Schlagwort: Solarpunk

  • Ein Zwischenstand

    Ein Zwischenstand

    Die letzte Meldung ist nun schon etwas her. Nach langer Zeit hat die Website einen Stand erreicht, mit dem ich zufrieden bin. Der Großteil der aufgestellten To-Do-Liste und noch einiges mehr als vorher geplant, was sich mit der Zeit ergeben hat, wie Symbole und neue Grafiken, ist erledigt. Damit kann ich mich gänzlich der Arbeit an neuen Texten, wie Kurzgeschichten, und den Büchern widmen. Jene Arbeit am ersten Band der weißen Maid ist fast vollständig abgeschlossen. Es fehlt nur noch ein Cover, um es fertigzustellen. Dazu aber an anderer Stelle mehr. 

    Aufgrund von neuen Lebensumständen wird meine Zeit für die kreative Arbeit zwar theoretisch etwas geringer, aber es schränkt mich keinesfalls ein oder hält mich gar davon ab. Im Gegenteil liefert es viele neue Ideen, die in Kurzgeschichten und mehr umgewandelt werden können. Es gibt bereits einige angefangene Konzepte, die fast täglich erweitert werden. Die entstandenen Kurzgeschichten werden natürlich hier erscheinen.  Ein zeitlicher Rahmen ist dabei allerdings nicht abzusehen. Es braucht immerhin seine Zeit, um aus einem Konzept eine Geschichte zu machen.

    Der weitere Plan ist es, nach der Fertigstellung Cailandiar Band 1 mit intensiveren Arbeiten am zweiten Buch zu beginnen. Eine erste Kontrolle ist zwar schon geschehen, allerdings ist dies nur der Anfang. Bereits jetzt habe ich mehrere Tippfehler gefunden. Es wird viele weitere Stunden brauchen, um es in einen Zustand zu bringen, der einer Veröffentlichung würdig ist. Dabei ist auch noch darüber nachzudenken, wie das Cover gestaltet werden soll, ebenso das Innenleben des Buches. Aber dies wird alles zu seiner Zeit geschehen. Auch hierbei habe ich mir keinen zeitlichen Rahmen abgesteckt.

    Für die nächste Zeit gibt es also noch eine große Zahl an Projekten, die nach ihrer Fertigstellung hier ihre Veröffentlichung finden.

  • Geistergeschichte

    21.10.2018

    Das Geheul hallte von den hohen Deckenbalken wider. Allein stand sie in den düsteren Wänden, konnte kaum die Hand vor den eigenen Augen sehen und das immer wieder kehrende Geheul, dass sie an einen Wolf erinnerte, machte ihr Angst. Eine Quelle dessen war nicht zu sehen. Auch die Richtung, aus der die Laute kamen, konnte sie nicht erahnen, da der Widerhall ihre Sinne in die Irre lockte. Wie gelähmt verharrte sie an Ort und Stelle.

    Wieder ertönte das Geheul, diesmal schien es jedoch näher. Eine Drehung um die eigene Achse machte sie, doch vernahmen die wenigen Sinne, die uneingeschränkt waren, keine Regung. Krampfhaft versuchte sie sich daran zu erinnern, wo sie war. Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war die Teilnahme an einer Führung durch ein altes Haus, in dessen Räumlichkeiten sie sich gerade befand. Den Raum hatte sie mit einer großen Gruppe betreten und der Leiter der Führung hatte ihnen einiges über diesen Raum erzählt. Sie erinnerte sich daran, dass es einer der größeren Räume war, eine Art Wohnstube mit hohen Decken und wundervoll bemalten Wänden. Grob drehte sie sich in die Richtung, in der sie die Fenster vermutete, doch war weder die Kontur eines Fensters zu sehen noch irgendein Lichteinfall.

    Die Augen schloss sie, es machte eh keinen Unterschied, ob sie nun nichts sah oder aber die Augen geschlossen hatte, um sich besser konzentrieren zu können. Die Bilder versuchte sie sich genau vor Augen zu halten. Interessiert hatte sie dem Leiter gelauscht, einem sympathischen Mann, der auch den ein oder anderen Scherz gern machte. War das erloschene Licht vielleicht nur ein Scherz? Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen. Nachdem er geendet hatte und die Gruppe weiter gebeten hatte, blieb sie im Raum stehen. Ihre Augen wollten die alten Gemäuer noch etwas selbst erkunden, daran erinnerte sie sich.

    Ein Zucken durchlief ihren Körper, als das Geheul erneut vollkommen unerwartet sie aus ihren Gedanken riss. Für einen Moment dachte sie, es wäre genau neben ihrem Ohr, doch schon im nächsten Moment schien es aus einer anderen Richtung zu kommen. Der Laut erstarb und sie atmete tief durch, um sich wieder zu beruhigen und das Herz, welches bis zu ihrem Hals schlug, wieder zur Ruhe kommen zu lassen. Es dauerte einige Augenblicke, ehe dies geschah und noch einmal drehte sie sich um. In ihren Erinnerungen, vor ihrem geistigen Auge, erschien eine Tür, die aus dem Raum herausführte. Sie wandte sich in die Richtung um, wozu sie eine halbe Drehung machte, denn die Tür war gegenüber dem Fenster. Es kostete sie einige Überwindung, ehe sie einen Fuß vor den anderen setzte, langsam und bedächtig, als könnte sie jeden Moment durch den harten Boden unter ihren Füßen brechen. Das leichte Knarzen begleitete jeden einzelnen Schritt.

    Die Hälfte des Weges hatte sie sich durch die Dunkelheit getastet. Die wenigen Schritte, die sie gemacht hatte, kamen ihr wie eine Marathonstrecke vor. Auch ihr Herz schlug wieder so stark, als hätte sie einen solchen hinter sich und als sie das Geheul ein weiteres Mal vernahm, gefror ihr das Blut in den Adern. Es schien genau aus der Richtung der Tür zu kommen. Im Dunkel versuchte sie etwas zu erkennen, was ihr nicht gelang. Auch ihre Hände streckte sie aus, einen Widerstand aber fanden sie in ihrer Reichweite nicht. Da war nichts, redete sie sich selbst ein.

    Ein plötzlicher Lichtschein aus ihrem Rücken ließ sie herumfahren. Das Licht kam nicht von den Fenstern, sondern von der Decke. Eine alte Lampe an dieser erkannte sie, die wohl gerade eingeschaltet wurde, denn sie war nur kurz aufgeflackert. Ein erneuter Laut ließ sie wieder in Richtung der Tür sehen. Mit den letzten Resten des Lichtblitzes vernahmen ihre Augen etwas. Es schien wie Haar, von grauweißer Farbe und stark gelockt wie ein Pudel. Die Erinnerung an eine Geschichte, die sich um das Haus rankte, schoss ihr durch den Kopf. In dieser Geschichte sprach man von einem Geist, der einen Pudel auf dem Kopf hatte. War es dieser Geist? Und wenn er es war, was würde er mit ihr tun? Würde sie nun ihr Leben lassen müssen, nur weil sie einmal mehr zu neugierig war?

    Mit einem weiteren Aufflackern blieb das Licht erhalten und sie starrte das an, was da in der Tür stand. Viel mehr starrte sie auf den Pudel. Erst langsam begriff sie, dass es sich nicht um einen Pudel handelte, sondern um das Haar eines Mannes. Ihr Blick fuhr weiter hinab und in das Gesicht des Mannes. Es kam ihr vertraut vor und als er den Mund öffnete, vernahm sie für den Bruchteil einer Sekunde erneut ein Heulen wie von einem Wolf, der zum Mond betete.

    „Was machst du denn allein hier? Deine Eltern suchen dich bestimmt schon. Husch, runter mit dir, wir machen hier gleich dicht. Mit diesen Worten kam er auf sie zu, nicht bedrohlich sondern freundlich und unterzog sie einem abschätzenden Blick. Sie musste aussehen, als hätte sie gerade wirklich einen Geist gesehen. An den Namen des Mannes erinnerte sie sich schlagartig: Wolf. Und die Geschichte des Geistes war nur ein Scherz von einem anderen Mann. Während sie dem Leiter der Führung aus dem Gebäude folgte, dachte sie sich nur, dass sie mit dem Lesen von Horrorgeschichten aufhören müsste.

  • Eine Lagerfeuergeschichte

    Als sie wieder aus dem Zelt zurückkehrte, setzte sie sich ohne etwas zu sagen nahe neben ihn auf die Bank, an das Feuer zurück. Die mitgebrachte Flasche drehte sie nach einigen erfolglosen Versuchen auf, gerade als er danach greifen wollte, um ihr zu helfen. Mit einem triumphierendem Grinsen hielt sie die Flasche in seine Richtung hinauf, als wenn sie gerade einen Schatz gefunden hätte und diesen allen präsentieren wollte. Wieder ließ sie sie sinken, um sie an die Lippen zu führen. Mit einem gluckerndem Geräusch nahm sie einen großen Schluck, dann wurde das Mitbringsel an eines der Bankbeine gelehnt auf den Boden gestellt. Sein Blick ging zu ihr und ein Schmunzeln konnte er sich nicht verkneifen, bevor er wieder in das Feuer blickte. Das Züngeln der Flammen hatte etwas beruhigendes. Das leise Knistern erfüllte die angenehme Nacht. Es war gerade so kühl, dass man ein Feuer brauchte, um sich im Freien ohne Weiteres aufhalten zu können. Ihren Kopf lehnte sie an seine Schulter. Kurz sah er aus dem Augenwinkel zu ihr, erwehren wollte er sich dem aber keinesfalls. Zusätzlich zum Feuer war ihre Wärme angenehm, nicht nur der Nähe wegen. Er bevorzugte sie sogar noch mehr als das Feuer.

    „Schau an.“, ertönte es von der anderen Seite des Feuers, wo sich zwei andere der Gruppierung gesetzt hatten. Durch die Flammen hindurch war schwer etwas zu erkennen. Er hätte sich zur Seite lehnen müssen, um wirklich Blickkontakt herzustellen, aber dafür war es nun zu spät. Er wollte seiner Nachbarin nicht ihr neu gewonnenes oder viel eher annektiertes Kissen stehlen.

    „Was denn?“, fragte er somit über das Feuer hinweg, doch eine Antwort blieb man ihm schuldig. So beließ er es dabei. Immer wieder ging sein Blick aus dem Augenwinkel hin zu ihr. Im Schein des Feuers wirkte ihr ohnehin schon rötliches Haar noch röter. Er mochte diese Farbe. Nein, er mochte sie nicht nur, er liebte sie, ebenso wie die weiße Haut, die sie aufwies. Den Gedanken verdrängte er schnell wieder. Kurz zuckte sein rechter Arm, aber ihn um sie zu legen traute er sich nicht. Nicht nur, weil er damit ebenso hätte ihre Position ändern müssen. Mit einem Lächeln auf den Lippen gab er sich schlussendlich zufrieden.

    Während er und seine Nachbarin schwiegen, wurde auf der anderen Seite des Feuer getuschelt. Um was es genau ging, das konnte er nicht vernehmen. Noch nicht einmal Wortfetzen drangen bis zu ihm hinüber. Daran war das Knistern des Feuers ebenso schuld wie die Lautstärke, die die anderen wählten. Irgendwas sagte ihm, dass sie über ihn sprachen. Warum sollte er sich aber daran stören? Er genoss gerade einen der schönsten Momente seines sonst so glücklosen Lebens. Sie regte sich etwas, wodurch sein Arm frei wurde. All seinen Mut nahm er zusammen, um ihn ihr einfach um die Schultern zu legen, was sie mit einem Lächeln quittierte. Es wirkte, als hätte sie genau das gewollt. Ein erleichtertes Aufatmen unterdrückte er. Das Lächeln wurde erwidert. Die Bewegungen auf der anderen Seite des Feuers ließen ihn allerdings seine Aufmerksamkeit dorthin wenden. Die beiden Gestalten kamen um das Feuer herum, wobei sie riesige Schatten in die Landschaft warfen.

    „Wir werden uns noch ein wenig die Füße vertreten.“, verkündete der ältere der beiden Männer mit einem ruhigen Ton. Der andere Mann nickte daraufhin nur und noch bevor er ihnen beiden eine Antwort geben konnte, verschwanden sie schon in seinem Rücken. Ein Nachblicken vermied er.

    „Lass sie gehen. Die sind wahrscheinlich nur eifersüchtig.“, erklang die ruhige, helle und weiche Stimme von seiner Schulter im Scherz. Wahrscheinlich lag sie damit aber noch nicht einmal so falsch.

    „Wahrscheinlich. Oder sie müssen einfach noch einmal auf die Toilette.“

    „Wie das bei alten Männern so üblich ist.“, war die freche Erwiderung, die ihn zum Auflachen brachte. Unweigerlich drückte er sie einmal an sich, ehe sich die Haltung des Armes wieder entspannte.

    „So viel älter als ich sind sie auch nicht. Du bist hier immerhin das Küken.“, meinte er ruhig, ein Schmunzeln dabei auf den Lippen. Wahrlich war sie jünger, um einiges sogar als er, aber im Moment störte es ihn nicht.

    „Dafür bist du im Kopf jung geblieben, ohne doof zu sein. Das schaffen auch nicht viele.“, erklärte sie, ohne sich dabei zu regen. Ihr gesamtes Gewicht lehnte sie gegen ihn. Es war ein angenehmes Gefühl.

    „Ich gebe mir Mühe.“

    „Auch wenn du bei einigen Dingen ein alter Opa bist.“, fügte sie dann noch hinzu, wieder in ihrer frechen Art, die ihn zum Auflachen brachte. Den Kopf hob sie, sodass sie ihn angrinsen konnte. Die Blicke trafen sich. So verharrten sie einige Momente.

    „Prüfst du nun, ob du die Windeln wechseln musst?“, stieg er auf den Scherz mit ein. Den Arm ließ er an ihrem Rücken hinabgleiten, sodass sie mehr Bewegungsspielraum hatte. Den Kopf schüttelte sie. Dann kam ihr Gesicht dem seinen um einiges näher, sodass er ihren Atem spüren konnte. Im ersten Moment wollte er zurückweichen, doch warum sollte er dies tun? Sie hatte mit Sicherheit keine böse Absicht.

    „Nein, ich überlege nur, ob sie lange genug weg sind.“, hauchte sie, dann spürte er auch schon, wie ihre Lippen nach den seinen haschten. Das ungewohnte Gefühl eines Kusses. Er gab sich alle Mühe, diesen zu erwidern. Ob es ihm gelang, dabei war er sich nicht sicher, aber sie zog sich nicht zurück und dies beruhigte ihn. Einige Momente genossen sie das Gefühl, dann löste sie den Kuss, um ihn anzulächeln. Im Schein des Feuers glänzten ihre Augen noch mehr als sonst schon. Augen, bei deren Anstarren er sich schon mehrmals einmal erwischt hatte. Unvermittelt erhob sie sich von der Bank und griff in der gleichen Bewegung nach seiner Hand. Eine Geste, gegen die er sich nicht wehrte, und als sie Anstalten machte, ihn von der Bank zu ziehen, erhob er sich ebenso. Flink wendete sie sich herum. Man hörte noch, wie etwas umfiel. Dann zog sie ihn einfach hinter sich her, in die Dunkelheit des Zeltes hinein, in dem sie beide schliefen. Das Wasser aus der umgefallenen Flasche versickerte derweil im Boden. Hier würde neues Leben entstehen.

  • Des Jägers Beute

    10.01.2022

    Theoman war ein einfacher Mann, der mit seiner Situation zufrieden war. Nach der Flucht aus seiner Heimat hatte er in den Grizzlyhügeln eine Anstellung als Jäger in der Grafschaft Springberg gefunden. Die Berufung erwählte er sich aufgrund eines Geschenkes seiner Großmutter, welches er noch auf gilneischem Boden erhalten hatte. Ein kunstvoll gearbeitetes Jagdmesser war dies, mit einer ordentlichen, scharfen Klinge und einem aus weißem Knochen bestehendem Heft, welches die Zeichen der Zeit mit sich trug. Als sie ihm dieses Kleinod übergab, sprach sie zu ihm: „Jener Stahl wird oft den Tod bringen, um Leben zu nähren, doch wird er umgekehrt auch dein eigenes Blut vergießen, um Leben zu retten“. Seitdem sie diese Worte zu ihm gesprochen hatte, waren sie fest in seinen Geist eingebrannt. Oftmals träumte er davon. Dann sah er jene greise, vom Alter gekrümmte Frau vor sich mit ihrem liebevollem Lächeln und den hell glänzenden Augen, die die Farbe von frischem Gras im Frühling hatten. Er vermisste sie stets, ebenso wie den Rest seiner Familie, doch war von dieser nichts mehr übrig. Er war allein mit seinem Bogen und dem Messer. Allein in der Jagdhütte tief in den Wäldern.

    Eines Tages im späten Herbst begab sich Theoman auf die Jagd. Einen Schaufelhauer verfolgte er bis weit in den Wald hinein. Als er anlegte, um das Tier zu erlegen, stieg aus einer Baumkrone unweit von ihm ein Adler mit einem lauten Schrei hinauf, welcher den Schaufelhauer verschreckte. Fluchend verfolgte er seine Beute in einen Teil des Waldes, den er noch nicht kannte. Es brauchte einige Zeit, bevor er die Fährte sicher wieder aufnehmen konnte, um dieser zu folgen. Durch das Unterholz sich kämpfend fand er die baldige Frucht seiner Jagd. Den Pfeil an die Sehne gelegt visierte er an, nur um neuerlich enttäuscht zu werden. Diesmal war es kein Schrei eines Adlers, der ihm seine Beute streitig machte. Es war der Ruf einer Frauenstimme, welcher es bis auf die kleine Lichtung schaffte. Nach Hilfe rief sie, wobei sie jammernd und wehleidig klang. Die Jagd war somit für Theoman vergessen. Immer wieder hallte der Ruf durch den Wald hindurch, sodass er ihm bis zu einem großem Hügel folgen konnte. In diesem eingelassen fand er eine Tür, die ihn um ein Weites überragte. Aus dem, was auch immer hinter der Tür lag, kam der Schrei der Frau, der einmal mehr nach Hilfe forderte. Die Hände legte er an den Stein der Tür. Mit all seiner Kraft warf er sich dagegen, doch bewegte sie sich dabei kein Stück. Die rohe Kraft würde ihm hierbei nicht helfen. Demnach brauchte es Technik. Einen Stein suchte er sich, den er vor der Tür platzierte, dann einen massiven Ast. Auf den Stein gelegt klemmte er den Ast unter die Tür. Mit seinem gesamten Gewicht stützte er sich auf diesen auf, nur um festzustellen, dass auch die Technik ihm hierbei nicht zum Ziel führen würde. Noch einmal glitten seine Finger über den Stein hinweg. Eine Kerbe fanden sie, gerade dünn genug um die Klinge seines Messers in diese zu führen. Er drückte, drehte und war doch nicht mit Erfolg gesegnet, während die Stimme, die ihn gelockt hatte, leiser wurde. Er befürchtete das Schlimmste.

    In diesem Moment waren es die Worte seiner Großmutter, die ihm ans Ohr drangen. Das Messer in seiner Hand drehte er, sodass er die Klinge mit den Fingern umfasste. Der scharfe Stahl schnitt ihm in die Handfläche, als er mit dem Heft voran gegen die Tür klopfte. Tock. Tock. Tock. Mit dem letzten regte sich etwas. Langsam schob sich der Stein zur Seite. Ein Spalt entstand, der breit genug war, um ihn hindurch zu lassen. Mit der blutenden Hand schob er sich ins Innere. Durch ein Loch in der Decke fiel ein Lichtschein auf die Quelle der Hilferufe. Eine junge Frau war es in einem einfachen Kleid, deren Schönheit er noch nicht gesehen hatte. Es war aber nicht das Einzige, was im Licht des Verhängnisses der jungen Frau zu sehen war. Eine Truhe mit goldenem Glanz befand sich ebenso in dem großen Raum. Dennoch galt seine Aufmerksamkeit jener, die ihn erst in die Räumlichkeiten gebracht hatte. Er half ihr auf und begleitete sie aus ihrer Falle hinaus. Schon während des Weges durch den Wald merkten sie, dass sie wie füreinander geschaffen waren.

    In der Jagdhütte angekommen ruhten sie für den Rest des Tages, um am nächsten zum Punkt ihrer ersten Begegnung zurückzukehren. Mit einem Schatz kehrten sie zurück, doch hatte Theoman schon am Vortag den größten Schatz gefunden. Seitdem mangelt es dem Mann an nichts mehr. Er hat eine wundervolle Frau und mittlerweile auch Kinder. Mit dem Erlös aus dem Verkauf des Schatzes hatte er seine Jagdhütte erweitert, auf dass sie müden Reisenden und jenen, die es brauchten, Obdach bieten konnte. Wann immer er es konnte, so ließ er auch andere an seinem Reichtum teilhaben und tut dies auch bis heute noch.

  • Der weiße Wanderer

    28.02.2022

    Es begab sich einst, als jene Anhänger des Hauses Sheppard noch neu auf dem kalten Kontinent des Nordens waren. Die Umgewöhnung an das raue, kalte Klima fiel den meisten Menschen nicht leicht, doch hielt man durch, um sich und den nachfolgenden ein neues Leben zu schaffen. Der Krieg und die Vernichtung, die man über sie gebracht hatte, versuchte man abzuschütteln wie den frischen Schnee im Norden der Grafschaft. Hoffnung war in diesen Tagen das, was die Menschen überleben ließ.

    Eine der Familien hatte zwei Söhne und den Vater verloren. Die Mutter blieb allein zurück mit den beiden Töchtern und dem jüngsten Sohn, der kaum alt genug war zu sprechen. Von der restlichen Verwandtschaft wusste man nichts. So war es an der Frau allein, ihre Kinder durch diese schwere Zeit zu bringen. Glücklicherweise gab es viel Hilfe von anderen der Geflüchteten, sodass zumindest eine provisorische Unterkunft geschaffen war, in der sie mit ihren Kindern leben konnte. Mit diesem Anfang zufrieden sah sie davon ab, weitere Hilfe in Anspruch zu nehmen, da sie sich auch selbst helfen mussten.

    Die Tage zogen ins Land und forderten ihren Preis. Mit jedem fielen ihr die Schritte schwerer. Das sonstige stetige Lächeln auf ihren Lippen, welches sie für ihre Kinder übrig hatte, verblasste. Immer öfter ertappte sie sich selbst dabei, wie sie gereizt auf die einfachsten Anfragen reagierte. In der Nacht, wenn sie alleine war, ließ sie den Tränen freien Lauf. Einige Wochen ging es so, in denen man ihr Hilfe anbot, sie diese aber ablehnte, aus Rücksicht auf die Probleme der anderen, aber auch aus Stolz, der sich eingeschlichen hatte. Ihre vehementen Antworten wurden dabei so grob, dass die anderen in der Ansiedlung begannen sie zu meiden. Man hatte es aufgegeben, ihr weiter Hilfe anzubieten.

    Eines Tages fand ein Wanderer im weißen Mantel in die wachsende Siedlung. Mit einigen der Menschen unterhielt er sich, wobei sich schnell feststellen ließ, dass er nicht aus Gilneas stammte. Seine Herkunft allerdings wollte er nicht verraten. Wo er es konnte, half er aus und bewies dabei mehr Geschick, als es die anderen inne hatten. Am Abend lud man ihn an das Feuer, um ihm für seine Hilfe zu danken. Stets lehnte er dies wohlwollend ab, bevor er ging, um am nächsten Tag neuerlich im Dorf zu erscheinen. Auch jene alleinstehende Frau sprach er an. Seine goldenen Augen vermochten sie dabei zwar zu dämpfen, jedoch nicht gänzlich zu beruhigen. Ihre Antwort fiel harsch aus. Den Wanderer schien dies nicht zu stören. Er setzte sich auf einen Stuhl, um sie zu beobachten. Den gesamten Tag lang tat er dies, ohne dass er selbst etwas machte, bevor er am Abend in gewohnter Weise verschwand.

    Der nächste Tag brach an und so erschien er wieder. Diesmal fragte er jene Frau nicht, ob er ihr helfen konnte. Vom Fluss brachte er einen Eimer frischen Wassers, wie sie es am Vortag gemacht hatte, und stellte diesen zu ihr. Als nächstes unterhielt er sich mit ihren Kindern. Eine Geschichte von großem Ausmaße erzählte er ihnen. Ihre Mutter lauschte zuerst, doch riss die Anstrengung der letzten Wochen sie in den Schlaf. Als sie am Abend wieder aufwachte, war alles erledigt, was sie sonst selbst tat. Auch gekocht hatte der Wanderer, sodass sie nach dem Aufwachen ihren Hunger stillen konnte. Ein Eintopf aus verschiedensten einheimischen Wurzeln und Köstlichkeiten war es, den er hergestellt hatte. Als Dank lud sie ihn nach dem Mahl dazu ein, im Haus zu verweilen. Zur Überraschung der anderen nahm er diese Einladung an. Bis spät in die Nacht hinein saßen sie an der kleinen Feuerstelle. Während er nur zuhörte, erzählte die Frau oftmals unter Tränen. Die gesamte Last der letzten Tage, die auf ihren Schultern ruhte, sprach sei sich von der Seele, bis sie zum Morgengrauen einschlief.

    Am nächsten Morgen war der Wanderer noch immer zugegen. Diesmal war es nicht er, der das frische Wasser brachte, sondern ein anderer der Bewohner. Eine Bewohnerin nahm die Kinder zu sich, sodass die Frau sich auf etwas anderes konzentrieren konnte. Der Wanderer führte sie abseits der Siedlung. Er zeigte ihr, wo sie die Wurzeln finden konnte, mit denen er am Vortag den Eintopf gekocht hatte. Zurückgekehrt brachte er ihr bei, wie sie in ihrer Hütte für alle ein wahres Festmahl zubereiten konnte. Am Abend dann kehrte er mit ihr und dem Kessel an das Feuer. Ein jeder bekam etwas ab. Die Stimmung war so ausgelassen, dass man begann die Lieder der Heimat zu singen.

    Erst spät in der Nacht löste sich die Gemeinschaft auf. Vom Glück wie betrunken konnte die Frau nicht schlafen und so suchte sie den Wanderer, um ihm noch einmal zu danken. Als sie ihn sah, begab er sich gerade auf den Weg aus dem Dorf hinaus. Von der Neugier getrieben folgte sie ihm hinein in den Wald. Dabei verlor sie ihn aus den Augen. Der Schrei eines Adlers ließ sie zusammenzucken. Nach der Quelle sah sie sich um, doch konnte sie sie nicht finden. Auch vom weißen Wanderer fehlte jede Spur. Nach längerer Suche gab sie auf, um zu ihrer Hütte zurückzukehren. Zur Ruhe bettete sie sich mit dem Wissen, dass sich nun alles zum Besseren wendete.

    Nicht nur in diesem Dorf erschien der weiße Wanderer. Eine Vielzahl berichteten vom Mann im weißen Mantel. Stets half er und integrierte jene, die außen vor geblieben waren, wie er es bei der Mutter getan hatte. Er lehrte sie, dass sie nicht allein waren, niemand von ihnen, und dass in ihrer Einigkeit die größte Stärke lag, mit der sie allem trotzen konnten.

  • Cailandiar – Die weiße Maid Band 1: Das Erwachen (Leseprobe)

    Kapitel 1: Mans – Geburt, Beginn

    Ein heiseres Stöhnen riss sie aus dem Schlaf, wie so oft in der Nacht. Es drang aus dem Nebenzimmer an ihr Ohr, leise noch, aber immer und immer wieder. Dem Geräusch wendete sie den Rücken zu, doch änderte es nichts daran, dass sie es hören konnte. Sie versuchte es aus ihrem Kopf zu verdrängen, wie man den Dreck vom Boden fegt, um nicht mehr darauf laufen zu müssen, doch auch dies funktionierte nicht und so drehte sie sich schlussendlich auf den Rücken, um die Augen zu öffnen und an die Decke zu starren. Die Laute vergingen nicht, wurden sogar lauter und intensiver. Die dicke Wolldecke zog sie bis über den Kopf. Auch wenn darunter die Luft stickig war, so war das Stöhnen doch immerhin gedämpft. So ruhte sie einige Momente, bis es ihr trotz des bald anbrechenden Winters zu warm wurde und sie die Decke wieder von sich schlug. Ihren Kopf drehte sie, sodass sie hin zu der Wand blicken konnte, die ihr Zimmer vom Raum trennte, aus dem die Geräusche kamen. Der Blick verharrte, als könnte sie hindurch starren und ihre Augen gewöhnten sich dabei langsam an die Dunkelheit, die nur vom Sternenlicht durchbrochen wurde, welches durch das Fenster neben dem Bett drang.

    Zum Stöhnen gesellte sich auch ein rhythmisches Schlagen von Holz auf Holz, welches sie fast verrückt werden ließ. Die Augen kniff sie zusammen und starrte die Wand böse an, als würde der Blick genügen um Ruhe einkehren zu lassen, bis sie den Blick losriss und an die hölzerne Decke blickte. Die wollene Decke schlug sie ganz von sich und setzte sich im Bett auf. Es war kühl. Noch nicht so kalt, wie es im Winter sein würde, aber es reichte um sie frösteln zu lassen. Die Arme schlang sie um den dünnen Leib und drehte sich auf dem Bett so, dass sie die Füße auf den Boden setzen konnte und sich erheben. Zum Fenster trat sie hin und lehnte sich an das schmale Stück Wand, welches es noch auf der rechten Seite über ließ. Die Sicht war durch das milchig weiße Glas getrübt, die Sterne konnte man so aber dennoch funkeln sehen. Die Geräuschkulisse ließ sie so in ihrem Rücken und wenigstens der Kleiderschrank, der noch an der Wand stand, dämpfte die Lautstärke etwas. Das Augenpaar richtete sie zum Fenster hinaus, über die kleine Stadt hinweg in den Himmel, an dem die Sterne und nicht zuletzt der Mond thronte. Ein zunehmender Mond, der bald schon vollendet war und von der Ankunft des Winters sprach. Es waren die letzten Tage des Erntemondes, die sie begingen. Einige Zeit starrte sie den großen Himmelskörper an, ohne dass ein Gedanke durch ihren Kopf ging. Die Hände rieben dabei über die Oberarme und der nur von einem dünnen Nachthemd bedeckte Leib schlotterte. Wenigstens etwas, was sie vom Stöhnen und Klappern ablenkte.

    Ihren Blick ließ sie tiefer schweifen und blickte über die Häuser hinweg. Weit konnte man sehen, über viele der mit hölzernen Dachschindeln gedeckten Dächer, die weiß angestrichen wurden. Nur wenige der mit dem typischen weißen Stein verkleideten Gebäude nahmen ihr die Sicht, sodass sie die kleine Stadt fast vollkommen im Blick hatte. Auch wenn sie nicht oft draußen war und bei Weitem nicht alle der Gebäude einer Person oder einer Zunft zuordnen konnte, wusste sie doch, dass in keinem der Häuser am Tage je jemand still stand. Die Stadt war geschäftig.

    Eine Stimme erklang durch die Wand hindurch, die sie herumfahren ließ, wobei sie fast gegen den Schrank stieß. Auch wenn sie nur wie ein Flüstern an ihr Ohr drang, konnte sie doch ahnen, wie laut sie im Zimmer nebenan selbst sein musste. Es klang, als würde sie Befehle geben, auf die keine Antwort gegeben wurden. Die Augen schloss sie und verdrängte schnell die Bilder, die sich in ihrem Kopf bildeten. Würde sie diese nicht besiegen können, würde es sie den restlichen Schlaf kosten. Blind setzte sie sich auf die Bettkante und legte den Oberkörper auf die Beine, die Arme weiter fest um den Oberleib geschlungen. Zu allem was ihr heilig war betete sie, dass es bald aufhören mochte. Nicht nur das Stöhnen, Klappern und die Stimme, sondern alles um sie herum.

    Ein heiserer Schrei, dann war alles still. So sehr sie sich die Stille herbeigesehnt hatte, so sehr beunruhigte sie sie und den Kopf hob sie, um zur Wand neben dem Schrank zu blicken. Würde sie den Arm ausstrecken, könnte sie diese berühren. Ihr Raum war nicht groß, doch es war ihrer allein und darum war sie dankbar. Wieder hörte man leises Geflüster, diesmal wurde es auch erwidert. Eine männliche Stimme, die zuvor die Befehle gegeben hatte und eine dünne, weibliche Stimme. Einige Worte wurden gewechselt, dann hörte man, wie sich eine Tür öffnete und nach einem Moment wieder schloss. Ruhe kehrte ein.

    Sie legte sich zurück auf das Bett und zog die Decke über sich, um dem fröstelnden Körper Wärme zu gönnen und sich sogleich auf die Seite zu drehen, den Rücken zur Wand hin. Allem würde sie gern den Rücken zuwenden, doch konnte sie es nicht. Es fehlte ihr die Kraft und die Mittel. So schloss sie die Augen in der Hoffnung, der Schlaf, der ihr fern geblieben war, würde sie bald wieder einholen und die Hoffnung wurde auch schon bald erfüllt.

    Ein lautes Klopfen an der Tür ließ sie erwachen. Unsanft, wie es schon in der Nacht war. Die Lider öffneten sich und sanken auch gleich wieder nieder. Es war hell, die Sonne stand hoch und schien genau in ihr Zimmer hinein, sodass es sie blendete. Der Mittag war schon angebrochen. Noch einmal hämmerte es gegen die Tür.

    „Du faule Nordländerin, wenn du nicht gleich Antwort gibst, reiß ich die Tür auf und komme hinein und dann ist es zu spät. Dann wirst du eine der Huren des Hauses und nur die halben Bettler bedienen, die sich hierher verirren.“ Erklang von außen eine scharfe Stimme, die eindeutig weiblich war und alles vom Geschwungenen missen ließ, was sonst in ihr hörbar war. Sie setzte sich ein Stück weit auf, lehnte sich auf die Ellen und blickte zu der hölzernen Tür hin. Die Drohung würde man wahr machen, daran hatte sie keine Zweifel.

    „Ich komme glei … „

    „Du sollst nicht gleich kommen, du sollst sofort kommen, Abschaum. Die Gäste warten nicht, bis du endlich dazu bereit bist deine Arbeit anzutreten. Die wollen keinen Kuhstall vorfinden, nur weil das Kalb zu dumm war ihn zu säubern.“ Ging die Tirade weiter, doch bevor sie antworten konnte entfernten sich die Schritte auch schon eilig von der Tür. Das Stampfen ließ darauf schließen, dass die Besitzerin der Stimme in Rage war, aber das war sie so oft, dass man es nicht mehr zählen konnte. Mittlerweile hatte sie es als normalen Zustand kennengelernt.

    Sie erhob sich vom Bett und streckte die Arme über den Kopf, um den Rücken einmal durchzustrecken. Das Nachthemd griff sie sich dann am Saum und zog es in einer flüssigen Bewegung vom schlanken Körper. Die Bürste, welche auf einem Beistelltisch neben dem Schrank lag, griff sie und mit dem Blick aus dem Fenster hinaus bürstete sie das goldblonde, schulterblattlange Haar, welches sie ihr eigen nannte. Es war gepflegt, so gepflegt sie es mit ihren Mitteln halten konnte. Die Bürste war das einzige dieser.

    Der Himmel war klar und von Wolken frei.Viel Regen oder Schnee gab es in dieser Region nicht, dennoch aber war sie so fruchtbar, dass man sich in ihr ansiedeln konnte. Die Flüsse und Bäche, die aus dem nördlichen Gebirge quollen, waren verantwortlich dafür. In den massiven Gebirgen schmolz der Schnee, der dort im Winter in Massen nieder ging, und das Wasser floss in die Ebene hinab, die sich südlich von dieser befand. Die Nordlande sorgten dafür, dass sich dieser kleine Landstrich ernähren konnte. Dankbarkeit zeigte man dafür nicht.

    Nachdem das Haar einigermaßen gebändigt war, legte sie die Bürste zurück und trat an den Schrank heran, um diesen zu öffnen. Zwei Kleider hingen darin auf hölzernen Bügeln. Beide waren von matt weißer Farbe, die auf Wolle als Material hinwies. Eines war kurz, mit kurzen Ärmeln und das andere länger, ebenso waren es auch die Ärmel. Eben jenes griff sie und streifte es über den Körper. Der Stoff an den Armen wurde zurecht gezogen und auch der, der die Knöchel umspielte. Schlussendlich schlüpfte sie in die Schuhe hinein, die aus nicht mehr als einer Stoffumhüllung mit lederner Sohle bestanden. Sie waren nicht bequem, wie es Stiefel gewesen wären, die sie sich schon lange wünschte, doch es war besser als mit nackten Füßen über den hölzernen Boden zu wandern, oder die Straßen, wie es viele der ärmeren Menschen mussten. In diesem Moment wünschte sie sich einen Spiegel, um ihr Aussehen zu prüfen und sich kurz in die Augen blicken zu können, doch war sie nicht wichtig genug und vor allem war ihr Erscheinungsbild nicht wichtig genug, als dass man ihr einen Spiegel in ihr Zimmer gab. Ob sie sich wirklich in die Augen blicken konnte, dem war sie sich nicht bewusst.

    Die Tür öffnete sie und trat hinaus in den langen Gang, der an den Stirnseiten von jeweils einem Fenster gesäumt war, die dem langen Flur ein mäßiges Licht spendeten. Für die Nacht gab es kleine Halterungen an den Wänden, in die man Kerzen stecken konnte, um nicht im Dunkeln durch den Korridor zu gehen. Meistens blieben sie unbenutzt, da es nur wenig Verkehr auf dem Flur gab in der Nacht. Ihre Füße trugen sie an den verschlossenen Türen vorbei, hinter denen man hier und da leise Gespräche hörte, zur Treppe hin, die sie hinunter stieg und somit in das Herzstück des Gebäudes vordrang.

    Ein großer Raum lag vor ihr, dessen Deckenhöhe mindesten doppelt so hoch war wie die des oberen Stockwerkes. In der Mitte hing an dieser ein großer, silberner Kerzenleuchter mit unzähligen Kerzen, deren Wachs teilweise bereits über das Edelmetall hinweg geflossen war – ein Kind der letzten Nacht. Wie Wasser, welches einen Stein hinab floss und genau in diesem Moment eingefroren wurde sah es aus. Kleinere Wachspfützchen hatten sich auf dem Boden verteilt. Den Raum betrat sie und durchschritt den Korridor, den der massive Tresen aus Holz mit den auf der anderen Seite stehenden, durch Trennwände abgetrennten Sitzgruppen bildete, deren Bänke gepolstert waren. Drei Bänke bildeten ein U und zwischen diesen befand sich ein großer Tisch. Zehn Mann fanden ohne Probleme am Tisch Platz. Acht dieser Sitzgruppen waren es an der Zahl und in der Mitte dieser stand ein großer Kamin, der dem Raum Wärme spendete in den kalten Monaten, sowie ein warmes Licht in der Nacht, auch wenn es dank des Kerzenleuchters nicht nötig war. Die Fenster befanden sich am Ende des langen Raumes und waren mit schweren, gelben Stoffen verhangen, die das morgendliche Licht gerade genug hindurch ließen, dass man im Raum keine Kerzen entzünden musste, um etwas zu sehen. Etwas konnte man das durchsichtige Glas hindurch sehen. Hier hatte man besseres Glas verwendet.

    Der ganze Stolz des Raumes und seines Besitzers waren jedoch die Wände. Deren Grund war weiß gestrichen und auf diesem prangten Bilder. Nackte Frauen in anzüglichen Posen zeigten diese. Ihre Brüste oder den Hintern streckten sie dem Betrachter entgegen und bei den meisten dieser Malereien konnte man auch die Region zwischen den Schenkeln deutlich erkennen. Wären es andere Motive, wäre es eine große Kunst für sie gewesen. Der Mangel an Kleidung und die eindeutige Wirkung ließen einen anderen Eindruck entstehen. Diese Bilder sollten Lust auf das machen, was das Haus zu bieten hatte und nicht künstlerisch sein. So blickte sie nur kurz auf die Malereien und wendete den Blick schnellstmöglich wieder ab. Jeder anderen wäre die Röte auf die Wangen getreten, hätte sie dies gesehen, doch sie war jeden Tag damit konfrontiert. Leider, wie sie sich im Kopf zugestand.

    „Ich dachte immer, ihr Einmeire würdet im Winter aktiver werden und nicht wie die Bären Winterschlaf halten.“ Erklang da die zeternde Stimme, die sie schon zuvor hinter ihrer Tür vernommen hatte. Sie verwendete dabei die abwertende Bezeichnung für das Volk der Berge als würde sie auf den Boden spucken. Die Quelle war nicht schwer zu identifizieren. Hinter dem Tresen stand eine Frau im weit ausgeschnittenen, gelben Kleid, welches, wenn es weiter ausgeschnitten wäre, auch einen Blick auf die Füße zulassen würde, so dachte sie sich oft. Das Gesicht mit den mäßig ausgeprägten Wangenknochen und dem schmalen Kinn wurde von braunem Haar gekrönt, welches zu einem Zopf gebunden war. Zwei hell leuchtende, grüne Augen lagen in diesem, die ihr nun entgegen starrten. In ihnen konnte man den Hass und die Wut brodeln sehen. Das Alter der Frau war auf die dreißiger Jahre schätzbar.

    „Ihr seid zu nichts zu gebrauchen. Du nicht, Anneria, und all die anderen nutzlosen Nordländer ebenso wenig. Ihr seid der Abschaum der Welt. Man hätte euch schon zur Zeit Mirens auslöschen sollen.“ Ließ die Frau weiter ihrem Hass freien Lauf. Sie war deutlich älter, als es die junge Anneria war und von größerem Wuchs, ebenso von wesentlich weiblicheren Rundungen geprägt. An ihrem Verstand zweifelte die Blonde aber oftmals. Mit gesenktem Kopf trat sie an den Tresen heran und blickte auf die hölzerne Oberfläche dessen. Kratzer befanden sich darin, die von Krügen herrührten oder absichtlich in das Holz gemacht wurden. Einige der Kratzer bildeten kleine Bilder, die nicht mehr zu erkennen waren oder die sie viel lieber nicht erkennen wollte.

    „Du kennst deine Aufgabe.“ Waren die abschließenden Worte der Braunhaarigen und sie warf den Lumpen auf den Tresen, um sich dann umzuwenden und in der Tür zu verschwinden, die sich zwischen den Regalen mit Flaschen hinter dem Tresen befand. Anneria griff sich den Lumpen, der als Lappen diente. Ihre Aufgabe kannte sie und so schritt sie hin zu den Tischen, an denen am Abend noch in geselliger Runde gefeiert wurde und andere Dinge geschahen, an die sie lieber nicht denken wollte. Oft genug hatte sie gesehen, wie eines der Mädchen mit weit gespreizten Beinen auf dem Tisch saß und einer der Männer sich zwischen diese drängte. Und oft genug hatte sie auch Teile des Ergebnisses dessen aufwischen müssen. Den Lumpen ließ sie über das Holz des Tisches gleiten und nahm die Krüge dabei an sich, die noch darauf standen. Einige von ihnen waren noch halb voll, weil ihre Besitzer etwas anderes gefunden hatten, dem sie sich lieber ergaben. Ein Schaudern durchlief ihren Körper, verursacht durch die unmittelbar in ihren Kopf schießenden Gedanken, doch tapfer arbeitete sie sich Tisch um Tisch voran. Die verbliebenen Krüge stellte sie dabei auf dem Tresen ab. Das Abwaschen würde sie später auch noch übernehmen dürfen. Als sie gerade am Tisch direkt beim Fenster angekommen war, schwang die Tür auf, was sie herumfahren ließ. Ein großer, breiter Mann trat hinein und mit ihm die kalte Luft von draußen. Im Halblicht konnte Anneria nicht viel erkennen. Der Mann blickte sich um und schon allein an seiner Statur erkannte Anneria ihn. Das bullige Gesicht mit dem breiten Kiefer, der massiven Stirn und den ausgeprägten Wangen brauchte sie nicht zu sehen, und auch nicht den Schnurrbart, der wie ein kleines Gebüsch über der Oberlippe thronte. Die grünbraunen Augen fixierten das Mädchen, welches gleich darauf den Blick senkte.

    „Nordländer. In die Augen schauen könnt ihr nicht. Solltet ihr auch nicht. Dafür habt ihr nicht genug Ehre. Wo ist sie?“ Erklang die tiefe Stimme, die unpassenderweise dazu die Worte so geschwungen betonte, als wären sie ein Gedicht und die rechte Betonung jeder einzelnen Silbe wichtig. An die typische Redensart hatte sie sich gewöhnt, aber nicht daran, dass sie aus solchem Munde stammte. Sah man den Mann, so würde man nicht glauben, dass er überhaupt sprechen konnte. Mit der rechten Hand, in der sich noch immer der Lumpen befand, deutet sie auf die Tür, hinter der ihre Peinigerin zuvor verschwunden war. Der Mann schnaubte und seine ledernen Stiefel brachten den Boden zum Knarzen, als er über diesen hin in die angewiesene Richtung schritt. Anneria ließ er tief durchatmend zurück. Es wäre nicht das erste mal gewesen, dass er ihr näher gekommen wäre, als es ihr lieb war. Der Duft seiner schweißgebadeten Männlichkeit umspielte beim bloßen Gedanken an diese ihre Nase. Ein Rümpfen und ein leichtes Schütteln war die Folge.

    Der letzte Tisch wurde von Krügen und Dreck befreit, dann ging sie zum Tresen hin und legte den Lumpen auf diesem ab. Der Blick ging zu den Krügen und dann hin zu der Tür, hinter der man leise Stimmen hören konnte, die sich miteinander unterhielten. Mit der Hüfte lehnte sie sich seitlich an den Tresen an. Wenn sie in die Küche treten würde, um mit dem Abwaschen anzufangen, würde man sie schelten und schneller hinaus werfen, als sie hinein gehen konnte. Blieb sie am Tresen stehen, ohne ihrer Arbeit weiter nachzugehen, würde man sie schelten. Würde sie hinauf auf ihr Zimmer gehen, ohne ihre Arbeit getan zu haben, würde man sie schelten. So entschied sie sich einfach dafür, sich umzuwenden, rücklings an den Tresen zu lehnen und sich schlussendlich auf diesen zu setzen. Die so weit vom Boden entfernten Beine ließ sie baumeln. Die Augen wanderten hin zu dem Kamin, der erloschen war und in diesem Moment durchfuhr sie ein leichtes Frösteln. Ohne Decke oder Unterwäsche war es trotz des Kleides am Morgen kalt. Einer Nordländerin würde es nichts ausmachen, doch auch wenn sie alle so nannten war sie doch in diesem Haus geboren und damit nur von der Abstammung her eine Nordländerin. Die schneebedeckten Berge und grünen Täler hatte sie nie gesehen und würde sie wahrscheinlich auch nie zu sehen bekommen.

    Eine Hand, die sich auf ihre Schulter legte, ließ sie herumfahren und sie blickte die Frau an, die sich neben sie geschlichen hatte. Eine große und schlanke Schönheit war sie, gekleidet in weißen, leicht durchsichtigen Stoff, der dank seiner Enge die Rundungen hervorhob, die ihr die Natur geschenkt hatte. Trotz der Dünne des Stoffes sah man nur einen Hauch von dem, was darunter lag. Gerade genug, um die Fantasie anzuregen, ohne sie einzuschränken. Das Gesicht war von hohen, ausgeprägten Wangenknochen geziert und volle, mit einem leichten Rot versehene Lippen trugen ein Lächeln. Schwarzes Haar umspielte das Gesicht leicht lockig. Die tiefbraunen Augen blickten Anneria freundlich und mit einer Wärme entgegen, die einem Feuer gleich kam.

    „Du bist es.“ Meinte Anneria erleichtert und das Lächeln auf den fremden Lippen steckte sie an. Die dunkle Haut der Frau verriet ihre Herkunft aus der südlichen Wüste. Die Hand mit den schlanken Fingern drückte einmal die schmale, weiße Schulter sanft und strich dann am Oberarm hinab, um wieder abzulassen. Die leichte Gänsehaut, die nicht nur durch das kurze Frösteln entstand, musste sie bemerkt haben.

    „Guten Morgen, Tazana.“ Begrüßte eine warme und melodische Stimme, die vollends zu der Frau passte, die sich als ihre Besitzerin glücklich schätzen konnte. Tazana, so hatte sie ihr einst erzählt, war Zan-Kari, ihre Heimatsprache, und bedeutete nicht weniger als geliebtes Kind. Eine Liebkosung, der sie nur selten zu teil wurde. Einer der Gründe, warum sie sich in der Nähe der Dunkelhäutigen stets wohl fühlte. Wohler als irgendwo anders.

    „Guten Morgen, Zanara. Du hast mich erschreckt.“ Gab Anneria unnötigerweise von sich, wobei das Lächeln leicht schief geriet und Zanara ein Schmunzeln entlockte. Die Hand hob sich wieder, um einmal durch das goldblonde Haar zu streifen. Zärtliche und liebevolle Gesten, die sie noch weniger gewohnt war als die liebkosenden Worte. Der Blick der braunen Augen fiel auf den Tresen und die Ansammlung der Krüge, die sich auf diesem befanden.

    „Du warst bereits fleißig. Warum machst du nicht weiter?“

    „Weil die Küche be … “ Und noch bevor die Nordländerin ihren Satz beenden konnte, hörte man aus der Küche ein leises und rhythmisches Klatschen. Mit vielsagendem Blick sah Anneria zu Zanara hinauf, die ihr nur beruhigend entgegen lächelte. Im Gegensatz zu ihr war es für die Blonde keine Ehre, seinen Körper zur Verfügung zu stellen, damit sich andere daran ergötzen konnten. Zaraye, die Schutzpatronin des Wüstenvolkes, war die Göttin der Lust und der Leidenschaft, wodurch man die ihr geweihten Zan-Kari oft in den Bordellen fand, wie dieses eines war.

    „Geh hinauf. Ich werde Eliette sagen, dass du etwas für mich von oben holen solltest. Geh auf dein Zimmer und ruhe dich noch etwas aus. Du siehst müde aus, Tazana.“ So sprach die Fürsorge aus der Stimme noch mehr, als die Worte es konnten. Einen kurzen, zweifelnden Blick erntete sie dafür, doch ergeben nickte Anneria dann und ließ sich vom Tresen hinab sinken. Die Schritte mit den kurzen Beinen führten sie rasch durch den großen Raum hindurch und die Treppe hinauf. Auch wenn sie es nicht wollte, musste es wie ein Rennen aussehen. Ein Rennen weg von ihrer Peinigerin. Den langen Gang ließ sie hinter sich und öffnete die Tür, die hinein in ihr Reich führte, um sie dann auch wieder hinter sich zu schließen. Ohne Rücksicht warf sie sich mit dem Rücken voran auf das Bett und starrte an die Decke. Das Gewicht des schmalen Körpers entlockte dem hölzernen Gestell keinen Laut. Zanara war die Einzige in diesem Haus, die freundlich zu ihr war und ihr so etwas wie eine Familie bot. Familie. Es war nur das Wort, dass sie kannte, denn niemals war sie in den Genuss einer Familie gekommen. Die Augen schloss sie, um die Gedanken zu vertreiben. Alle Mühe gab sie sich, um den Schlaf fern von sich zu halten, doch war er stärker als sie es war und entführte sie in sein Reich.

    Die Augen öffnete sie ruckartig und setzte sich abrupt auf. Der Blick ging panisch zum Fenster hin. Die Sonne stand noch recht hoch und so war sie sicher, dass sie nicht lange geschlafen hatte. Die rechte Hand legte sie auf die Brust, unter der ihr Herz wild pochte und die Augen schloss sie, um sich zur Ruhe zu zwingen, was ihr nur minder gut gelang. Tief atmete sie ein und wieder aus. Dann wieder und wieder, bis ihr Herz endlich aufhörte zu rasen. Die Füße setzte sie auf den Boden und erhob sich. Den Flur ging sie rasch entlang und nahm zwei Stufen der Treppe gleichzeitig, um in den großen Saal zu kommen, der den Schankraum darstellte. Ihren Blick warf sie als erstes auf den Tresen. Die Krüge standen noch dort, so, wie sie sie hinterlassen hatte. Ein weiteres mal atmete sie erleichtert durch und verlangsamte die Schritte, die sie hinter den Tresen, an den Regalen vorbei, die sich dort befanden, und schlussendlich in die Küche führten.

    Regale und Arbeitsflächen säumten die Wände. Eine Tür zwischen den Regalen führte in einen Lagerraum, den Anneria aber selten betreten hatte. Der große Ofen in der hinteren Ecke der Küche diente zum Aufwärmen der Speisen und des Wassers für die heißen Getränke. Eliette machte sich gerade an diesem zu schaffen. Holzscheite wurden durch die geöffnete Luke geschoben und in das Feuer hinein, welches gierig danach griff, um sie zu verschlingen. Die Frau war noch gekleidet wie zuvor, doch die Haare waren etwas unordentlich. Es dauerte einen Moment, eh der Neuankömmling in der Küche bemerkt wurde und die Gelbe drehte sich zu Anneria um. Die Augen funkelten, wie sie es stets taten, nachdem Lennier bei ihr war. Eigentlich war er nur der Wächter des Hauses, doch in Wirklichkeit war er der Marionettenspieler der Herrin.

    „Da bist du.“ Erklang die Stimme, die an Schärfe und Wut missen ließ. Es war, als hätte man die Frau gänzlich ausgetauscht. Ein Lächeln trugen die Lippen nicht, dafür waren die Züge aber entspannt. Wesentlich entspannter, als sie es noch zuvor gewesen waren. Hätte man sie entsprechend gekleidet, wäre sie auch als Adlige erkannt wurden, jedenfalls von ihrem Aussehen her. An ihrer Umgangsart würde sie stets auffallen.

    „Ja, Herrin. Ich werde nun abwaschen.“ Äußerte Anneria mit gesenktem Haupt und blickte dabei auf den Boden hinab. Sie erwartete schellte, doch stattdessen war es einige Momente ruhig. Nur das Knistern des Feuers, welches im Ofen brannte, erfüllte den Raum. Den Blick hob sie, als keine Antwort kam und blickte Eliette entgegen. Diese wiederholte ihr Nicken, welches Anneria dank des gesenkten Blickes nicht gesehen hatte und so machte sich die Blonde auch gleich an die Arbeit. Aus dem großen Wasserfass schöpfte sie mit einem einfachem Holzeimer Wasser und stellte diesen auf eine der Arbeitsflächen. Einige Male durchschritt sie die Tür, um die Krüge in die Küche zu holen und neben dem Eimer abzustellen, der ihr für den Abwasch dienen sollte. Als die Krüge schlussendlich alle ihren Standort gewechselt hatten, ließ sie sie in das Wasser hinein gleiten und begann sie abzuspülen, um sie dann auf der Arbeitsfläche zu stapeln, auf dass sie abtropfen konnten. Eliette beobachtete sie dabei, während sie neben dem Ofen stand. An die prüfenden Blicke der Frau hatte sie sich schon gewöhnt und so machte es ihr nichts aus unter Beobachtung zu arbeiten.

    „Wenn du fertig bist, machst du Zanara ihren Tee. Sie will welchen. Danach brauche ich ein paar Dinge vom Markt, die du besorgst. Wenn du das erledigt hast, säuberst du den Boden des Saales noch einmal und kümmerst dich auch um den Flur oben“ Hagelte es förmlich die weiteren Aufgaben für den Tag, was Anneria nur mit einem Nicken quittierte und sich nicht davon abbringen ließ, die letzten Krüge auch noch zu reinigen. Eliette gab sich zufrieden mit dem Nicken und verließ die Küche. Die Tür fiel hinter ihr zu und die Blonde atmete einmal durch. Die letzten beiden Krüge wurden gereinigt, dann stellte sie den Eimer mit dem Abwaschwasser unter der Arbeitsfläche im Schrank ab. Man würde es am Abend noch verwenden können.

    Noch einmal ging ihr Blick hin zu der Tür, die die Küche vom Saal trennte, dann trat sie heran an das Regal, in dem die wenig benutzten Trinkgefäße standen. Einige davon schob sie zur Seite und zog dahinter eine hölzerne, kleine Schachtel hervor, die sie neben dem Ofen auf die Arbeitsfläche stellte. Geschwind griff sie sich die eiserne Kanne, die sie stets für den Tee nutzte, und füllte diese mit Wasser, um sie in den Ofen zu schieben, nahe hin zu den Flammen, auf dass das Wasser heiß werden würde. Während das Wasser erhitzte, nahm sie sich einen Becher und öffnete das Schächtelchen. Ein süßlicher Duft kam ihr aus diesem entgegen. Darin lagen bröselige, längliche Blätter. Es sah nur aus wie Blätter, so hatte ihr Zanara berichtet. In Wahrheit war es von Bäumen geschälte Rinde, die man getrocknet und die sich bei diesem Vorgang zusammen gerollte hatte. Etwas von dieser gab sie in den Becher hinein, eh sie die kleine Schatzkiste wieder gut versteckte. Dann ging ihr Blick abwartend zum Ofen hin. Die Momente strichen vorüber, als wären es Jahre, so kam es ihr vor. Ein leises Pfeifen war hörbar und gab Anneria das Zeichen, dass das Wasser heiß genug war. Die Kanne nahm sie aus dem Ofen, um den Becher mit heißem Wasser zu befüllen und so das Hineingegebene in diesem zu ertränken. Der süßliche Duft wurde sogleich intensiver. Er umspielte ihre Nase und erfüllte die gesamte Küche. Mit einem vorfreudigen Lächeln griff sie sich den Becher und stellte die halb leere Kanne auf dem Ofen ab.

    Den Saal und den Korridor durchschritt sie, als wäre sie auf der Flucht vor einem Warthag, einem Monster oder nur auf der Flucht vor Eliette, was dem gleich kam. An die Tür klopfte sie, zu der sie ihre Schritte gebracht hatten. Eine Antwort wartete sie nicht ab, sondern betrat den Raum und schloss die Tür hinter sich. Umwenden musste sie sich nicht, um den Raum zu erkunden. Sie kannte die bunten Stoffe, die an den Wänden hingen und das große Himmelsbett in der Mitte des Raumes, welches ebenso mit leuchtenden Stoffen behangen war. Es wirkte wie eine andere Welt. Die großen Fenster ließen genug Licht herein, dass die Stoffe strahlen konnten. In einer Raumecke befand sich eine Trennwand und hinter dieser Waschutensilien. Es war für jeden ersichtlich, dass die Bewohnerin dieses Zimmers wie die Königin des Hauses behandelt wurde aufgrund ihres Wertes für dieses.

    „Anneria?“ Erklang die Stimme von hinter der Trennwand, noch bevor sich die Blonde herum gewendet hatte. Weiter trat sie in den Raum hinein, bedacht dabei den Tee nicht überschwappen zu lassen. Ihre silberblauen Augen richteten sich auf die Trennwand, hinter der Zanara auch schon hervor kam. Kein Stoff bedeckte den Körper. Sie war nackt und zeigte so offen die wohlgeformten Rundungen, ebenso die makellose und weiche Haut, die von einer dunkelbraunen Farbe war. Bis auf ihr Haupt war kein Haar am Körper zu sehen. Mit einem offenen Lächeln trat sie auf Anneria zu, so als wäre es das Normalste für sie, sich so zu zeigen und fürwahr war Zanara die Einzige, mit deren Nacktheit Anneria keine Probleme hatte. Den Becher hielt sie ihr sogleich mit einem Lächeln entgegen. Das braune Augenpaar richtete sich auf diesen und noch bevor es hinein blicken konnte, hellte sich schon die Miene auf. Der Duft hatte die fein geschnittene Nase erreicht. Die Hände griffen nach dem tönernen Trinkgefäß und Zanara hielt es sich direkt unter die Nase, um hörbar den Duft einzuatmen und dann zu ihrer Gönnerin zu blicken. Das Lächeln auf den Lippen der Dunkelhäutigen kannte sie und wusste auch, wie sie aussah, wenn sie erfreut war, doch diesen Ausdruck hatte sie noch nie im Gesicht der Freundin gesehen. Es strahlte förmlich.

    „Vielen Dank, Tazana.“ Haucht die Stimme mit hörbarer Rührung und ein kleiner Schluck wurde vom dampfenden Getränk genommen. Die Augen schlossen sich und das Gesicht bekam einen genießenden Ausdruck, als würden alle Wonnen der Welt über sie kommen.

    „Gerne, Zanara. Ich wollte dir einfach etwas von dem zurückgeben, was du mir immer gibst. Eliette sagte ja, ich sollte dir Tee mitbringen und dieser Händler … “ Die gehobene Hand unterbrach die unnötige Rechtfertigung Annerias und die so freie Hand schlang sich samt Arm um den so viel helleren und dünneren Leib. Fest drückte die dunkelhäutige Schönheit sie an sich, direkt an die Brust, und drückte ihr einen Kuss auf den Schopf, eh sich ihre Lippen dem Ohr näherten. Diese intime Nähe vermochte es, Anneria die Schamesröte auf die Wangen zu bringen. Es war neu für sie.

    „Geschunden und geschlagen bist du, aber nie zu kraftlos, um anderen eine Freude zu bereiten, Tazana. Du bist ein guter Mensch. Glaub nicht daran, was andere dir sagen, höre auf dein Herz. Ein reineres als dieses habe ich noch nie gesehen.“ Flüsterte die Stimme sanft und ließ Anneria schwer schlucken. Noch einige Momente dauerte die Umarmung an, dann löste sich Zanara auch schon wieder von ihr, um einen weiteren Schluck aus dem Becher zu nehmen, den sie in der linken Hand hielt. Mit feucht glänzenden Augen wurde sie dabei beobachtet.

    „Danke, Zanara.“ Sprach die Blonde leise, mit einer Stimme, die so zittrig war, dass sie jederzeit zu kippen drohte. Ein solches Kompliment hatte sie aus dem Mund eines anderen noch nie gehört. Ebenso wenig hatte sie erwartet, jemals solche warmen Worte zu hören, die ihr Herz wie die feinste Seide umspielte. Der Ausdruck auf dem Gesicht der Nordländerin war scheinbar aufgefallen, denn er entlockte Zanara ein Schmunzeln. Die Dunkle hob die linke Hand, während die rechte weiterhin den Becher hielt. Eine Strähne strich sie Anneria aus der Stirn und wanderte dann mit der flachen Hand streichelnd über die Wange.

    „Du befindest dich hier an einem Ort, der deiner nicht wert ist, Tazana. Das habe ich schon früh bemerkt und auch wenn ich die Gärtnerin war, die deine Blume zu sprießen brachte, habe ich doch nur Wasser hinzugegeben. Der Rest warst alles du. Du und dein Sein. Du und dein Geist.“ Die gesprochenen Worte waren die einer Priesterin, dem war sich Anneria sicher, und spielten darauf an, dass hauptsächlich Zanara es war, die sie aufzog wie eine Mutter, auch wenn sie nicht immer bei ihr sein konnte. Ein weiterer Grund, warum sie sich ihr so verbunden fühlte. Die Schmeichlerin wendete sich herum und trat mit einem Gang hin zu dem kleinen Tischchen, welches neben dem großen Bett stand, der eher einem Tanzen als einem Gehen ähnelte. Die Nordländerin konnte nicht anders, als diesen Bewegungen mit den Augen zu folgen. Einmal mehr verstand sie, was die Männer an dieser Frau fanden, wenn sie sogar sie in ihren Bann ziehen konnte.

    „I-ich … werde mich wieder an die Arbeit machen. Eliette hat mir einige weitere Aufgaben gegeben.“ Entschuldigte sich Anneria schon fast. Ob es nun für den Blick war oder dafür, dass sie gehen musste, war ihr dabei selbst nicht klar. Zanara wendete sich nicht herum. Sie drehte den Oberkörper so, dass sie über die Schulter hinweg zur Blonden sehen konnte. Das Lächeln war von den Lippen nicht geschwunden.

    „Tu dies, Tazana. Gib auf dich acht.“ Waren die verabschiedenden Worte der Wüstenbewohnerin, die Anneria dazu veranlassten, sich umzuwenden und dann das Zimmer zu verlassen. Als sie die Tür hinter sich schloss, lehnte sie sich erst einmal dagegen, um tief durchzuatmen. Dass sie ihr eine Freude machen würde mit dem Geschenk, für welches sie ihre gesamten gesparten Münzen gegeben hatte, das war ihr bewusst, doch nicht, dass diese Freude so intensiv ausfallen würde. Nach einem Moment der Ruhe trat ein dünnes Lächeln auf die Lippen der Blonden.

  • Die Rückeroberung Ravenports

    18.01.2022

    Der erste Hornstoß erklang. Das Zeichen, dass der Moment der Rückeroberung begonnen hatte. Sein Zeichen war es allerdings nicht. Ein Blick nach links und rechts zeigte ihm seine Brüder, die eng an eng standen, die Schilde noch locker am Arm hängend. Ein Wort würde genügen und sie würden diese heben, um voran zu marschieren. So weit er den Kopf unter dem Helm drehen konnte, tat er dies auch, gerade weit genug, um im Augenwinkel noch die junge Frau erkennen zu können, die sich dicht hinter ihnen befand. Wie auch er trug sie den weißen Adler auf himmelblauem Grund auf der Brust. Im Gegensatz zu ihren in Platte gehüllten Begleitern war sie in eine mit Leder verstärkte Robe gekleidet, lederne Handschuhe und Schulterpolster komplettierten das Bild. Das braune Haar, welches etwas kraus wirkte, hatte sie zu einem festen Zopf gebunden, dass es ihr nicht ins die Augen hängen konnte, wenn sie es am wenigsten brauchte. Auch wenn ihr Gesicht zeigte, dass sie jung an Jahren war, so wirkte ihr Blick doch entschlossen. Den seinen fing sie auf. Ein Nicken beider Seiten symbolisierte die Bereitschaft.

    Sein Augenmerk richtete er nach vorn, hin auf die bröckelige mauer, die vor ihnen lag. Einst hatte sie die Stadt mit einem schützenden Mantel eingehüllt, nun war sie jedoch gebrochen und ließ jene hindurch, die es sich wagten. Hinter den massiven Wänden aus Stein konnte man Rauch aufsteigen sehen. Von einem Späher hatte man vernommen, dass die Besetzer der Stadt damit begonnen hatten, die errichteten Barrikaden in Brand zu setzen, um den Rückerobern ein Hindernis mehr in den Weg zu werfen. Ob es zu diesem werden würde, würde sich zeigen müssen.

    Die Geräusche des Kampfes drangen dumpf durch den Helm hindurch an sein Ohr. Seinen Kopf drehte er nicht. Er wusste, dass man die Türme, nach denen man verschiedene Stoßtrupps gesandt hatte, rasch einnehmen würde. Erst dann war die Zeit für den Angriff der Hauptstreitmacht. Bis dahin würden sie sich noch gedulden müssen. Das leise Rascheln des Kettenhemdes seines Nebenmannes mischte sich in den Kampfeslärm hinein. Man hörte den Sang von Schwertern, die auf Schwerter treffen, surrende Pfeile und gar Explosionen konnte man vernehmen. Zweifelsohne waren sie magischen Ursprungs. Wie auch seinen Trupp, so hatte Magus Kronberg die anderen mit jeweils einem Magier ausgestattet, um die Schlagkraft zu erhöhen. Die junge Rebecca Fandrey hinter ihm war diesem Umstand geschuldet. Ihr Schutz hatte oberste Priorität. Zwar hatte er schon gesehen, dass auch ein Magier sich zu verteidigen wusste, doch würden sie unter dem Ansturm und der Anstrengung in die Knie gehen. Dies von ihr fern zu halten war mitunter ihre Aufgabe.

    Endlos schienen die Momente, die ins Land strichen. Ein Blick nach links offenbarte ihm ein gehisstes Banner. Jenes Ravenports war es, welches man als Zeichen der erfolgreichen Übernahme am Turm gehisst hatte. Damit waren es nur noch zwei. Fester packte er das Schwert in seiner Hand. Das Handgelenk ließ er leicht kreisen, um es zu lockern. Er würde es heute noch brauchen. Ein Ruf lenkte seinen Blick hin zur rechten Seite. Der weiße Adler flog durch den Himmel über einem der Türme. Das Banner Sheppards war gehisst. Nun war es nur noch der entfernteste Turm, der genommen werden musste.

    „Bereit machen!“, gab er lautstark Befehl. Wie seine Kameraden hob er den Schild mit einem Klacken eng an den Brustpanzer heran. Das Schwert blieb mit der Spitze noch gen des Bodens gestreckt. Er würde es erst auf den Schildwall legen, sobald es den Befehl zum Voranschreiten gab. Weitere lange Augenblicke vergingen. Diesmal musste er nicht sehen, ob das Banner über dem letzten Turm wehte. Der Hornstoß war das Zeichen, den Hauptangriff zu beginnen.

    „Vorwärts!“, folgte der nächste Befehl. Im Gleichschritt begannen sie voran zu marschieren. Der Stadtmauer näherten sie sich Schritt um Schritt. Ihre Stiefel hinterließen tiefe Spuren im Schnee, der die letzten Tage gefallen war. Bis weit über den Knöchel hinweg reichte er, darum war es umso wichtiger, dass sie Vorsicht walten ließen. Ihren Vormarsch durfte dies nicht stoppen. Dies tat es auch nicht. Langsam näherten sie sich dem, was von der Stadtmauer übrig geblieben war. Wo auch immer sich ein Hindernis ergab, riss der Schildwall für den Moment auf, um es zu überwinden und schloss sich dahinter wieder, als wäre er Wasser, welcher über einen spitzen Stein floss, nur um sich direkt dahinter wieder zu verbinden. Die Bresche war groß genug, dass sie im geschlossenen Verband hindurch marschieren konnten. Thalassische Worte drangen an sein Ohr. Fandrey war es, die hinter ihm die ersten Zauber vorbereitete. Es war ungewohnt, im Verband mit einer Magierin zu kämpfen. Die Zeit in der Grafschaft Springberg hatte ihm jedoch gezeigt, wie wichtig Magier waren. Sie waren nicht da, um ihnen ihre Aufgaben abzunehmen, sondern um sie zu ergänzen, sodass sie die Aufgaben besser und vor allem verlustärmer bewältigen konnten. Einige Reste von Holz trat er mit dem Fuß zur Seite. Sein Nebenmann ließ sie unter seinem Stiefel zerbersten.

    Die Bresche überwunden fanden sie sich in einer Nebenstraße. Die Stadtpläne hatte man ihnen zuvor zum Studium überlassen. So wusste er, dass es einige kleinere Gassen gab, in denen man sich ohne Weiteres verbergen konnte.

    „Schutzformation!“, brüllte er. Die Seiten des Schildwalles klappten zu den Seiten weg, um auch die Flanken abzudecken. Den Rückraum überließ man der Magierin. Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte ihm den leichten Schimmer, der diese umgab. Die Augen funkelten im arkanen Schein, während sie angestrengt und konzentriert wirkte. Zwar unterstand sie seinem Befehl, doch war er mit der Magie zu wenig vertraut, als dass er direkte Anweisungen für sie geben konnte. Er vertraute darauf, dass wusste, was sie tat.

    Weiter voran arbeiteten sie sich durch die Straßen. Je mehr sie gen des Stadtzentrums kamen, desto häufiger zeigten sich blutige Spuren im Schnee. Leichen jedoch waren nur wenige zu sehen. Er vermutete, dass die Schneedecke sie unter sich begraben hatten, direkt dort, wo sie niedergegangen waren. Um eine Ecke bogen sie. Vor ihnen zeigte sich eine provisorisch aufgebaute Barrikade aus halbhohen Kisten. Die Flammen hatten sich schon durch einen großen Teil hindurch gefressen. Der Rauch lag schwer auf der Stelle uud nahm ihnen die Sicht. Der perfekte Ort für einen Hinterhalt.

    „Aufpassen! Langsamer voran!“, ließ er erklingen. Der Schritt des Trupps verlangsamte sich etwas, während sie sich auf die flammende Barrikade zu begaben. Zu seiner rechten vernahm er einen Kampfschrei. Aus einer Seitengasse kamen drei leicht gerüstete Söldner. Ihre Bewaffnung und ihre Erscheinung war miserabel. Auf den Schildwall ließ man sie prallen. Es war kein Grund die Formation zu brechen. Disziplin war der größte Schild. Nach einigen Schwertstreichen waren die Angreifer erledigt. Kaum dass sie zu Boden gegangen waren, setzte sich der Schildwall in Bewegung. Als sie noch etwa fünfzig Schritt von der Barrikade trennten, erklangen thalassische Worte. Er konnte antizipieren, was das Vorhaben der Magierin war.

    „Schildwall brechen!“, sprach er zum Nebenmann. Zwischen ihm und diesem bildete sich einen Spalt in den Schilden, gerade breit genug, um die arkane Kugel der Magierin hindurch zu lassen. Kurz darauf schloss sich der Schildwall auch schon wieder. Einen Lidschlag später hörte man das Einschlagen der arkanen Kugel. Nicht nur, dass sie die Barrikade zerfetzte, sie zerriss auch den Schleier aus Rauch. Schmerzensschreie konnte man hören. Hinter der Barrikade hatten sich einige Söldner verborgen. Jene, die davon noch übrig waren, nahmen ihren Mut zusammen. Ein halbes Dutzend war es, welches mit erhobenen Äxten und Kolben auf sie zu rannte. Drei von ihnen fielen bereits auf dem Weg, als arkane Kugeln, wesentlich kleiner als es die vorige war, in ihren Körpern einschlugen, sodass sie mit dem Gesicht im Schnee landeten. Einer der drei hatte es genau auf ihn abgesehen. Der über den Kopf geschwungene Kolben wurde mit dem Schwert abgefangen. Jeweils eine Klinge von links und rechts bohrten sich dann in die Gedärme des Angreifers. Sofort zogen sie sich wieder zurück. Die zwei anderen Söldner hatten kein besseres Los gezogen. Wie das Korn eienr Sense, so fielen sie den Schwertern des Schildwalles zum Opfer. Über sie hinweg stiegen sie, um sich mehr in das Zentrum der Stadt zu begeben.

    Hundert Schritt später zeigte sich eine neuerliche Barrikade, allerdings hatte sie bereits länger in Flammen gestanden, sodass das Feuer nicht mehr viel über gelassen hatte, was ihnen hinderlich sein konnte. Die Rauchentwicklung reichte dennoch, um sich darin zu verbergen. Einen Schemen konnte er im Qualm nicht erkennen. Das Risiko eingehen wollte er nicht.

    „Fandrey!“, rief er aus und schon mit dem gesprochenen Namen öffnete sein Nebenmann den Schildwall. Kurz darauf war es eine weitere arkane Kugel, die hindurch schlug.

    „Gewehre!“, ließ er das nächste Wort folgen. Sein eigenes Schwert gescheidet griff er nach der Feuerwaffe, die an seinem Gürtel fertig geladen hing, um sie durch einen Spalt des Schildwalls zu schieben. Vor der Barrikade sank die arkane Kugel wuchtig in den Boden. Die Druckwelle vertrieb den Rauch, sodass sich das freie Feld dahinter zeigte. Einen Schuss feuerten sie aus diesem Grunde nicht ab.

    „Weiter!“, kommandierte er. Das Schießeisen wieder am Gürtel befestigt, zog er das Schwert. Mit der flachen Seite schlug er einmal auf die obere Schildkante. Das Zeichen, sich in Bewegung zu setzen. Die Stiefel des Trupps schoben sich weiter durch den Schnee. Die Nebenstraße vereinigte sich mit einer der Hauptstraßen Als sie um die Häuserecke kamen, zeigte sich vor ihnen das Feld eines Kampfes. Sheppardsche Truppen waren es. Es wirkte, als wären sie in einen Hinterhalt geraten, denn sowohl vor als auch hinter ihnen befand sich eine gute Zahl an Söldnern.

    „Schildwall brechen! Anstürmen! Für Tradition und Familie!“, übertönte seine Stimme den Kampfeslärm, um seinen Truppen den Befehl zum Vormarsch zu geben. Die Schilde lösten sich ebenso wie die Schultern voneinander. Die Schritte beschleunigten sich. Dort, wo man die Söldner durch den Ruf nicht gewarnt hatte, wurden sie zwischen den Schwertern der weißen Adler zermalmt. Jener vor Jonathan hatte sich umgewendet. Einen Gegner schien er bis dahin nicht gehabt zu haben. In seiner Lederrüstung konnte er sich nicht des puren Gewichtes erwehren, welches gegen ihn gewendet wurde. Mit einem Schlag des Schwertes wehrte der sheppardsche Streiter den Axthieb knapp zur Seite ab, um den schweren Schild gen des Kopfes donnern zu lassen. Deutlich war das Bersten von Knochen zu hören. Nur ein roter Fleck am Schild blieb über, als der Söldner zu Boden sank.

    „Mulcahy! Danke.“, erklang eine vertraute Stimme aus den vorderen Reihen. Einer der Offiziere war es, der ebenso wie Jonathan einen kleinen Trupp durch die Straßen dirigierte. Ein Schlag mit dem Schwert gen des eigenen Schildes schickte er ihm zur Erwiderung des Dankes entgegen. Da nach vorn abgesichert war, drehte er sich um. Zufrieden stellte er fest, dass sich Fandrey sicher zwischen vier der schwer gerüsteten Männer befand. Schon vor Eintritt in den Kampf hatte er sie abgestellt, um im Falle eines Vorstoßes die Magierin abzusichern.

    „Weiter!“, hörte er die Stimme des anderen Offiziers, der seine Truppen weiter gen des Stadtzentrums bewegte.

    „Sammeln!“, gab er seinem eigenen Trupp Anweisung. Die Magierin diente als Sammelpunkt. So vereinte sich das eiserne Dutzend wieder, die Schilde wachsam erhoben. Die junge Frau, deren normale, dunkelgrüne Augenfarbe sich zeigte, nickte dem Truppführer als Zeichen des Wohlergehens zu. Die Straßen hinter ihnen waren sicher. Der Weg würde also nach vorn führen, als Verstärkung des vorangegangenen Trupps. Gerade als er den Befehl geben wollte, bemerkte er etwas aus dem Augenwinkel. Ruckartig wi der Kopf eines Vogels wendete sich der seine um. Wäre ein Teil des Schnees nicht durch das Blut rot gefärbt gewesen, hätte sich die Krähe, die auf einer Verwehung saß, perfekt in diesem tarnen können, denn ihr Gefieder war von einer schneeweißen Farbe. Als hätte sie ihren Beobachter bemerkt, machte sie einen Hopser von der Schneeverwehung hinab. Statt sich ins Freie zu begeben, drückte sie sich durch den Spalt, den ein geborstener Türrahmen gerade so als Eingang hinterließ.

    „Jon?“, erklang es fragend von einem seiner Männer. Die rechte Hand hob er, um ihm zu symbolisieren, dass er ruhig sein sollte. Kein weiteres Wort kam mehr von ihm. Langsamen Schrittes begab er sich auf das Haus zu, in welchem die weiße Krähe verschwunden war. Das Licht zeigte nur wenig des Innenraumes hinter den in den Türrahmen gestürzten Balken. Ein beherzter Tritt änderte dies. Mit einer Wolke aus Splittern und Steinstaub schossen die Reste des Trägerwerkes in den dahinter liegenden Raum hinein. Die Augen engte er, um mehr erkennen zu können, nur um sie im nächsten Moment zusammen zu kneifen. Die Hand Fandreys streckte sich an ihm vorbei, im Inneren eine kleine Kugel schimmernden Arkans, welches Licht spendete. Nach einigen Malen des Blinzelns hatte er die Punkte in der Sicht vertrieben. Sein Blick ging wachsam durch den verwüsteten Raum. Einen Tresen konnte man erkennen, hinter dem große Schränke sich bis zur Decke erhoben. Auch die restlichen Wände waren mit solch Vorrichtung ausgekleidet. Es schien sich um einen Laden gehandelt zu haben. Was er genau verkaufte, das konnte er nicht sagen.

    Einen Schritt hinein setzte er. Der mit Dielen verkleidete Boden knarzte unter seinen schweren Stiefeln. Noch einen Schritt mehr machte er hinein. Vorsichtig war er dabei, immerhin konnte man nicht wissen, wie sehr der Boden in Mitleidenschaft gezogen war. Ein Einbrechen in diesen wollte er vermeiden. Auch die Magierin folgte ihm, sodass er durch den Laden sehen konnte. Der eigentliche Grund seines Eintreten war nicht mehr zu sehen. Kein weißes Gefieder, keine weiße Feder oder gar eine Spur der Krähe konnte er erkennen. Dafür etwas hinter dem Tresen, was ihm seltsam erschien. Einer der Schränke war leicht nach vorn gerückt aber ansonsten unangetastet, im Gegensatz zu jenen daneben.

    „Seltsam.“, sprach er leise vor sich hin. Den Tresen oder eher das, was davon übrig war, umrundete er, um dahinter zu gelangen. Das Schwert gescheidet packte er das Regal an einer Seite. Das Rütteln daran offenbarte ihm, dass es an einer Seite locker war. Nach einem kurzen Sammeln riss er daran. Ein Stück weiter in seine Richtung bewegte sich das Mobiliar. Es war nicht nur dieses, welches er bewegte, sondern auch gleich die Wand dahinter mit. Eine Geheimtür. Noch einige Rucke, dann öffnete sich diese so weit, dass er hindurch gleiten konnte. Auf dem Absatz einer schmalen Treppe befand er sich. Der Abgang lag ihm Dunkel. Jedenfalls bis die arkane Kugel der Magierin an ihm vorüber schwebte, um ihm Licht zu machen. Da sie es selbst nicht konnte, schickte sie ihre Magie voraus. Ein dankbares, kurzes Nicken, dafür reichte noch die Zeit, bevor er die Stufen nahm. Nicht nur einmal schabte dabei der Schild an der Wand entlang. Für gerüstete Männer war diese Treppe nicht erbaut worden. Zwei Schritt führte die Treppe unter die Erde. Einen kleinen Raum machte sie somit betretbar, in dem einige Fässer, Kisten und auch ein größeres Regal stand, wie er dank der Beleuchtung feststellte. Das Ungewöhnlichste war jedoch ein Sack, der im Gegensatz zum aufgeräumten Eindruck achtlos auf dem Boden lag. Näher an diesen heran trat er, um davor ein Stück weit in die Knie zu gehen. Langsam hob er den festen. Was sich ihm darunter zeigte, ließ ihn einmal den Atem scharf einziehen. Es war eine Leiche. Die einer jungen Frau. Dank des schon längeren Ablebens war ihre Haut weiß , wie es der Schnee war. Der teuer wirkende Stoff eines vormaligen Kleides hing wie Lumpen an ihr. Jedenfalls dachte er, dass sie tot war. Ein Blick auf die kaum bedeckte Brust verriet ihm, dass sie noch atmete. Ganz flach und langsam, aber sie lebte. In das fein geschnittene Gesicht blickte er, welches umgeben war von rotblondem, von Ruß und Dreck verkrustetem Haar. Es war ein Wunder, dass sie noch nicht tot war. Seine plattene Hand legte er an ihre Wange. Genau in diesem Moment riss sie die Augen auf. Von einem eisigen Blau waren diese, dass es einem frösteln konnte, wären da nicht die grünen Sprenkel, die sie durchzogen wie Inseln in einem Eismeer. Sie starrte ihn an für lange Momente, dann bewegten sich lautlos ihre Lippen.

    „Ich bin hier um euch zu helfen.“, wisperte er mit versucht sanfter Stimme, was ihm in dieser Situation nicht recht zu gelingen vermochte. Die zierliche Hand packte ihn am Handgelenk. Näher beuge er sich zu ihr.

    „Sie kommen.“, sprach sie noch, bevor sich ihre Augen wieder schlossen. Die Hand sank leblos hinab. Dort, wo sie ihn gegriffen hatte, konnte er einen sanften Schimmer auf der Rüstung erkennen. Von einem warmen, gelblichem Schein war dieser. Noch etwas tiefer beugte er sich. Ganz leise konnte er den Atem hören, den sie ausstieß. Sie lebte. Ein zweites Mal zu seinem Erstaunen.

    „Jon!“, erklang ein Ruf von oben, der ihn sogleich sich aufrichten ließ. Hier war sie sicher. Die Treppen hinauf marschierte er, wobei das Holz sich mit einem wehleidigen Knarzen bedankte. Rebecca hatte den Verkaufsraum schon verlassen. Auch er trat in das freie. Um den Eingang hatte das Dutzend einen Halbkreis mit den Schilden gebildet. In der Mitte der Straße gab es Bewegung. Dort, wo sie noch immer gestanden hätten, wären sei nicht an das Haus heran gegangen, brach die Schneedecke auf. Hände brachen hervor, die sich einen Weg an die Oberfläche suchten. Auch die Leichen, die auf dem gefrorenem Weiß lagen, regten sich wieder. Untote. Sogleich drückte er sich in den Schildwall hinein.

    „Standhalten, Männer!“, motivierte er seine Schwertbrüder. Das Schwert gezogen legte er es auf die Schildkante auf. Der Schimmer, der sich zuvor noch auf seinem Rüstteil befunden hatte, glitt wie ein Feuer hin zur Hand, dann gen des Schwertes in dieser. In einen kaum wahrnehmbaren Schein tauchte es sie. Lichtmagie, dem war er sich in diesem Moment sicher. Im nächsten Moment prallte schon die erste Horde an Untoten auf den Schildwall. Kraftvoll drückte er die wandelnde Leiche eines alten Mannes von sich, um ihm dann das Schwert zielsicher in den Kopf zu stoßen. Als würde es sich in das unheilige Fleisch brennen, glitt der Stahl hindurch, sodass er kaum Mühe dabei hatte, ihn zurückzuziehen. Gerade noch rechtzeitig war es, um den Schild wieder ordentlich zu heben. Der Schlag des Kolbens eines untoten Söldners ließ seinen Arm erzittern, doch hielt er ihm stand. Ein Schlag von schräg oben spaltete den Kopf des Angreifers nahezu in zwei Hälften. Nun endgültig leblos floss er von seinem Schild hinab. Mit der Wand in ihrem Rücken konnte sie nicht umzingelt werden, sodass sie sich vollkommen auf den Kampf vor sich konzentrieren konnten. Eine weitere Welle der Untoten brandete gegen den Wall au Holz und Stahl, um zu brechen. Ein gezielter Stich gen der Kehle machte dem nächsten Gegner unschädlich. Eine große Zahl von ihnen würde noch folgen. Die große Anzahl ließ darauf schließen, dass sich hier ein Großteil des Eroberungskampfes abgespielt hatte. Gerade als er einem weiteren Untoten den Schild wuchtig gegen den Kopf schlug, um ihn nach hinten zu treiben, schlug im hinteren Teil der Traube etwas ein. Teile flogen davon, die einst menschlich waren. Ein kurzer Blick nach hinten zeigte ihm, woher dies kam. Fandrey hatte sich in das obere Geschoss des Hauses begeben. Durch das Fenster hindurch ließ sie arkanen Beschuss auf die untote Horde regnen. Damit waren sie zumindest etwas entlastet. Es war kein Kampf, der ihre Stärke testen würde, sondern ihre Ausdauer. Davon hatten sie genug. Diesen Teil der Straße würden sie gegen die Wiederauferstandenen halten.

    So schnell er es konnte setzte er einen Fuß vor den anderen, um in Richtung des gewiesenen, provisorisch eingerichteten Lazaretts zu schreiten. Es war mittlerweile weit nach Mitternacht. Der Kampf hatte endlich ein Ende gefunden. Eine gefühlte Tausendschaft an Untoten hatte ihren Platz vor dem Haus gepflastert. Keiner seiner Männer war gefallen. Einige kleinere Verwundungen gab es zwar, doch waren sie nicht von Belang. Nichts, was sie nicht aushalten würden. Anders als die Frau, die er auf Armen trug. Den Stoff, der den Eingang verbarg, schob er halbherzig mit der Schulter zur Seite, um sich ins Innere zu begeben. Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an das helle Licht der aufgebauten Lampen zu gewöhnen. Als sie es hatten, sah er auch schon in ein bekanntes Gesicht. Silberblaue Augen blickten erst ihm streng entgegen. Den Helm hatte er schon vor einiger Zeit einem Kameraden überlassen, sodass er besser atmen konnte. Das braune Haar mit dem roten Stich hing ihm nass in die Stirn.

    „Ich habe nichts abbekommen, Alanna.“, versicherte er ihr. Es reichte, um sie verstehen zu lassen. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um. Er folgte ihr hin zu einer freien Pritsche, auf der er die Frau auf seinen Armen bettete, als könnte die kleinste Erschütterung sie zerbrechen. An der Blässe hatte sich nichts geändert, glücklicherweise aber auch nichts am Atem. Seine Schwester machte sich gleich daran, die üblichen Schritte durchzuführen, wobei sie auch eine Decke über die Patientin schlug.

    „Unterernährt, unterkühlt und krank. Sie ist sehr schwach. Was sie genau hat, kann ich aber nicht sagen.“, stellte sie nach einigen weiteren Handgriffen fest. Ihren Blick richtete sie wieder auf ihn. Ohne etwas zu sagen trieb sie ihn damit einige Schritte zurück. Die Erschöpfung machte sich immer mehr in ihm breit. Wie auch seinen Helm, so hatte er den Schild einem Kameraden überlassen. Das zusätzliche Gewicht hätte ihn nur gestört und in diesem Moment noch dazu weiter ermüdet. An ihm vorbei trat die Rothaarige, die um einiges kleiner war als er. An einen Tisch trat sie, um einige Sachen zu holen. Mit diesen in der Hand ging sie an ihm vorüber.

    „Du stehst im Weg.“, ließ sie ihn dabei wissen. Genug Platz hatte sie, um sich zu bewegen, dem war er sich sicher. Ein Blick rundherum unterstrich diese Annahme. Es war eines der Lagerhäuser, welches man als Lazarett nutzte. Es gab genügend Raum. Glücklicherweise gab es nicht viele Verletzte, zwischen denen die Ärzte gingen, um ihnen bestmöglich zu helfen. Als er seinen Kopf wieder zu Alanna drehte, war es genau rechtzeitig, um auf das Gefäß zu sehen, welches sie ihm entgegen hielt. Fragend sah er sie an.

    „Trinken.“, kam es von ihr. Der Ton war fordernd und einschüchternd. Selbst bei den Offizieren hatte er einen solchen noch nicht gehört. Schon immer war sie stur. Was sie wollte, dafür setzte sie sich ein und in den meisten Fällen auch durch. Erst dadurch hatte sie sich noch in Westfall genügend Zeit für ihre Bücher geschaffen. Die Arbeit für das Haus Sheppard hatte sie aber stärker noch gemacht. Aus dem Stein war härtester Stahl geworden. Das Gefäß setzte er an seine Lippen. Da er es schon erwartete, schloss er die Augen und hielt den Atem an, als er das ekelhafte Gebräu herunter kippte. Ein Schütteln des Kopfes unterdrückte er. Es war widerlich. Das Gefäß nahm sie ihm aus der Hand, dann stieß sie ihm die Hand gegen die Brust. Er war so unvorbereitet darauf, dass er nach hinten stolperte.

    „Nun setz dich hin. Du verblutest sonst noch.“, sprach sie ihm entgegen, gerade als er mit dem Rücken gegen einen Balken stieß. Schmerz schoss in ihm hinauf. Es war jedoch nicht jener vom Aufprall in seinem Rücken. Die Augen schloss er. Das Schwarz umfing ihn und riss ihn mit sich.

  • Die Schlacht um Ravenport

    21.12.2021

    „Mögen Adler und Rabe uns schützen. Für Familie und Heimatland!“, kam es von dem Dutzend gerüsteten Männern in blauer Uniform wie aus einer Kehle, dann stürmten sie voran. Die Schilde hatten sie fest vor sich gehoben, sodass sie einen ersten Aufprall abfangen konnten. Ihre Klingen lagen oben auf, um einen ersten Stich setzen zu können. Die Kolben waren nach unten gestreckt. Zwei Reihen hatten sie auf sein Geheiß hin gebildet. Jene Streitkolben bildeten die erste, sodass sie genügend Platz für ihren ersten Schwung hatten, während die zweite Reihe über ihre Schultern hinweg zustechen oder schlagen konnte. Im Angesicht des Feindes verloren sie nicht ihren Mut. Es waren nur Söldner, die ihnen gegenüberstanden, auch wenn sie sich bewusst waren, dass sie von finsteren Kreaturen unterstützt wurden.

    Die letzten Meter wurden genommen. Wie eine Wand aus Schilden preschten sie in die Feindesreihe hinein. Die Kolben schwangen nach oben, ließen erste Knochen brechen und auch einen Unterkieferknochen konnte er durch die Schlitze seines Helmes davonfliegen sehen. Hatte die erste Reihe ihre Schläge gesetzt, fächerte sie leicht auf, um den Soldaten der zweiten Reihe ihren Platz zu geben. Mit einem gezielten Stich setzte er nach. Die Spitze seines Schwertes traf sein Gegenüber präzise zwischen die Augen. Er konnte spüren, wie er durch das weiche Auge, den harten Schädel und tief in diesen hinein drang. Zu tief ließ er die Klinge nicht gleiten. Um sie schnellstmöglich einsatzbereit zu haben, zog er sie wieder zurück. Dort, wo der erste vor ihm gefallen war, nahm ein zweiter seinen Platz ein. Ein einfaches Kurzschwert und einen etwas ramponierten Holzschild trug er bei sich. Die Überraschung des ersten Ansturms hatten sie verloren. Nun hatten die Söldner ihre Schilde oben, um sich besser verteidigen zu können. Einen ersten, prüfenden Schlag von oben setzte er, ohne viel Kraft und Schwung. Am Schild prallte er ab und als wäre es ein Spiegel, vollführte auch sein Gegenüber mit einem Grinsen auf den Lippen den gleichen Schlag, doch wesentlich kraft- und schwungvoller. Den Schild stemmte der Blaue dem Schwert entgegen. Leicht schräg ließ er es daran abgleiten und nutzte die Bresche. Das eigene Schwerte schnellte vor. Die Spitze drang durch den ledernen Kürass tief in das Fleisch hinein. Ein schmerzerfülltes Aufheulen folgte dem, sowie ein panischer Schlag mit der Schildkante, dem er mit einer leichten Drehung des Oberkörpers zur entgegengesetzten Seite ausweichen konnte. Der nun nutzlos herabhängende Schwertarm des Gegner gab ihm in Kombination mit dem voran gestreckten Schild mehr Raum. Diesmal war es ein Hieb, den er setzte, von links nach rechts. Zwar konnte er spüren, wie seine Hand im Schwung gegen den feindlichen Schild prallte, doch traf der gewetzte Stahl. Säuberlich schnitt er in den Hals. Den Widerstand der Wirbelsäule überwand er. Nicht gänzlich enthauptete er ihn, sondern zog zuvor die Klinge zurück. Leblos sank der Söldner vor ihm zu Boden. Ein kurzer Moment des Verschnaufens, der ihm auch einen flüchtigen Blick über seine Männer erlaubte. Mindestens zwei tote Leiber lagen vor einem jeden. Das Kampfesgeschick und die Disziplin obsiegten über die pure Masse. Den Schlag des Zweihänders Finger er gerade so mit dem horizontal über den Kopf gestreckten Schwert ab, wobei es einiger Kraft bedurfte, das massive Gewicht abzufangen, welches wuchtig geführt wurde. Ein Schwert brauchte er nicht, um Schaden anzurichten. Die Schildkante stieß er voran, genau auf die Kehle seines Gegenübers gezielt, der zurücktaumelte. Statt ihm zu folgen, hob er den Schild gleich wieder und legte die Klinge oben auf. Nichts würde ihn dazu bringen die Linie zu verlassen. Einen zweiten Schlag würde er so abfangen können und so schon seine Gelegenheit bekommen, den finalen Stoß auszuführen. Den brauchte es aber nicht mehr. Röchelnd sank sein Kontrahent zu Boden. Ein Fuß, der auf seinen Rücken gesetzt wurde, drückte ihn in den Dreck hinab. Dank des Gewichtes des schweren mit Plattenteilen verstärkten Kettenhemds konnte der neue Gegner die Hürde problemlos niedertrampeln, um auch seine Chance gegen den blauen Vorhang zu erhalten, der sich vor ihm befand. Den großen Schild hatte er seinem Gegenüber gleich erhoben. Nur die Klinge hielt er viel eher gen Boden gerichtet. Diese Gebärden zeigten ihm, dass es sich nicht nur um einen gemeinen Söldner handelte, sondern einen Veteranen, der zum Söldnertum aufgestiegen war. Oder abgestiegen, je nach Perspektive. Den linken Fuß setzte erweiter nach vorn, während der rechte abgewinkelt nach hinten geschoben wurde, um mehr Druck auf den Schild zu bekommen, denn einen Moment später prallte jener des Söldners auch schon gegen ihn. Eine Kraftprobe sollte es werden. Etwas weiter schob er sich zur rechten Seite hinter dem Schild, sodass die Schwerthiebe, die an der linken Seite daran vorbei geführt wurden, ins Leere gingen. Sein Gegner war allerdings nicht so schlau. Die linke Seite war zwar geschützt vom Schild, doch konnte die Klinge problemlos dahinter gebracht werden. Statt auf den vom Kettenhemd geschützten Leib zielte die Spitze des Schwertes auf das Knie. Mit Erfolg. Einen Aufschrei gab er von sich. Der Druck gegen den eigenen Schild ließ nach. Den eigenen Körper beugte er etwas zurück, um ihn dann ruckartig wieder nach vorn zu schieben. Holz prallte auf Holz. Das Metall sang in diesem Moment ein Lied zum Untergang des Gerüsteten Söldners, der unter der Wucht einknickte. Kaum dass er auf die Knie gesunken war, trieb sich das Schwert schon durch seinen Sehschlitz des Helmes hindurch. Nachdem sie zurückgezogen wurde, sank er leblos zur Seite weg.

    „Mulcahy! Sie zerstreuen sich!“, erklang eine Stimme neben ihm. Die genaue Position konnte er nicht ausmachen. Es war jedoch ihr Zeichen, weiter vorzurücken.

    „Schildwall! Vorwärts!“, gab er befehlend von sich und kaum dass die letzte Silber verklungen war, spürte er einen Ruck von links wie auch von rechts. Schulter an Schulter, Schild an Schild standen sie. Erst als das Bollwerk geschlossen war, gingen sie im Gleichschritt voran. Der kleine Trupp war nicht der einzige, der so vorging. Die Truppen des weißen Adlers auf blauem Grund marschierten weiter, hin zu den belagerten Toren der Stadt, die sie zu beschützen versuchten. Die schweren Schritte bewegten sich voran, hin auf die nächste Welle des Feindes zu. Die große Ramme am Tor Ravenports war schon ersichtlich.

    „Mulcahy, Sunderlan, unterstützt die Ritter an der Brücke. Der Rest mit mir zum Rammbock!“, erklang die Stimme des Kommandanten über das Getose hinweg. Laut und klar war sie, wie stets. Etwas, was er bewunderte und ein Ansporn für ihn, sich noch weiter zu verbessern, um auch einmal an dieser Stelle zu stehen.

    „Rechts um! Schildwall an der Brücke!“, gab er den Befehl an sein Dutzend weiter. Während der Mann an der linken Seite die Schritte verlangsamte, beschleunigte sie jener an der rechten, sodass sich wie in einer einstudierten Choreographie der Schildwall drehte, um sich gen Brücke auszurichten. Der immer wieder auf die Festungsmauern prasselnden Geschosse der Mangen im Wald begleiteten sie. Direkt neben den Rittern bezogen sie Stellung. Noch war vom Feind nichts zu sehen. Sir Bliss von Weidenstein konnte er bemerken. Für einen Gruß der Edeldame fehlte jedoch die Zeit und die Aufmerksamkeit. Diese war direkt nach vorn gerichtet. Angespannt lauschte er, während sein Atem durch den Helm hindurch weiße Wölkchen in der Luft bildete. Es war kalt. Ein Umstand, den sein schweißgebadeter Körper in diesem Moment umso fester zu fassen bekam.

    „Runter!“, erklang eine Stimme, die er nicht zuordnen konnte, neben ihnen. Nun vernahm er auch das Surren.

    „Pfeilwall!“, gab er sogleich lauthals Befehl. Die Kolbenträger machten einen Schritt nach vorn, sodass wieder zwei Reihen gebildet wurden. Eng rückten sie aneinander. Während die vordere Reihe in die Knie ging, um ihre Schild für Unterkörper und Torso schützend zu halten, rückte die hintere Reihe nah auf. Die eigenen Schilde hielt sie vor ihre Waffenbrüder, sodass auch deren restlicher Oberkörper und Kopf geschützt waren, während sie sich selbst hinter den Schilden verbargen. Gerade rechtzeitig. Pfeile schlugen in die Schilde. Mulcahy veranlasste es, sich fester entgegen zu stemmen. Hinter dem Schild ging der Blick über die Mannen. Alles lag im Dunkel. Es war ein gutes Zeichen dafür, dass der Schildwall dicht war und dies musste er auch ein. Ein verirrter Pfeil konnte durch die kleinste Lücke schlagen und den Wall brechen. Seine Mannen hatte er in den letzten Monaten gut genug trainiert, als dass dies nicht passierte.

    „Ghule!“, erklang eine Stimme aus dem Wall. Das Feuer der Bogenschützen hatten sie genutzt, sodass sich die Untoten ihnen im Schutze dessen nähern konnten. In ihrer Position würden sie zwar am Schildwall abprallen, allerdings wäre es schwierig, genügend Schaden anzurichten.

    „Gewehre!“, erklang sein Befehl. Es kam Bewegung in den Wall und auch er zog seine Kampfflinte. Kleinste Löcher wurden gebildet, um die Läufe der Waffen hindurchführen zu können. Den Kopf hob er ein Stück weit, sodass er gerade genug über die eigene Schildkante hinwegsehen konnte, um das Schlachtfeld zu betrachten. Im schnellen Tempo kamen die untoten Missgestalten auf sie zu. Wenige Meter waren es nur noch. Er wartete ab. Eins. Zwei. Drei.

    „Feuer!“, brüllte er und schon hörte man Schießpulver explodieren. Ein Schleier aus Schrot schoss den Ghulen entgegen, durchlöcherte sie und schickte einen großen Teil von ihnen zu Boden. Die hintere Reihe kam für einen Moment ins Stolpern, fing sich aber schnell wieder. Es war ein kleines Zeitfenster, welches er nutzen konnte.

    „Schildwall! Schwerter nach vorn!“, erklang sein Befehl. Die hintere Reihe zog die Schilde zurück, dann schob sich die vordere so weit auf, dass die hintere hindurch konnte, um selbst zur vorderen Reihe zu werden. Die Mauer an Schilden schloss sich sogleich wieder.

    „Hintere Reihe weiteres Feuer!“, brüllte er den nächsten Befehl, kurz bevor die erste krallenbewehrte Klaue auf seinen Schild traf. Nach vorn drückte er diese, dann stieß sein Schwert unter dem Schild hinweg aufwärts, genau von unten in den Schädel des Untoten hinein. Von der dunklen Magie verlassen sank er zu Boden, um den Blick auf den nächsten freizugeben, dem gerade der Arm einer seiner Brüder eine Ohrfeige verpasste, die ihn nicht störte. ^Der Schwertstreich, der ihn von der rechten Schulter bis zur linken Hüfte teilte, dann umso mehr. Nach dem Hieb zog er sich sofort wieder hinter den Schild zurück. Vereinzelt konnte man noch Pfeile durch die Luft surren hören. Glücklicherweise verfehlten sie sie oder aber erlitten das gleiche Schicksal wie die anderen Pfeile in ihren Schilden. Einem weiteren heranstürmendem Ghul stieß er die Klinge in den Oberkörper. Niederstrecken konnte er das untote Wesen damit nicht. Es warf sich mit voller Wucht gegen seinen Schild. Die Klauen versuchten daran vorbei das lebende Fleisch zu finden. Ein Stich von der Seite in den Hals ließ die Bemühungen des Ghules abflauen. Erst der Knaufschlag, der ihm den Schädel zertrümmerte, schickte ihn zu Boden. Gerade als der untote Angreifer fiel, brach aber auch etwas anderes zusammen. Es war nicht das Tor, denn die Ramme war zerstört wurden, die es bedrohte. Ein Stück der Mauer war unter dem stetigen Feuer eingebrochen. Die Belagerer hatten das geschafft, was sie vor hatten. Eine Bresche. Das Gebrüll Cartwrights war zu hören. Kurz darauf die Rufe der sheppardschen Adlertruppen.

    „Mulcahy, Rückzug decken, dann folgen! Rest zur Bresche!“, wurden die Worte vom Kommandanten gebrüllt. Der andere Truppe neben ihnen und auch die Ritter folgten dem Befehl sogleich. Der Strom an Ghulen war derweil abgebrochen. Nun würde sich die hauptsächliche Schlacht auf die Bresche beziehen. Einige Momente wartete er noch ab.

    „Rückwärts Marsch! Schildwall halten!“, gab er brüllend Befehl. Während sie Schritt um Schritt mit Blick nach vorn nach hinten machten, begaben sie sich wieder in die Formation des vollen Dutzends Schilde. Nur langsam Schritten sie voran, fanden die Schuhe immerhin statt Boden öfter auch Blut oder Leichenteile. Erst jetzt offenbarte sich ihnen das Bild des Kampfes vor dem Tor. Nur vereinzelt konnte man Blau zwischen den Söldnerleichen sehen. Da reckte sich etwas.

    „Halt!“, schrie er und mit einem Ruck kam der Schildwall zum Stehen. Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte ihm, dass der Weg zur Bresche hin frei war. Man hatte bereits Verteidigungslinien vor dieser gebildet. Wieder voran richtete sich der grüne Blick. Sein Schwert umgriff er fester. Noch einmal regte sich dort etwas. Er verstand. Die Schützen auf den Wällen waren alle hin zu den Seiten der Bresche abgezogen. So lag es nun an ihnen.

    „Macht euch bereit!“, warnte er vor. Eine Frage gab es nicht von seinen Männern, warum sie hielten oder sich bereit machen sollten. Ihre Augen waren starr nach vorn gerichtet. Jene, die erst vor einigen Minuten gefallen waren, begannen sich wieder zu erheben. Langsam, aber stetig. Von neuer Kraft erfüllt waren sie. Ihre Waffen griffen sie, als hätten sie sie nur abgelegt, um zu ruhen. Glücklicherweise war es nicht der gesamte Trupp, der wiederauferstand, sondern nur ein Teil. Blutende Wunden zierten sie ebenso wie abgetrennte Gliedmaßen. Gar gab es einen Mann, der sich auf dem Boden kriechend bewegte, hatte man ihm beide Beine knapp unterhalb des Knies abgetrennt.

    „Angriff!“ Mit diesem Ruf stürmte der Schildwall voran. Einige Schritte genügten ihnen, um Geschwindigkeit aufzunehmen. Die erste Reihe der neu Auferstandenen wurde umgeworfen. Äxte, Schwerter und Kolben hieben nach den untoten Leibern, um sie endgültig zur Ruhe zu betten. Jenem vor sich trieb er die Klinge durch den Schädel, zog sie zurück und hob sie rechtzeitig, um einen ankommenden Schlag des nächsten zur Seite abzulenken. Der stummelige linke Arm der Leiche bewegte sich, als würde sie einen Schild halten, doch war dort keiner, mit dem sie sich gegen das Schwert schützen konnte, welches ihr den Kopf sauber von den Schultern trennte. Der Körper viel zu Boden. Sogleich wurde er niedergetrampelt von einer großen Gestalt. Gute zwei Meter war sie und überragte Mulcahy damit. Die schwere Keule, die der Hüne führte, war furchteinflößend. Noch einen Schritt, dann hob sich diese weit über den Kopf, um sie mit dem nächsten auf den Adlerkrieger zurasen zu lassen. Würde er sie versuchen mit dem Schild abzufangen, so würde sie ihm den Arm brechen, das war ihm bewusst. Er musste die Gelegenheit nutzen. Einen großen Schritt nach vorn machte er, mit dem er sich aus der Formation löste. Etwas, was eigentlich undenkbar für ihn gewesen war, doch erforderte es der Moment. Im nächsten Zug riss er die Klinge von rechts nach links. Die Keule sank auf ihn nieder. Gerade rechtzeitig konnte er noch den Schild heben, sodass die Waffen mit der daran hängenden, abgetrennten Armen daran herabgleiten konnte, was ihn in die Knie schickte. Einen Moment der Ruhe hätte er gebrauchen können. Die Arme schmerzten und auch seine Beine waren durch die Belastung von Schmerz durchzogen. Diesen Moment konnte er sich allerdings nicht leisten. Mit einem Hechtsprung nach hinten fand er in die Formation zurück. Der nun armlose Hüne folgte ihm. Er versuchte sich mit dem Gewicht gegen ihn zu werfen. Die standhafte Stellung nahm er ein, um den Aufprall abzufangen. Wesentlich geringer fiel er aus, als er es erwartet hatte. Es war nur der Oberkörper, der gegen seinen Schild geflogen war. Eines der Beine getrennt vom restlichen Körper stand noch da. Ein Nebenmann hatte sich um das aufkommende Problem gekümmert.

    Ein Hornstoß ließ ihn den Kopf wenden. Als sich das Tor darauf öffnete, übersah er noch einmal den Platz vor diesem. Der Rammbock stand zwar noch, jedoch alles andere nicht mehr. Jene, die wiederauferstanden waren, lagen am Boden, stärker noch malträtiert als zuvor. Das Hufgetrampel verriet ihm den Plan der Belagerten.

    „Zurück! Macht Platz!“, gab er Befehl. Waren sie zuvor stets geordnet, so lösten sie für den Moment ihre Formation auf, um den Reitern Platz zu machen. Der Anblick dieser zog ihn für einen Moment in seinen Bann. Die schwere Rüstung, die Kavalleriesäbel und die gerüsteten Rösser hatten etwas an sich, was ihn faszinierte. Schnell besann er sich aber wieder.

    „Keilformation! Stichwaffen voran, dann Äxte, zuletzt Kolben!“, rief er den nächsten Befehl aus. Einige schnelle Schritte voran machte er. Die Spitze sollte ihm gehören. Neben ihm nahmen die Waffenbrüder Aufstellung. Jeweils einen Schritt schräg hintereinander positionierten sie sich. Als das Klappern abebbte und nur noch das Tosen der Schlacht zu vernehmen war, hob er sein Schwert. Einen Wink voran machte er mit diesem.

    „Angriff!“, kam aus tiefster Kehle.

    „Für Familie und Heimatland!“, stimmten die Männer um ihn mit ein. Der Keil setzte sich in Bewegung. Sie nahmen Geschwindigkeit auf und stießen mit voller Wucht in die Flanke des Feindes, der versuchte die Verteidigung der Bresche zu durchbrechen. Überrascht waren diese, sodass es ein leichtes war, dem ersten Gegner das Schwert in die ungeschützte Seite hinein zu treiben. Dank des Keils trennten sie einen kleinen Teil der heranbrandenden Gegner ab, der eingekesselt wurde und rasch niedergemacht. Das Schwert zog er zurück, fing einen Schildschlag mit dem eigenen Schild ab und stieß über ihn hinweg mit dem Schwert nach unten gen Brust des überraschten Mannes. Unter der Achsel drang das Schwert ein, gerade dort, wo die Schwachstelle im leicht rostigem Kürass des Mannes sich befand. Mit blutigem Gurgeln sank er zu Boden. Während die Männer zu seiner rechten sich des Angriffs erwehrten, hatten die zu seiner linken das Abschlachten beendet und stießen weiter voran, sodass die Linie wieder gebildet werden konnte. Als dies geschehen war, öffneten sie sie etwas, sodass auch die restlichen Verteidiger sich dem Kampf anschließen konnten. Einen weiteren Schlag lenkte er mit dem Schild zur Seite ab, stieß dem Gegner seines Nebenmannes die Klinge in die Seite und zog sie wuchtig zurück, sodass der Knauf gegen die Schläfe des eigenen Kontrahenten prallte. Benommen taumelte dieser. Ein Schlag mit dem Schild schickte ihn zu Boden. Die Spitze des Schwertes bohrte sich darauf in den Hals des am Boden liegenden Mannes. Als er den Blick wieder hob, war sah er keinen Feind mehr. Der Ausfall der Reiter hatte die am Waldrand befindlichen Reihen ausgemerzt. Jene, die noch stark genug waren, zu gehen, flüchteten. Erst jetzt fiel ihm auf, dass es schneite.

    „Der Adler obsiegt!“, stimmte einer seiner Männer mit erhobenem Kolben den Siegesruf an. Fürwahr, sie hatten gesiegt. Noch einmal wanderte das Augenmerk über das vor ihm liegende Schlachtfeld, dann hob er ebenso das Schwert, um in den aufkommenden Jubel einzustimmen. Die Schlacht war gewonnen. Der Krieg war aber noch nicht entschieden.

  • Prinz Rabe

    24.04.2018

    Es war einmal ein alter und weiser Graf, der in der wehrhaftesten und schönsten Burg des Königreiches lebte. Eines Tages geschah es, dass seine geliebte Frau verstarb, die ihm viele Jahre lang treu zur Seite stand und ihm viele wundervolle Kinder geschenkt hatte. Der alte Graf aber fühlte sich noch nicht dazu berufen, seine Ländereien seinen Kindern zu überlassen und seiner Frau zu folgen. So verblieb er auf seinem Thron.

    Nach einiger Zeit ergriff ein beklemmendes Gefühl den alten Grafen, welches er lange Zeit nicht zu deuten wusste, schlussendlich aber als Einsamkeit identifizieren konnte. So schickte er seine treuen Gefolgsleute aus, dass sie ihm eine neue Frau finden sollen, die seiner Burg würdig ist. Sie sollte schön wie die großen Türme und standhaft sein wie die Mauern. Die Gefolgsleute suchten im ganzen Land und schlussendlich fanden sie eine Frau, die dem alten Grafen würdig sein würde.

    Einer der jungen Pagen überbrachte seinem Herren die frohe Kunde: „Mein Graf, wir haben eine Frau gefunden, die euren Ansprüchen entspricht. Wir schickten eine Kutsche nach ihr, auf dass sie sie hierher zur Burg bringen werden.“

    Sichtlich erfreut über die frohe Nachricht zeigte sich der alte Graf, bis der Page fortsetzte: „Jedoch hat sie einen Liebhaber, den es gilt aus dem Weg zu schaffen.“

    Der Graf scholt den Pagen und schickten ihn hinfort. Auf seinem Throne ließ er sich wieder nieder und stützt sein Kinn in die Hand, während der Ellenbogen auf der Armlehne ruhte. So blickte er in die dunkle Leere seines Thronsaales und ersann sich eine List, um den Liebhaber aus der Welt zu schaffen, noch bevor seine Erwählte einen Fuß in die Burg setzen würde.

    Die List gelang und schon bald wurde Hochzeit auf der Burg gefeiert. Die schönste und größte Hochzeit, die das Land je gesehen hatte und auf die selbst der König des Landes neidisch war. Das Hochzeitskleid bestand aus solch schimmernder Seide das man meinen konnte, man blickte direkt in die Sonne wenn man die Braut betrachtete. Drei Tage und drei Nächte lang feierte die Gesellschaft, die den alten Grafen zu seiner neuen Frau beglückwünschte, ohne den Gram zu bemerken, den diese aufgrund des gestohlenen Liebsten hegte.

    Einige Monde zogen in das Land, eh der Graf seines Alters wegen zu Bette geworfen ward. Seine Frau, üher ihren Gram erhaben, pflegte ihren Mann, wie es ihre Pflicht von ihr verlangte. Trotz der Pflege verging das Leben des alten Grafen mehr und mehr, bis es schließlich erlosch. Seinen letzten Wunsch vermochte er noch gen seiner Frau zu äußern: „Suche dir einen Mann, der deiner würdig ist, denn ein Tag ist wertlos ohne die Nacht. Du sollst wieder heiraten und ist dies geschehen, wirst du all meine Ländereien und Reichtümer erben.“ Wohliwssend äußerte er diese Worte, dass seine Frau nach dem Geliebten suchen würde, aber ihn niemals finden.

    Das Land versank in tiefer Trauer um den alten, beliebten Grafen und das Schwarz sah man für einen vollen Mond überall, wo man nur hinblickte. Als der Mond vergangen war, ließ die Witwe ein Fest ankündigen, welches arm und reich hervorlocken sollte, um den Wunsch ihres verstorbenen Gatten zu erfüllen. Insgeheim hoffte sie dabei, dass ihr Geliebter auch zu diesem Feste finden würde.

    So kam es, dass dies Fest gefeiert wurde und die Gräfin im Mittelpunkt stand. Wann immer auch ein Mann zu ihr trat, begutachtete sie diesen kurz und schüttelte dann nur ablehnend ihr Haupt. Nie war der rechte dabei und so verging der Abend, ohne dass sie ihren Geliebten fand, bis nur noch die leisen Rufe einer Krähe durchden festlichen Saal zu hören war.

    Drei weitere Tage der Festlichkeiten vergingen und drei weitere Tage ohne ihren Geliebten zu finden. Schlussendlich gab sie die Hoffnung auf, ohne dass es ihre Buhler taten. Zwei Grafen taten sich dabei am meisten hervor. Alte Freunde und doch in dieser Sache verfeindet. Männer von Ehre waren sie und so wollten sie ihren Kampf gerecht führen. Der eine war schlau und schön, der andere von mächtigem Bilde und großer Stärke.

    „Wie sollen wir nur ihrer gewahr werden?“ Fragte der Starke den Schlauen, da dieser stets einen guten Rat wusste.

    „Wir müssen sie dazu verleiten, sich in einen von uns beiden zu verlieben, auf dass sie uns ihre Hand reicht und damit ihre Schönheit.“

    „Doch wie sollen wir dies bewerkstelligen?“ So brüteten sie die ganze Nacht über ihrem Probleme, bis wieder nur die Rufe des Raben durch den Saal zu hören waren. Unverichteter Dinge machten sie sich auf den Weg in ihre Gemächer.

    Der Starke wollte sich gerade auf dem Bette niederlassen, als ein Rabenruf vom Fenster ihn lockte: „Komm zu mir, mein Freund, ich habe eine Lösung für dein Problem.“

    Der Graf wandte sich dem Raben zu und ohne, dass er ein Wort sprechen konnte, erklärte sich der Rabe: „Ich habe davon gehört, dass du die Gräfin zu deiner Liebsten machen willst, dir dies jedoch nicht recht gelingen will. Ein starker und gewandter Graf wie du aber braucht ihr nur seine Stärken zeigen und schon wird sie sich in dich verlieben.“

    „Und wie soll ich dies bewerkstelligen?“ Fragte der starke Graf und besah sich den Raben dabei unschlüssig.

    „Bringe ihr den größten Stein, den du tragen kannst. Bringe ihr einen Ast vom ältesten Baum der Welt, hoch oben auf den Gipfeln. Bringe ihr die Pfote des schnellsten Tieres dieser Welt. Bringe ihr dies und sie wird dein sein.“ So sprach der Rabe und kaum dass das letzte Wort verklungen war, erhobe er sich vom Fenstersims und flog in die Nacht hinaus.

    Der schlaue Graf, der gerade die Augen schloss, wurde ebenso von einem Rabenruf von seinem Unterfangen abgehalten und besah sich das Tier, dass auf seinem Fenstersims gelandet war.

    „Komm zu mir, mein Freund, ich habe eine Lösung für dein Problem.“ Rief der Rabe ihm zu und der Schlaue erhob sich nach einem Moment des Zögerns. Raben waren für ihre Schläue bekannt und keiner sollte schlauer als er sein.

    „Ich habe davon gehört, dass du die Gräfin zu deiner Liebsten machen willst, dir dies jedoch nicht recht gelingen will. Ein schlauer und schöner Graf wie du aber braucht ihr nur seine Stärken zeigen und schon wird sie sich in dich verlieben.“ Sprach der Rabe verheißungsvoll und ließ die Zweifel damit erlischen.

    „Bringe ihr eine goldene Kugel, wunderschön und strahlend wie die Sonne selbst. Bringe ihr eine goldene Harfe, deren Schönheit im Aussehen nur noch von der Schönheit im Klang übertroffen wird. Bringe ihr ein goldenes Kleid, auf dass sie selbst zur Sonne wird, die sie in den Augen vieler schon ist. Bringe ihr dies und sie wird dein sein.“ So erklärte der Rabe und flog davon, ohne eine Antwort zu erwarten.

    Die Nacht verging und am nächsten Morgen machten sich die beiden Grafen getrennt voneinander auf den Weg. Während der schlaue Graf in die Stadt ging, brach der starke Graf in die Richtung der Wälder und des großen Gebirges auf. Beide wollten sie die Dinge dem Raben bringen, die er von ihnen verlangt hatte, um die Hand der schönen Gräfin zu erhalten.

    In der Stadt angekommen begrüßte man den schlauen Grafen freundlich, der auf seinem Weg über die Märkte bereits fündig wurde und einem Paar von Webern einen schillernden Stoff abkaufte, den er sogleich zu einer Schneiderin brachte, auf dass sie ihm ein Kleid darauß nähte. Während er auf die Fertigung wartete, wurde er bei einem anderem Stand fündig: Eine goldene Harfe, die im Sonnenlicht funkelte wie ein Meer aus Edelsteinen. Auch eine goldene Kugel erstand er und nachdem er die Schneiderin für ihr Werk entlohnt hatte, ging er wieder in die Richtung des Schlosses der schönen Gräfin.

    Der starke Graf kämpfte sich durch die dichten Wälder, die noch dichter wurden umso näher er dem großen Gebirge kam, welches er besteigen musste. Mit seinem Schwert kämpfte er sich durch das Geäst und das Unterholz voran, bis zum Fuße des Berges, der mit einer schier unendlichen Höhe auf ihn wartete. Wind und auch schon bald Schnee wurde ihm entgegen geschleudert. Am ganzen Leib fröstelte er, doch der Gedanke an die schöne Gräfin gab ihm immer wieder neuen Mut und eine innere Wärme, die ihn bis hinauf auf den Gipfel begleitete. Dort ragte er vor ihm auf, ein uralter Baum, der älter noch war als die Berge selbst, die sich unter ihm erst auftürmten. Den Baum erklettern vermochte er nicht und so begab er sich auf die Suche nach einem heruntergefallenem Ast. Es dauerte lange Zeit, bis er fündig wurde.

    Den wertvollen Ast schützend an sich gedrückt ließ der Starke den alten Baum in seinem Rücken, um sich auf die Suche nach einem Stein zu begeben, den er gerade so heben konnte. Sein Weg führte ihn über das große Gebirge hinweg, wo er hier und da einen Stein der Probe halber anhob, doch waren sie zu schwer oder nicht schwer genug, als dass er sie für würdig befand. Erst als er knapp einer Lawine aus Geröll auswich, die vom Gipfel ihm auf seinem Pfade entgegen rollte, entdeckte er den Stein, der würdig war als der schwerste zu gelten, den er tragen kann.

    Mit Stein und Ast verließ er den Berg, um neuerlich durch den Wald zu streifen, in dem ein Hase leben sollte, der schneller noch als das Licht selbst war. Einige Male spürte der starke Graf, wie etwas an seinem Bein vorbeirannte, doch sehen konnte er nie etwas. Den Stein legte er ab und ließt sich auf diesem nieder, um mit dem Ast auf dem Schoße über eine Lösung nachzusinnen. Die gesamte Nacht und den darauffolgenden Morgen verbrachte er mit dem Nachdenken, eh ihm eine Idee kam. Den Stein hob er an und baute mit Hilfe des Astes und einiger Leckereien eine Hasenfalle, um sich daraufhin im Gebüsch zu verbergen. Es dauerte auch nicht lang und der Ast löste sich, auf dass der Stein niederfiel und als der Graf diesen wieder anhob, fand er darunter den erschlagenen Hasen, den er seiner Pfote beraubte. Getaner Arbeit machte er sich auf den Weg in Richtung de Schlosses der schönen Gräfin.

    Schon bald veranstaltete die Gräfin wieder ein Fest, um sich einen Mann für ihre Seite zu suchen, ohne dabei auf ihren Geliebten zu warten. Die beiden Grafen waren anwesend und so traten sie an die Gräfin heran, um ihr die Dinge zu bringen, die der Raben ihnen verheißungsvoll aufgetragen hatte. Der Schlaue ließ dem Stark den Vortritt, um zu sehen, wie dieser agierte. So trat der starke Graf an die Gräfin heran und legte den Stein nieder.

    „Diesen hier habe ich in den Bergen gefunden.“ Sprach er und legte den Ast daneben.

    „Diesen hier fand ich nach einer Reise auf den höchsten Gipfel, zum ältesten Baum.“ Berichtete er und legte dann die Hasenpfoten ebenso vor die Gräfin.

    „Und diese hier nahm ich nach einem kurzem Kampf dem Hasen ab.“ Beendete er die Vorstellung seiner mitgebrachten Geschenke und blickte erwartungsvoll in das Antlitz der Gräfin. Diese aber schien wenig beeindruckt und so trat der Starke unter einer Entschuldgung zurück, um seinem alten Freund den Platz zu überlassen.

    Der schlaue Graf machte eine Verbeugung, schwungvoll und elegant wie er auch selbst war. Das goldene Kleid überreichte er als erstes der Gräfin und sprach dazu: „Dieses Kleid, meine Sonne am Himmel, habe ich euch von einer Schneiderin machen lassen, die aus den feinsten Stoffen wahre Wunder vollbringen kann und der man sogar nachsagt, dass sie selbst aus Spinnenweben Kleidung fertigen kann. Den Stoff allerdings nahm ich zwei Webern ab, die für einen Kaiser einen Stoff weben sollten, der noch schöner ist als es ihr seid, meine Gräfin. Dieses Wunder konnte ich nicht in unwürdigen Händen wissen und so brachte ich ihn an mich, um euch damit zu ehren.“

    Sichtlich erfreutüber die schönen Worte und das schöne Kleid war die Gräfin und folgte so der Ausführung des schlauen Grafen weiter, als er die goldene Kugel ihr überreichte: „Diese Kugel, mein hellster Stern der Nacht, nahm ich einer Prinzessin ab, die damit unachtvoll umging. Ich verkleidete mich als Frosch und setzte mich an den Brunnen im Wald, an dem sie so gerne mit dieser Kugel spielte. Als sie ihr einmal in den Brunnen fiel, nahm ich sie an mich und brachte sie euch, die ihr niemals unachtvoll mit Geschenken umgehen werdet, wie eure Schönheit eines ist.“

    Wieder zeigte sich die Gräfin beeindruckt.und geschmeichelt. Der Blick fiel auf die goldene Hare, die der schlaue Graf ihr überreichte und sie lauschte seinen Worten: „Diese Harfe, meine schönste Melodie des Lebens, ist von solch lieblichem und reinem Klang, der nur von eurer Stimme übertroffen wird. Ich nahm sie von einer Sirene, die auf einem Steine draußen an der Küste saß. Wie so viele vor mir sog sie mich in ihren Bann mit ihrem Spiel, doch musste ich nur an euch denken, die ihr so viel schöner seid als ihr und ich konnte mich aus ihrem Bann lösen. Als ich der Sirene von euch berichtete, übergab sie mir ihre Harfe, auf dass ich sie euch bringen und sie ward nie mehr gesehen.“

    Vollkommen entzückt von der Schönheit der Geschenke und von den Geschichten verzaubert fiel die Wahl der Gräfin schnell auf den schönen Grafen, dem selbst der starke Graf ein anerkennendes Wort schenkte. Auf dem Turm, den die Geschenke bildeten, ließ sich der Rabe wie auf einem Throne nieder und blickte dem neuen Paar entgegen.

    „Mein Versprechen ist gehalten, edler Graf. Doch wie steht es um meinen Lohn? Einen Kuss der Gräfin wünsche ich mir und dann werdet ihr mich nie mehr sehen.“ Sprach der Rabe. Die Gräfin zeigte sich schockiert ob des Tieres, welches einen Kuss von ihr forderte, doch der schlaue Graf war noch immer ein Ehrenmann und so überredete er seine neue Braut den Wunsch zu erfüllen. Diese schritt zögerlich zum Raben hin und beugte sich zu ihm, um ihm einen Hauch eines Kusses auf den Schnabel zu geben.

    Die Federn des Vogels begannen abzufallen und auch der Schnabel verschwand. Aus der einstigen Vogelgestalt bildete sich ein Mensch, den die schöne Gräfin sogleich als ihren Geliebten erkannte, den sie schon lange verloren geglaubt hatte. Die Wahl des schlauen Grafen machte sie ungeschehen und so wurde schon bald Hochzeit gefeiert. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

  • Der Teufelsforst

    04.05.2018

    Es war einmal ein Jägersmann der inmitten des dichten Waldes in einer Hütte lebte. Fleißig ging er jedem Tag seinem Handwerk nach und stellte so Leder und Fleisch bester Qualität her. Es dauerte nicht lang, eh er im gesamten Land für seine Waren bekannt war und selbst der König seinen Namen wusste. Auch fanden einige Frauenzimmer den Weg in seine Hütte, um um seine Gunst zu feilschen, doch keine von ihnen wollte der Jägersmann zu seinem Weibe nehmen.

    Eines Abends fand sich eine Reisende in seiner Hütte ein, die seinen Namen nicht kannte und auch seinen Ruf nicht. Sie war eine Umherziehende, die sich im dichten Wald verlaufen hatte und nun Obdach suchte. Der Jägersmann gewährte sie ihr und als sie am nächsten Tag gehen wollte, bat er sie zu bleiben. Viele Tage hintereinander geschah dies, bis er diese Frau zu seiner Frau machte. Während er seinem Handwerk nachging, sorgte sie sich um den Haushalt. Es fehlte ihr an nichts und der Jäger behandelte sie stets gut. Bald schon schenkte sie ihm einen Sohn und ein Jahr darauf eine Tochter. Er ward so der glücklichste Mann des gesamten Landes.

    Die Jahre zogen ins Land und die Wildbestände des Waldes wurden immer knapper. Er legte Fallen aus, um zu fangen was auch immer dem Wald seine Wildbestände stahl. Immer seltener brachte der Jägersmann jedoch Beute mit Nachhause und so geschah es, dass die Familie alsbald hungern musste. Der Ruf des Jägers schwand immer mehr und als er den König um ein Darlehen bat, um an seiner Hütte das Dach reparieren zu können bevor der Winter hereinbracht, kehrte dieser ihm nur den Rücken zu und ließ ihn aus seinem Thronsaal entfernen. Sein Name geriet in Vergessenheit ebenso schnell wie er in aller Munde geraten war.

    Der folgende Winter war kalt und lang. Er setzte der Familie hart zu und nahm ihr schlussendlich den Sohn, der auf der Suche nach Beeren im Wald erfroren war. Der Jäger und seine Frau trauerten schwer. Die Schuld am Tode des Sohnes gab seine Frau dem Jäger und so zerstritten sie sich. Als der Frühling in das Land zog, zog auch die Frau davon mitsamt ihrer Tochter, sodass der Jäger allein in seiner Hütte zurück bleib. Sein Handwerk aufgeben wollte er trotz allem jedoch nicht.

    Eines Morgens, als er mit der Büchse durch den Wald streifte, auf der Suche nach Wild, roch er schwefligen Duft und hörte Flüche der übelsten Art. Langsam und vorsichtig näherte er sich der Quelle und entdeckte den Gehörnten, verfangen in eine seiner Bärenfallen. Voller Mut näherte er sich dem großen Übel, denn er hatte ohnehin nichts mehr zu verlieren, dachte er bei sich.

    „Das größte Übel dieser Welt, gefangen in einer weltlichen Falle, die eigentlich für Bären gedacht ist.“ Begann der Jäger zu sprechen und sah dem Teufel in das schmerzverzerrte Angesicht. Ein Fauchen war die Antwort und er wand sich, versuchte sich aus der Falle zu befreien, doch es gelang ihm nicht.

    „Befreie mich aus dieser Qual!“ Zischte der Leibhaftige dem Jäger entgegen und seine gelb glühenden Augen fixierten den Mann, der mit der Büchse auf der Schulter vor ihm stand und sich das Lachen nun schwerlich verkneifen konnte. Ein spottender Blick traf den, vor dem die anderen Menschen all die größte Angst hatten.

    „Was soll ich davon haben, Teufel?“
    „Ich gewähre dir einen Wunsch! Alles, was du haben willst soll dein sein, nur wenn du mich aus dieser Schmach befreist und niemand darüber berichtest.“

    Das Angebot ließ den Jäger nachdenklich zurück. Er wog ab, welcher Wunsch schwerer in seiner Brust war: Der Wunsch nach seiner Frau und Tochter oder der Wunsch nach seiner Arbeit. Wenn allerdings das Wild wieder in den Wald zurückkehrte und er seinem Handwerk wie zuvor nachgehen konnte, würde seine Frau von allein den Weg zurück zu ihm suchen, so dachte er sich und fasste damit einen Entschluss.

    „Früher, da war dieser Wald voll von Wild. Jeden Tag brachte ich einen Hirsch nach Hause, schöner noch als der des Vortages. Doch nun ist nichts mehr davon vorhanden. Ich will, dass es wieder so ist und dass ich meiner Arbeit wie früher nachgehen kann.“ Äußerte der Jäger seinen Wunsch. Der Gehörnte sah ihn an. Ein Nicken folgte, dann ein Grinsen auf seinen wulstigen Lippen.

    „So soll es sein. Der Wunsch jedoch ist groß und so verlange ich jede Jungfrau, die diesen Wald je betreten wird.“ Sprach der Teufel feierlich. Der Jäger ging auf den Pakt ein und befreite den Teufel aus seiner Situation. Als die Bärenfalle gelöst war, löste auch der Teufel sich in einer gelblichen Wolke voller Schwefelgestank auf und ließ seinen Retter zurück, der den Weg in seine Hütte antrat. Schon auf diesem kurzen Marsch sah er, dass der Teufel Wort hielt, denn ein Hirsch sprang durch das Unterholz, stolz und mächtig. Eine reiche Beute würde er ergeben, dachte der Jäger bei sich und ging frohen Mutes voran.

    Nur einen Tag dauerte es, eh der Jäger wieder Beute machte und den prachtvollsten Hirsch schoss, den er je gesehen hatte. Das Fleisch war köstlich und das Leder von einer Qualität, die eines Königs, nein sogar eines Kaisers würdig war. Der Teufel hatte seinen Teil der Abmachung eingehalten und so geschah es, dass der Jäger zu seinem alten Ruhm und Reichtum zurück gelangte. Als dieser sich immer mehr mehrte, beschloss er die Jägerhütte hinter sich zu lassen und ließ in seinem Auftrag ein großes Jagdhaus inmitten des Waldes erbauen. Die geliebte Frau des Jägers jedoch kehrte nicht wieder, so sehr er sich auch bemühte.

    Alsbald war das Jagdhaus fertig und der Jäger suchte sich Jünglinge, die den Beruf des Jägers erlernen wollten. Unter ihnen befand sich ein unscheinbarer Jüngling, der aus einfachem Hause kam, dennoch aber seinen eigenen Charme besaß. Wie die anderen Jünglinge so wurde er auch des Jägersmannes Gehilfe, der fortan nur noch als der Meisterjäger im Land bekannt war.

    Einige Monde zogen vorüber und zur Überraschung des Meisterjägers wollte der König ihm einen Besuch im Jagdhaus abstatten, welches er als Stolz des gesamten Forstes, sogar des gesamten Landes benannte. Die Bitte des Jägers die Königstochter im Schloss zu lassen schmetterte der König ab und dem Meisterjäger wurde bang, wusste er doch das jede Jungfrau, die den Wald betreten würde, Beute des Teufels war. Voller Sorge und Gram ließ er von seinen Gesellen das Jagdhaus gestalten, die besten Speisen für den König auftischen und sein eigenes Zimmer innerhalb des Jagdhauses für den hohen Besuch herrichten.

    Gerade als die Vorbereitungen abgeschlossen waren, traf der König mitsamt Tochter und Frau in dem Jagdhaus ein. Dem Meisterjäger fiel ein Stein vom Herzen, als er die Königstochter gesund und munter erblickte. Der Pakt, so dachte er bei sich, war wohl gebrochen oder nie vollzogen wurden. Bis tief in die Nacht hinein tafelte der König mitsamt dem Gefolge und den Jägern. Sie aßen und tranken dabei. Der Jägergeselle erweckte das Interesse der Prinzessin, doch schmetterte er sie ab mit der Begründung, dass sein Herz schon einem anderem Mädchen gehörte. Die Königstochter, beleidigt von dieser Ablehnung, trat zu ihrem Vater hin und bat ihn, den Gesellen bloßzustellen. Dieser lehnte den Wunsch seiner Tochter ab, erdachte aber eine List, um ihm doch noch nachzukommen.

    Am nächsten Morgen beliebte es dem König, dem Meisterjäger bei der Jagd zuzusehen und auch seinen besten Gesellen sollte er mit sich bringen. Ein Wettschießen sollte es geben. Wer als erstes einen Hirsch erlegte, der sollte die Hand seiner Tochter gewinnen.

    Die Fährte eines Tieres nahmen sie schnell auf und im gespannten Gefolge des Königs spürten sie das junge Reh auf. Der Meisterjäger ließ seinem Gesellen den Vortritt, denn er gönnte ihm die Prinzessin, für die er sich selbst als zu alt befand. Zudem hoffte sein Herz noch immer auf die Rückkehr der verschollenen Frau.

    Der Geselle, voller Missmut ob des versprochenen eigentlichen Lohnes, pirsche sich an das Tier heran, in einigen Fuß Abstand verfolgt vom König und dem Meisterjäger selbst. Doch als der Geselle das Reh genauer sah, welches sie da auf einer kleinen Lichtung aufgespürt hatten, wurde ihm bang ums Herz. Auf das Drängen seines Meisters hin legte der Geselle die Büchse an, doch zu schießen vermochte er nicht. Etwas an diesem Reh kam ihm so bekannt vor und er erschrak, als er bemerkte, was es war: Die Augen des Tieres. Sie glichen denen seiner Geliebten und so legte er die Büchse zur Seite, um unter den verwunderten Blicken seiner Begleiter näher an das Reh heran zu treten. Die Warnung, dass er das Tier so verscheuchen würde, ignorierte er, denn das Reh bewegte sich nicht von der Stelle, auch nicht als der Geselle ihm über den Kopf strich. Liebevoll flüsterte er den Namen seiner Geliebten. So geschah es, dass das Reh sich zu verwandeln begann und seine Hand auf dem Schopfe der Geliebten lag, die er sogleich in die Arme schloss. Mit Erstaunen erkannte der Meisterjäger in dem Mädchen, welches noch eben ein Reh gewesen war, seine eigene Tochter wieder.

    Einen Wimpernschlag darauf vernahm man Geruch von Schwefel. Der Leibhaftige, aus dem Boden empor gekrochen, schritt auf den alten Jäger und seinen Begleiter zu. Der König erstarrte, fiel auf die Knie und kauerte sich voller Demut zusammen. Wimmernd bettelte er darum, dass man ihm nichts tun möge. Der Teufel hingegen hatte keinerlei Interesse an ihm. Er baute sich vor dem Meisterjäger auf. „Du hast deinen Pakt gebrochen. Jede Jungfrau, die diesen Wald betreten hat, hast du mir versprochen, wenn ich dir nur Wild beschaffe und das habe ich. Jede Jungfrau verwandelte ich in ein prächtiges Tier und du, du hast sie gejagt, ihr Fleisch gegessen ihre Haut verkauft und ihre Seelen mir überlassen, um dich selbst daran zu bereichern, dich allein und um deine Ziele zu erreichen. Und mich, mich nennst du einen Teufel.“ So sprach der Teufel voller Hohn und Abscheu. Die Schultern des alten Mannes packte er und grinste ihn mit verzerrter Fratze an. „Nun allerdings endet dies Spiel und mit ihm dein Leben.“ Ein Lachen vernahm man noch auf die Worte hin, dann ward der Teufel mitsamt seiner Beute verschwunden.

    Der König erhob sich wieder, als der Teufel verschwunden war und blickte zu dem jungen Liebespaar hin, welches eng umschlungen dort stand und auch er begriff, dass seine Tochter diese Liebe nur zerstören würde. Gemeinsam gingen sie zum Jagdhaus zurück und bald schon wurde in diesem Hochzeit gefeiert, zwischen dem neuen Meisterjäger und seiner Frau. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.