

    „Viacha.“ Erklang von draußen eine tiefe Stimme. Die Aussprache war so grazil und verschnörkelt, selbst bei diesem einen Wort. Einen Moment lang geschah nichts, eh neue Schritte hin zur Tür traten, durch die noch immer die Augen penetrant hindurch starrten. Ein kurzer, unverständlicher Wortwechsel, dann schwang die Tür auf und der Besitzer der grünblauen Augen trat ein. Die Bewohnerin der Zelle musste die Augen schließen, so sehr spiegelte sich das Licht der Sonne im goldenen, weit geschnittenen Gewand der Person wieder, die da hinein getreten war. Eine Körperstatur konnte man unter dem nicht erahnen, was wie ein Kleid wirkte, das Gesicht aber war von einigen kleineren Fältchen geziert und schmal geschnitten. Haare gab es nicht, weder am Kinn oder den Wangen, noch auf dem Kopf. Nur ein goldener Reif ruhte auf diesem.

    Die strahlende Gestalt trat näher hin zu Rothaarigen und ging vor dieser in die Knie. Das Kinn wurde mit der Hand gepackt. Fest war der Griff nicht, aber er zwang das Mädchen, die Augen zu öffnen und in die ihr entgegen gerichteten zu blicken, woraufhin auch schon wieder von ihrem Kinn abgelassen wurde. Die Hand holte aus und verpasste ihr einen Schlag mit der flachen Hand auf die Wange, dass ihr der Kopf zur entgegen gesetzten Seite ruckte. Tränen stiegen ob des brennenden Schmerzes in ihre Augen. Keine davon rollte über ihre Wange. Diese Genugtuung wollte sie ihrem Peiniger nicht geben.

    „Du hast mich nur anzuschauen, wenn ich das erlaube!“ Waren die harschen Worte, die nicht zur Aussprache passesn wollten und auch nicht zur Tat. Dieser Mann war ein Widerspruch in sich. Den Blick senkte sein Opfer gen Boden.

    „Ich hoffe, deine Henkersmahlzeit hat dir geschmeckt. Mehr wirst du in diesem Leben nicht mehr bekommen.“ Setzte er dann fort und sein Blick wanderte an dem mageren Körper hinab. An den weiblichen Rundungen blieb er für einen Moment hängen, gar so als würden ihm diese gefallen und die Hand streckte er auch schon aus, da riss ihn eine Stimme von hinten aus seinem Vorhaben:

    „Priester Serliel, man erwartet euch bei den Vorbereitungen.“

    Mit einem Schnaufen erhob sich der Priester und wendete sich langsam hin zur Quelle der Stimme, die von der Wache ausging, die zuvor das Essen brachte. Feste, energische Schritte brachte das Goldgewand auf sie zu und für den Moment schien es, als wolle sie nach dem Gerüsteten ausschlagen, doch blieb es ruhig. Die Tür fiel ins Schloss, der eiserne Schieber verdeckte wieder den Sichtschlitz. Ruhe.

    In Wellen schoss der Schmerz immer wieder in ihr hinauf, den die nunmehr rote Wange verursachte. Den Drang ihre Hand an diese zu legen kämpfte sie nieder und richtete das Blau der Augen wieder hin zur Tür, die da geschlossen ruhte. Ein sachtes Zittern des Körpers setzte ein. Sie wusste genau, von welchen Vorbereitungen die Rede war. In diesem Königreich war es üblich die zu verbrennen, die sich der Magie bedienten, doch eine andere Möglichkeit hatte sie nicht gesehen, sich ihres verhängnisvollen Peinigers zu erwehren. Ihre Herkunft erleichterte die Wahl der Strafe zusätzlich.

    Fest schloss sie die Augen wieder um darüber nachzusinnen, wie sie ihrer aussichtslosen Lage entkommen konnte. Der Einsatz ihrer Magie wäre eine Möglichkeit, doch hatte sie die Befürchtung, dass man für diesen Fall bereits vorgesorgt hatte und so verwarf sie den Gedanken so schnell wie er kam. So sehr sie auch nachdachte, so wenig wollte ihr in den Kopf kommen und umso mehr sank sie an der Wand zusammen, bis sie halb liegend ruhte.

    Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf, der sie aufspringen ließ, was sie schnell ob der schmerzenden Knochen bereute und wieder in die Knie ging. Es konnte sie nicht von ihrem Vorhaben abhalten und so kroch sie auf allen Vieren schnell duch den Raum, um den Boden abzusuchen, ohne das zu finden, was ihr Begehr war. Die Unruhe stieg dadurch in ihr heran und die Suche wurde ungeduldiger. Aufgeben wollte sie nicht.

    Als sie bereits ein drittes mal den gesamten Raum abgesucht hatte, fiel ihr Blick auf den Holzteller hin, zu dem sie auch schon schnell krabbelte und ihn anhob. Da war es, was sie wollte. Das Blatt, welches ihr in der Nacht gebracht wurde. Dieses nahm sie an sich und betrachtete es. Die feinen Rippen, die sich durch das grüngraue Pflanzenteil zogen und wie Adern wirkten. Die Ränder des Blattes waren glatt und fasste man es an, so merkte man die Stärke, die in ihm lag. Dieses Blatt stammte eindeutig von einem Baum aus einer unwirtlichen Gegend und sie wusste gnau von welchem Baum es stammte.

    Trotz ihrer Idee hatte sie nun noch immer keinen Aufbewahrungsort für das Blatt, mit dem sie sich knieend auf dem Boden neben dem Holzteller niederließ und es anstarrte. Der Schmerz und die Kraftlosigkeit raubten ihr dabei die Konzentration und auch wenn sie immer wieder einen Gedanken zu fassen bekam, so entglitt er ihr doch wie ein glitschigerFisch, den man versuchte mit der bloeßn Hand aus dem Wasser zu fangen.

    Die Kerkerzelle wurde von rotem Licht durchflutet, als sich ein weiteres Mal die Tür öffnete. Noch immer in der Mitte knieend fand man die unfreiwillige Einwohnerin in dieser vor, das Kinn auf das Brustbein gelegt und die Hände im Schoß verschränkt. Wie eine Statue saß sie da, ohne sich zu regen und hätte man nicht das leichte Heben und Senken der fast unbekleideten Brust gesehen, so hätte man sie schon für tot gehalten.

    Die bullige Wache trat in Begleitung einer etwas größeren und hageren hinein. Auch der Priester begleitete die beiden Wachmänner, die die vermeindliche Hexe unter den Armen griffen und gewaltsam vom Boden aufzerrten. Gegenwehr leistete sie dabei nicht und den Marsch durch den langen, schmalen Gang, der die Zellen miteinander verband, erlebte sie nur bruchstückhaft.

    Erst als man sie auf den Platz zerrte, der von hohen Mauern und Gebäuden aus hellem Gestein umgeben war, hob das rothaarige Mädchen wieder langsam den Kopf. Die wenig an das Licht gewöhnten Augen nahmen die Umgebung nur schleierhaft wahr. Durch eine Reihe von gaffenden Bewohnern der Feste und der umliegenden Dörfer in einfacher Kleidung aus groben Stoffen wurde sie geführt, eh man eine Reihe aus gerüsteten und bewaffneten Wachen passierte und sie schlussendlich vor einem einzelnen Mann niederwarf, der am Ende der Versammlung stand. Ein Blick hinauf brauchte es nicht um zu wissen, wer dieser Mann war.

    „Eure Erhabenheit, verkündet bitte die Anklage.“ Sprach eine Stimme, deren Quelle die Knieende nicht identifizieren konnte und die sie auch noch nie zuvor gehört hatte. In ihrem dämmerhaften Zustand aber wäre dies auch bei einer bekannten Stimme schwer möglich gewesen.

    „Burier Meltier, diese Nordländerin wird der Hexerei angeklagt. Sie wurde neben der Leiche eines Mannes im naheliegenden Dorf wiedergefunden, der von einer Ranke erdrosselt wurde, die eindeutig den ekelhaften und verabscheuungswürdigen Künsten dieser Frau zuzuordnen ist. Die Nutzung der Magie ist in unserem über alles erhabenem Königreich verboten und diese Art der Magie umso mehr.“ Verkündete die Stimme des güldenen Priesters laut und verständlich für alle. Die Worte schallten im Hofe von den Mauern wider und riefen ein bedrückendes Schweigen hervor.

    „Danke, eure Erhabenheit.“ So sprach die tiefe Stimme , die zum Mann gehörte, vor dem sie kniete, der Burier, Herr dieser Festung. Die mit Leder behandschuhte Hand griff raschelnderweise nach ihrem Kinn und im Gegensatz zum Priester zuvor, war der Griff so fest, dass sie befürchtete, ihr Kiefer würde unter diesem nachgeben und brechen. Der Kopf wurde gewaltsam gehoben und sie blickte in ein paar von wiesengrünen Augen in einem Gesicht, welches nur wenig älter als das ihre war. Langes, braunes Haar umspielte dieses. Über der Oberlippe prangte einkunstvoll gezwirbelter Bart, wie es bei den Edlen des Reiches üblich war.

    „Nordländerin, aufgrund eurer Geburt habt ihr keinerlei Recht euch zu verteidigen oder von einem anderem verteidigt zu werden, somit seid ihr meinen Worten ausgeliefert.“ Dröhnte die Stimme und der Griff vom Kinn löste sich. Der Mann schien sich wieder dem Publikum zuzuwenden.

    „Volk von Lilienfieste, Kraft meines Amtes und meiner Rechtmäßigkeit zur Gerichtsbarkeit in diesen Mauern verurteile ich diese Frau zum Tode im Feuer, auf dass ihr Körper von den Flammen verschlungen und zur Unkenntlichkeit verbrannt werde und niemals auferstehen kann, wenn Miren uns wieder aufsucht, um uns in sein erhabenes Reich einzugliedern.“ Wurde das Urteil fester Stimme vom Burier verkündet und Jubel brach unter den Zuschauern aus, zu dem sich das Klatschen von behandschuhten Händen gesellte. Das Nicken des Buriers bemerkte sie noch, eh ihr Kopf wieder auf das Brustbein herabsank. Wie sie schon hierher geschleift wurde, brachte man sie nun zu dem Haufen von Holz, in dessen Mitte ein Pfahl stand, an welchen sie geschwind gebunden wurde. Der verschleierte Blick striff über die Menge, die sich enger um das Spektakel sammelte, abgeschirmt durch die in Gelb und Schwarz gekleideten Gerüsteten der Feste. Nur den Burier sah sie unter diesen nicht. Er stand noch immer an seinem Platz, so als würde er nicht zur Menge gehören und sich dem Spektakel nicht widmen wollen.

    „Eure Erhabenheit Serliel, vollstreckt die Verurteilung.“ Hörte man die Worte vom Burier noch und in Ergebenheit folgte der Priester der Anweisung. Eine Fackel nahm er zur Hand, die von einer Wache mittels Feuersteinen entfacht wurde. Die Wärme des Feuers konnte die Angebundene schon auf dem Gesicht spüren und sah, wie das Werkzeug der Hinrichtung noch einmal weit erhoben wurde und somit Jubel aufbranden ließ. Dann sank sie nieder, auf das aufgeschichtete, trockene Holz und setzte dies allmählich in Brand.

    Langsam spürte sie, wie die Hitze näher kroch und das Feuer sich auf sie zubewegte, wie Finger die nach ihr greifen wollten. Die feinen Glieder des nahenden Todes. Lautlos bewegte sie noch einmal die Lippen für ein kurzes Gebet und dann schluckte sie schwer hinab. Als das Feuer nach ihren Beinen griff, spürte sie den Schmerz nicht, den die sich erst rötende, dann Blasen schlagende und schlussendlich aufplatzende Haut verursachte. Gebannt sah die Menge zu, still und aufmerksam, wie die Flammen an der Rothaarigen knisternd höher wanderten und ihr grausames Werk verrichteten.

    Und als die erste Flamme nach ihrem Gesichte schlug, spaltete sich das Feuer plötzlich vor ihr auf, als würde es etwas Platz machen, was in es getreten war. Eine schemenhafte Gestalt wurde immer sichtbarer, ohne aber wirklich an Klarheit zu gewinnen. Die Menge schreckte zurück und man hörte, wie die Schwerter aus den Scheiden der Wachen gezogen wurden, die einen schützenden Halbkreis um die Unbewaffneten bildeten.

    Der Schemen hatte den in Schrecken zurückweichenden Bewohnern den Rücken zugewandt, aus dem einzelne Fäden dessen sprossen, aus was er bestand. Trotz dass es aber nur ein Schemen war, so war seine Stimme klar und deutlich:

    „Diesen Tod hast du nicht verdient, liebste Lethia. Du warst mir so lange Wirtin und riefst mich in diese Welt, auf dass ich dir einen Wunsch erfülle, der nur von wahren Freunden erfüllt wird und ich möchte dir diese Art von Freund sein.“

    „Ihr feigen Nichtsnutze, greift an!“ Rief die Stimme des Burier von Wut verzerrrt und die Männer, die ihm untergeben waren, blickten einander in schierer Angst an. Nur einer von ihnen fasste den Mut, um voran zu stürmen, auf das Feuer zu. Dem Beispiel folgten die anderen und so schoss ein Dutzend Wachen mit einem Dutzend Schwertern auf den Schemen zu und versuchten diesen zu durchbohren. Doch statt sie den Schemen durchbohrten, fanden ihre Schwerter erst nur Luft und dann verbranntes, gequältes Fleisch vor. Der Schemen verging und die Flammen umfassten die Wachen, die sich mutig dem Schemen entgegen geworfen hatten. Mit brennenden Wappenröcken rannten die Gerüsteten in alle Richtungen davon, gefolgt von der Menge, die versuchte die in Flammen stehenden Stoffe zu löschen und so ihre Träger zu retten. Nur der Burier stand noch ruhig an seiner Stelle und betrachtete die Frau, die am Pfahle hängend von zwölf Schwertern durchbohrt ihren Tod noch vor den Flammen gefunden hatte, zu denen er sie verurteilte. Die Schwerter verstörten ihn nicht und auch nicht die verbrannte Gestalt, sondern das Lächeln, welches auf den Lippen der einstmals Rothaarigen lag.